Die Entwicklung und Herstellung von Kunststoffmischungen, sogenannten Compounds, erfordert umfangreiches Fachwissen. Bei der Kabelproduktion beschränkt sich die Ingenieurskunst nicht nur auf den Aufbau, die Schirmung oder das Verseilen der Leitungen, sondern auch auf deren Ummantelung. Kunststoffmäntel weisen je nach Zusammensetzung große Unterschiede in Eigenschaften wie Flammwidrigkeit, Zugfestigkeit oder Wärmebeständigkeit auf. Viele Anwendungen verlangen daher nach speziell abgestimmten Compounds mit individuellen Eigenschaften.
Ein neues Compound für einen Kabelmantel entsteht jedoch nicht einfach durch das Vermischen zweier Materialien. „Beim Compound handelt es sich um sehr komplexe Produkte“, erklärt Pascal Wolfer, promovierter Materialwissenschaftler der Schweizer Lapp Engineering AG, der gemeinsam mit zwei weiteren Kollegen für die Compound-Entwicklung zuständig ist. „Sie enthalten bis zu 20 Einzelkomponenten. Für eine kundenspezifische Anforderung testen wir dabei meist zwischen sechs und zehn Rezepturen pro Entwicklungsloop.“ Kommt ein Kunde mit einer Anforderung auf Lapp zu, erarbeitet ein Expertenteam bei Lapp aus den Spezifikationen der Anwendung verschiedene Rezepturen.
Der iterative Prozess umfasst dabei mehrere Schritte von der Analyse der Spezifikationen über die Rezepturausarbeitung bis hin zur Probeextrusion und anschließender Fertigung eines Kabelprototypen. Der Entwicklungsloop wird dabei in der Regel mehrmals durchgeführt, bis alle Anforderungen an das Compound erfüllt sind. „Pro Loop benötigen wir rund zwei bis sechs Monate“, ordnet Wolfer ein. Er zählt auch zu dem Expertenteam von Lapp, das sich aus Kollegen aus Deutschland, der Schweiz, Indien und Korea zusammensetzt und sich intensiv mit dem Thema Compound-Entwicklung und -herstellung befasst. Das Ziel: Die Wettbewerbsfähigkeit von Lapp erhöhen.
Eigene Anlage erhöht Wettbewerbsfähigkeit
„Die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, funktioniert am einfachsten, je tiefer man in die eigene Wertschöpfungskette einsteigt“, erklärt Matthias Lapp, CEO der Lapp Gruppe. Die Lösung: eine eigene Compoundier-Anlage in Indien. „Für einen Lösungsanbieter wie wir es sind, liegt der Schritt, eine Compound-Herstellung aufzunehmen also nahe. So sind wir nicht von Lieferanten abhängig und können uns darüber hinaus als Marktführer positionieren“, erklärt Lapp die strategische Entscheidung. Und das funktioniert: Mithilfe der eigenen Produktionsanlage können die Kosten für Compounds gegenüber dem Einkauf bei externen Lieferanten um fünf bis zwanzig Prozent reduziert werden. Das zahlt sich dann wiederum auch für die Kunden von Lapp aus.
Für Indien spricht Vieles
Aber warum gerade Indien als Standort für die Compound-Herstellung? Dafür sprechen mehrere Gründe: Rund 50 Prozent der Produkte, die heute in den Werken von Lapp in Bhopal und Bangalore produziert werden, sind an den indischen Markt angepasst und entsprechen den lokalen Standards, besonders im Hinblick auf die dortige Preisstruktur und technische Merkmale. „Die Auflagen für Kabel und Kunststoffe sind in Indien sehr hoch, sodass es hier vor allem um Lösungen für sehr spezifische Anforderungen, beispielswiese für den indischen Bahnverkehr geht“, erklärt Matthias Lapp.
Hierfür braucht es dementsprechend auch Kunststoffe, die bestimmte Anforderungen erfüllen, doch die Zahl der Anbieter in diesem Bereich ist gering. Sie müssten von den Herstellern nach Indien und durch die Zölle der einzelnen asiatischen Länder transportiert werden. Die Konsequenz: Abhängigkeiten von Lieferanten sowie lange Transportwege mit erheblichem CO2-Austoß. „Daher haben wir entschieden, eine eigene Compoundier-Anlage aufzubauen, mit der wir in Indien und für Indien Materialien entwickeln und herstellen können“, sagt Matthias Lapp und ergänzt: „Und das hat noch einen ganz entscheidenden Vorteil: Wir können nun ganz genau bestimmen, wie die Kunststoffe zusammengesetzt sein sollen und selbst über die passgenauen Mischungen für unsere Produkte entscheiden.“ Die Rohstoffe für die Compounds werden bevorzugt in Indien eingekauft. Die Rezepturen beauftragt die indische Landesgesellschaft bei den Schweizer Kollegen von Lapp Engineering. Haben die Experten in der Schweiz den iterativen Prozess erfolgreich abgeschlossen, beginnt die Herstellung nach Maß im indischen Werk.
