„Erst planen, dann verdrahten!“

Der sichere Weg zur 800-Volt-Infrastruktur

Anna-Katharina Deiters, Product Marketing Specialist bei ABB, ist der Meinung, dass eine klare Anlagenstruktur, Kennzeichnung und Überwachung über die Verfügbarkeit und die sichere Wartung im Betrieb entscheiden.

Bild: ABB
15.06.2026

800-Volt-Infrastrukturen stellen neue Anforderungen an Planung, Schutztechnik und Netzintegration. Anna Katharina Deiters von ABB erläutert, warum Betreiber und Planer früh über Lastprofile, Wartung, Monitoring und NA-Schutz entscheiden müssen – damit aus höherer Spannung eine sichere, skalierbare und zuverlässige Energiearchitektur wird.

Frau Deiters, wenn 800 Volt zur Systemebene wird: Was muss in der Planung früher berücksichtigt werden als bisher?

Vor allem das Zusammenspiel der Komponenten. Bei 800-Volt-Infrastrukturen reicht es nicht, einzelne Betriebsmittel höher zu dimensionieren. Planer müssen früh klären, welche Leistungen übertragen werden, ob AC- und DC-Teilnetze kombiniert werden, wie sich Speicher, Ladeinfrastruktur oder PV-Anlagen verhalten und an welcher Stelle sicher getrennt oder überwacht werden muss. Schutzkonzept, Energieverteilung, Wartung und Netzanschluss gehören deshalb von Beginn an zusammen.

Welche Planungsentscheidungen sollten bei 800-Volt-Projekten besonders früh getroffen werden?

Viele Weichen werden gestellt, bevor die ersten Komponenten ausgewählt werden. Zunächst muss klar sein, welche Lastprofile zu erwarten sind, welche Ausbaureserven benötigt werden und ob die Anlage eher AC-seitig, DC-seitig oder hybrid aufgebaut wird. Davon hängen Schutzkonzept, Schaltvermögen, Wartungsstrategie und Netzanschluss ab. Wer diese Fragen zu spät klärt, riskiert spätere Anpassungen im Schaltschrank, unnötige Stillstandszeiten oder zusätzliche Abstimmungen mit dem Netzbetreiber. Deshalb ist 800 Volt vor allem eine Architekturentscheidung – und nicht nur eine Frage der passenden Nennspannung.

Wo zeigt sich im Betrieb, ob ein 800-Volt-Schutzkonzept gut geplant wurde?

Im Alltag zeigt sich das vor allem bei Wartung, Erweiterung und Fehleranalyse. Gute Konzepte ermöglichen es, einzelne Anlagenteile eindeutig zu identifizieren, sicher freizuschalten und gezielt wieder in Betrieb zu nehmen. Für Betreiber ist das ein großer Unterschied: Muss bei jeder Störung ein ganzer Energiehub stillstehen, oder lässt sich der betroffene Abschnitt eingrenzen? Genau hier entscheidet sich, ob Schutztechnik nur formal vorhanden ist oder tatsächlich zur Verfügbarkeit beiträgt. Neben geeigneten Schalt- und Trenneinrichtungen braucht es dafür auch eine klare Anlagenstruktur, verständliche Kennzeichnung und ein Monitoring, das Zustände schnell sichtbar macht.

Welche Rolle spielt der Netz- und Anlagenschutz bei PV-Anlagen, Speichern oder Ladeinfrastruktur?

Eine sehr zentrale. Sobald Anlagen Energie nicht nur beziehen, sondern auch einspeisen oder bidirektional arbeiten, wird der Netzanschlusspunkt sicherheitsrelevant. Der Netz- und Anlagenschutz überwacht unter anderem Spannung und Frequenz, erkennt unzulässige Betriebszustände und sorgt dafür, dass die Anlage im Fehlerfall sicher vom öffentlichen Netz getrennt wird. In Deutschland geben dafür die technischen Anschlussregeln den Rahmen vor – etwa die VDE-AR-N 4105 und die VDE-AR-N 4110. Für Planer bedeutet das: Die VDE-AR-N 4105 definiert den nationalen Standard für Anschluss und Parallelbetrieb von Erzeugungsanlagen am Niederspannungsnetz und nennt den Netz- und Anlagenschutz ausdrücklich als Inhalt; die VDE-AR-N 4110 legt Anforderungen für Kundenanlagen am Mittelspannungsnetz fest, darunter Erzeugungsanlagen, Speicher, Mischanlagen und Ladeeinrichtungen für Elektrofahrzeuge. NA-Schutz ist kein nachgelagerter Zusatz, sondern ein Bestandteil der Anlagenarchitektur. Mit Netzeinspeise-Überwachungsrelais wie dem CM-UFD unterstützt ABB diese Überwachungs- und Entkupplungsfunktionen in entsprechenden Schutzkonzepten.

Wie unterstützt ABB Planer und Schaltanlagenbauer über einzelne Komponenten hinaus?

Gerade bei 800-Volt-Projekten ist es wichtig, nicht erst am Ende auf das einzelne Produkt zu schauen. ABB unterstützt deshalb vor allem bei der Systemauslegung: Welche Verteilstruktur passt zur Anwendung? Wie lassen sich Schalt- und Schutzgeräte koordinieren? Welche Überwachungsfunktionen werden für Netzanschluss, Betrieb und Wartung benötigt? Hinzu kommen geprüfte Schaltungsempfehlungen, Dokumentation und technische Beratung. Für Planer und Schaltanlagenbauer reduziert das Komplexität, weil sie nicht jede Schnittstelle isoliert bewerten müssen, sondern auf abgestimmte Konzepte zurückgreifen können.

Was ist Ihr wichtigster Rat an Betreiber?

Nicht nur auf die Leistung schauen. Eine skalierbare 800-Volt-Infrastruktur braucht Reserven, aber auch ein klares Schutzkonzept, sichere Wartungsmöglichkeiten, Monitoring und einen normgerecht geplanten Netzanschluss. Erst dann wird aus höherer Spannung eine belastbare Energiearchitektur.

Lesen Sie hier die Titelstory zum Interview!

Firmen zu diesem Artikel
Verwandte Artikel