Prof. Dr. Friedhelm Loh startete seine berufliche Laufbahn mit einer Lehre zum Starkstromelektriker, studierte dann Betriebswirtschaftslehre und arbeitete danach in Unternehmen der Metallverarbeitung und Elektroinstallationsindustrie. 1974 übernahm er die Geschäftsführung des Familienunternehmens Rittal. Heute führt er die daraus entstandene Friedhelm Loh Group mit rund 12.100 Mitarbeitern weltweit. Im Jahr 2017 erhielt Dr. Loh den Ehrenprofessor für seine sozialen Verdienste und sein Engagement als Unternehmer.

Bild: Friedhelm Loh Group

Digital Industry Datensouveränität ist ein Grundbedürfnis

24.09.2020

Rittal hat einen erstaunlichen und früh begonnenen Wandel hingelegt: von Schaltschränken über Digital Engineering hin zum Lösungsanbieter und jetzt Wegbereiter europäischer Ökosysteme. Prof. Dr. Friedhelm Loh, Inhaber und Vorstandsvorsitzender der Friedhelm Loh Group, zu der auch Rittal zählt, erläutert im Gespräch mit A&D seinen Antrieb, stetig nach Innovationen zu suchen und warum er ein Verfechter der Datensouveränität ist.

Prof. Dr. Friedhelm Loh ist mit diesem Beitrag im A&D-Kompendium 2020 als einer von 100 Machern der Automation vertreten. Alle Beiträge des A&D-Kompendiums finden Sie in unserer Rubrik Menschen .

Sie treiben den Wandel und die Digitalisierung in Ihrem Unternehmen konsequent voran. War Ihnen relativ schnell bewusst, mit Schaltschränken alleine wird weiteres Wachstum schwierig?

Ja, das kann man vermuten, stimmt aber nicht. Wir sind zwar der weltweit größte Anbieter von Schaltschränken, Schaltschrank-Klimatisierung und -zubehör, aber der Markt ist weit größer. Eine Verdoppelung des Volumens im internationalen Markt ist für uns möglich. Der Grund für den Wandel ist viel einfacher: Auf mehreren Beinen steht man besser! Und die zweite Motivation ist: Mich begeistern Innovationen und neue Wege zu beschreiten. Das kommt meinem Naturell entgegen. Daher habe ich seit jeher immer wieder neue Ideen und Geschäftsmodelle umgesetzt. Vieles hat geklappt, und der Weg hat sich letztlich gelohnt.

...und Sie haben sehr früh mit der Digitalisierung in Ihrem Unternehmen begonnen!

Wir zählen sicherlich zu den Pionieren der Digitalisierung im industriellen Umfeld. Wir bauen am Standort Deutschland immer wieder neue Produktionen auf, was nicht mehr viele Unternehmen aus Kostengründen tun. Damit wir auch in 15 Jahren noch wettbewerbsfähig sind, müssen wir in modernste Technologien investieren. Die Chance der Digitalisierung habe ich deshalb immer genutzt. Das betrifft aber nicht nur die eigene Produktion. Mein Bestreben war sehr früh, die Wertschöpfungskette bei Schaltschränken vom Engineering über ein Produktportal bis hin zu Services vollständig zu digitalisieren. Ich wollte etwas Vergleichbares aufbauen, was in der IT-Welt mit durchgängiger Datennutzung bereits gang und gäbe war.

So wurden Sie also zunehmend auch ein „IT-Unternehmen“?

Das hat angefangen in den Achtzigern mit IT-Racks für Server und Netzwerke, hat sich dann über das Thema IT-Raum bis hin zum kompletten IT-Containern weiterentwickelt. Wir haben uns dann an dem Lefdal Mine Datacenter in Norwegen beteiligt. Ich wollte nicht ein beliebiger zusätzlicher Anbieter sein, sondern das kosteneffizienteste, sicherste, flexibelste und umweltfreundlichste Rechenzentrum in Europa bieten. Mit innovativen Containerlösungen können wir hier per Plug & Play Kapazitäten erweitern. Dann trieb mich die Frage um: Jetzt haben wir die Technik, aber wie sieht es mit dem Service aus? Dann sind wir beim Start-up iNNOVO eingestiegen, das den Aufbau und Betrieb von IT-as-a-Service-Plattformen (ITaaS) innerhalb virtueller privater Cloud-Umgebungen anbietet. Kurz nach dem Kauf entwickelten wir daraus die German Edge Cloud.

Cloud ist ein spannendes Stichwort, denn bei der Digitalisierung geht es schnell auch um Cloud-Services – und hier setzen die meisten Unternehmen auf die großen Anbieter wie Microsoft mit Azure. Dennoch investierten Sie in iNNOVO und gründeten die German Edge Cloud. Was war Ihr Antrieb dafür?