Erfolgsfaktor Indien
Doch das ist nicht der einzige Grund für die Standortentscheidung von Lapp. Der Anbieter von integrierten Lösungen und Markenprodukten im Bereich der Kabel- und Verbindungstechnologie ist bereits seit 1998 auf dem indischen Markt präsent. Während andere Unternehmen sich jahrelang ausschließlich auf China fokussierten, knüpfte Lapp schon früh enge Beziehungen zum zwischenzeitlich bevölkerungsreichsten Land der Erde – und lag hiermit goldrichtig. Denn Indien hat nicht nur eine der größten und am schnellsten wachsenden Bevölkerungen der Welt, auch die indische Wirtschaft verzeichnete in den letzten Jahrzehnten ein stetes Wachstum. Entsprechend verfügt das Land über eine große Anzahl gut ausgebildeter Fachkräfte und Talente, eine immer bessere Infrastruktur und eine wachsende Mittelschicht. Während neue Marktteilnehmer in Indien noch mit Markteintrittsbarrieren zu kämpfen haben, ist Lapp hier bereits etabliert und mit der indischen Entwicklung wortwörtlich mitgewachsen. „Entscheidend war hier unsere geduldige Herangehensweise an das Land und seine Kultur“, weiß Matthias Lapp. „Indien funktioniert anders als Deutschland und Europa. Wir haben das Tempo, in dem sich Geschäfte hier entwickeln, anerkannt und uns darauf eingelassen. Das hat definitiv zu unserem Erfolg beigetragen.“ Die starke Stellung in Indien will Lapp dementsprechend weiter ausbauen und investiert im Rahmen der Unternehmensstrategie massiv in die Region und in den indischen Markt.
Dementsprechend umfasst die neue Produktionsanlage in Bhopal ganze 36.000 Quadratmeter. Ausgestattet mit modernsten Technologien, inklusive eines automatisierten Dosiersystems, kann hier in großem Maße produziert werden. „Wir sind stolz auf unser Team in Indien und seinen Einsatz für die Innovationen bei Lapp“, lobte Matthias Lapp bei der Einweihung des Werks im Frühjahr 2024 die gemeinschaftliche Leistung der Mitarbeitenden der Landesgesellschaft.
Eigene PVC und Spezial-Compounds
Der Fokus der Anlage liegt auf dem Kunststoff Polyvinylchlorid, kurz PVC, der besonders häufig für Kabelisolierungen und -ummantelungen zum Einsatz kommt. PVC ist ein hervorragender Isolator für elektrische Kabel und schützt vor Kurzschlüssen und elektrischen Schlägen. Es kann darüber hinaus hohe Temperaturen aushalten und ist beständig gegen viele Chemikalien, Öle und Lösungsmittel. Als von Natur aus flammhemmender Kunststoff verringert das besonders langlebige PVC das Risiko eines Kabelbrands. Für Kunden aus Maschinenbau und Industrie ist es dementsprechend oft die erste Wahl. Zwei der drei Produktionslinien im neu eröffneten Werk sind daher auch auf den beliebten Kunststoff ausgelegt.
Darüber hinaus fertigen die indischen Kollegen von Lapp am Standort an einer dritten Produktionslinie Spezialcompounds für kundenspezifische Lösungen. Dabei entstehen neuartige Mischungen mit einzigartigen Eigenschaften für die unterschiedlichsten Anwendungsfälle, sodass Lapp dem Wettbewerb immer einen Schritt voraus bleibt und gleichzeitig neue Marktanforderungen oder -standards schnell bedienen kann. Besonders wichtig wird das für Kunden, die hohe gesetzliche oder regulatorische Anforderungen erfüllen müssen, aus Branchen mit strengen Sicherheits- und Qualitätsstandards, wie beispielsweise Luft- und Raumfahrt oder Medizintechnik. Für Lapp selbst bedeutet das vor allem, eine konsistent hohe Produktqualität bieten zu können sowie eine effiziente Nutzung der Rohstoffe sicherzustellen – ohne Abhängigkeit von der Qualität eines externen Lieferanten. Rund 13.000 Tonnen Kunststoff pro Jahr laufen in der hauseigenen Fertigung bisher vom Band. Die Kapazität soll sich in den kommenden Jahren sukzessive erhöhen.
Die Compound-Entwicklung und -herstellung bei Lapp ist für Pascal Wolfer mittlerweile eine Herzensangelegenheit: „Das alles funktioniert vor allem durch die großartige Zusammenarbeit zwischen den Landesgesellschaften von Lapp und den Kollegen, die sich diesem Projekt widmen“. Die Beteiligten stehen in engem Austausch – sowohl bei der Entwicklung der Rezepturen als auch bei deren Evaluierung des Compoundier-Equipments und bei der Optimierung von Verarbeitungsprozessen. Mehrfach hat er bereits die Produktionsanlage in Indien besucht, während ein indischer Kollege dafür das Schweizer Entwicklungsteam bereiste.