Hier muss ich klarstellen: Wir arbeiten selbst mit Microsoft Azure und anderen Plattformanbietern zusammen. Microsoft ist ein großer Kunde von uns. Mein Antrieb mit der German Edge Cloud war es, deutschen Unternehmen die Möglichkeit zu geben, mit einem deutschen oder europäischen System die Datensouveränität beim Cloud-Computing sicherzustellen. Denn die Daten, die Unternehmen haben, sind in der Regel ihr Know-how!

Selbstverständlich sollten alle Maschinen-, Produktions- und Unternehmensdaten, die in einer Cloud genutzt werden, jederzeit unter der eigenen Kontrolle sein. Doch übertreiben es gerade viele Industrieunternehmen nicht etwas mit der Datensouveränität?“

Es kommt immer drauf an, was Sie in die Cloud stellen. Wir arbeiten in unserem Unternehmen selbst mit der Cloud. Unsere Kunden holen sich alle Daten und Informationen aus der Cloud. Es geht um die Fragen: Wo habe ich mein Kernwissen? Wo bin ich am stärksten gefährdet, wenn mein Wissen anderen zur Verfügung steht? Können der Wettbewerb oder kriminelle Instanzen das Wissen abgreifen? Es besteht ein Grundbedürfnis nach Datensouveränität. Und es ist meiner Meinung nach nicht nur ein Bedürfnis, sondern eine Pflicht und soziale Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern, diese Daten zu sichern. Als Unternehmer muss ich mein Know-how unter Kontrolle haben, weil ich damit mein Unternehmen führe und für die Zukunft fit machen will. Datensouveränität sorgt dafür, dass Unternehmen auch für die Zukunft ihrer Mitarbeiter sorgen!

Datensouveränität klingt ja fast wie eine persönliche Mission von Ihnen! Das würde auch Ihr Engagement beim europäischen Großprojekt Gaia-X erklären, welches Sie angestoßen haben...

Datensouveränität sehe ich als kritischen Erfolgsfaktor bei der Digitalisierung. Ich bin der Überzeugung, dass nicht nur ich, sondern viele Unternehmer und Entscheider das gleiche Grundbedürfnis der Datensouveränität haben: Ich will über meine Daten entscheiden. Ich will selber wissen, wo sie liegen. Und ich will selber entscheiden, wem ich sie gebe. Auch möchte ich entscheiden, über welchen Weg ich diese Daten weitergebe. Das ist unser Anliegen als großer Mittelständler in Deutschland und deshalb engagieren wir uns stark für das europäische Digital-Großprojekt Gaia-X. Diese europäische Cloud dient zur sicheren Digitalisierung und Vernetzung der Industrie und als Basis für den Einsatz neuer KI-Anwendungen. Haben wir Datensouveränität, Echtzeit und Edge Computing im Griff, dann gelingt es uns, die Einführung von Industrie 4.0 in den Unternehmen auf eine ganz neue Basis zu stellen, Wertschöpfungsketten zu installieren und funktionsfähig zu machen, um wettbewerbsfähig zu sein. Ich betone: Wir arbeiten nicht gegen die Unternehmen der Private und Public Cloud, sondern wollen einen Weg, der die Kompatibilität eigener Wege mit bestehenden Cloud-Lösungen in die eigene Entscheidungshoheit überführt.

Mit der German Edge Cloud und zugehörigen schlüsselfertigen Edge-Cloud-Rechenzentren ermöglichen Sie insbesondere die erwähnte Echtzeitverarbeitung und KI-Szenarien. Wie sehr investieren Sie in die Künstliche Intelligenz?

Künstliche Intelligenz ist für uns in Deutschland äußerst wichtig, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Hier haben wir eine Chance auf einen Vorsprung, die wir nutzen müssen. Wenn ganze Fabriken und Anlagen gesteuert werden, dann ermög­licht eine KI-basierte Datenanalyse enorme Effizienzgewinne. Das sehen wir in unserem eigenen neuen Schaltschrankwerk in Haiger, wo wir einen Effizienzgewinn von 30 Prozent erreicht haben. Wir vernetzen in Haiger 250 Maschinen und Anlagen. Pro Tag werden bis zu 11,2 Terabyte Daten erzeugt. Und um diese enormen Datenmengen verarbeiten zu können, benötigen wir echtzeitfähige Edge-Cloud-Rechenzentren. Die Analyse kann hier nur noch über KI erfolgen. Deshalb investieren wir sehr in die Weiterentwicklung von KI für die Software in unserer German Edge Cloud – zusammen mit der Fraunhofer-Gesellschaft. Durch unsere stetig neuen Erkenntnisse aus dem eigenen Werk können wir KI auch nutzenorientiert weiterentwickeln – und wir können zeigen, dass es wirklich funktioniert!

Mit einer Echtzeit Cloud und KI lässt sich auch über ganz andere Use Cases abseits der Produktion nachdenken. Schweben Ihnen da schon weitere visionäre Gedanken und Geschäftsfelderweiterungen vor?

Neben der Produktion eignet sich die German Edge Cloud genauso gut für andere Branchen. Hier arbeiten wir an ersten Projekten. In vielen Bereichen zählt neben der Datenhoheit insbesondere auch der Echtzeitzugriff – überall dort, wo riesige Datenmengen entstehen, die schnell bewegt und mittels KI gleichzeitig analysiert werden müssen. Interessant ist auch der Bereich der staatlichen Behörden. Denn hier geht es um die wichtigen Fragen: Wie sollen die Daten in Zukunft gesichert werden? Worauf wird im Zuge der Behördendigitalisierung Zugriff gewährt? Und worauf auf keinen Fall? Sie sehen, es geht wieder um die Datensouveränität. An Ideen für künftige Einsatzgebiete mangelt es uns nicht!

Wie fördern Sie dabei mehr Mut, um auch disruptive neue Ideen zu entwickeln... und auch scheitern zu dürfen, um daraus zu lernen? Braucht es bei der Digitalisierung eine moderne Fehlerkultur?

Hier müssen wir differenzieren. In einem schon lang bestehenden Geschäftsfeld sollte die Fehlerquote maximal niedrig sein. Wenn man aber in neue Geschäftsfelder will, dann passieren Fehler, dann sind Sie im Bereich des Versuchs. Das ist gerade der Reiz an Start-ups und neuen Betätigungsfeldern. Hier müssen Mut, Ehrgeiz und Abenteuerwille zusammenkommen. Und ich gebe zu, es macht mir Spaß, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Das steigert auch die Attraktivität des eigenen Unternehmens.

Wenn es um Digitalisierungsprojekte geht, wollen gerade größere Unternehmen „agiler“ arbeiten, starre Strukturen auflösen. Agilität wird als wichtige Säule bezeichnet. Stimmen Sie dem zu und wie bekommen Sie „Speed“ in neue Projekte? Ihr Unternehmen ist ja nicht unbedingt das Kleinste…

Zuallererst benötigen wir ganz viel Kommunikation im Unternehmen, und Menschen, die sich daran beteiligen. Die meisten Innovationen entstehen aus dem Kontakt mit unseren Kunden, zudem sammeln wir ganz bewusst alle Ideen unserer Mitarbeiter. Deswegen hat für mich der Kundenkontakt absolute Priorität. Wir lernen von unseren Kunden, wir lernen aus anderen Branchen und es ist dann unsere Aufgabe, daraus Produkte und Konzepte zu entwickeln. Das alles hat noch nichts mit Agilität zu tun. Nur wenn es an die Umsetzung neuer Projekte geht, dann muss man Zellen schaffen, die disruptiv denken und arbeiten können. Wenn Unternehmen diesen Freiraum schaffen, dann begeistert das auch die Mitarbeiter und es entwickelt sich eine hervorragende Innovationskultur.

Jetzt haben Sie Ihr eigenes Unternehmen sehr erfolgreich in die Digitalisierung eingeführt. Doch warum sollen Unternehmen die Friedhelm Loh Group als Partner auf dem Weg der digitalen Transformation wählen?

Ganz einfach: Weil wir sehr gute Lösungen haben! Letztendlich entscheidet über den Erfolg eines Unternehmens die Qualität der Lösung, die wir anbieten. Das zweite Argument, das für uns als Partner spricht, ist die Vertrauensfrage. Wenn es um das Thema Datenmanagement und Datensouveränität geht, haben wir in Deutschland eine hohe Reputation und gelten als absolut vertrauenswürdiges Unternehmen. Drittens besitzen wir als Unternehmen die Kraft und Finanzstärke, Kunden langfristig zu begleiten – denn wir wollen nicht nur ein Produkt verkaufen, sondern Lösungen für die Zukunft.

Und welche Ziele haben Sie sich persönlich für die nächsten Jahre bei Ihrem Unternehmen gesteckt?

Da gibt es einen ganzen Katalog (lacht), aber nehmen wir das Wichtigste. Ich will mein Unternehmen durch Digitalisierung, Produkte, Produktion und Ausbildungs­system für die Mitarbeiter so modern aufstellen, dass wir eine Chance auf eine erfolgreiche Zukunft haben. Erfolgreich sein, heißt für mich, langfristig profitables Wachstum zu erreichen. Nur dann können wir aus den erwirtschafteten Erträgen weitere Zukunfts­chancen realisieren – so wie jetzt durch die Digitalisierung. Und in fünf Jahren, wer weiß, gestalten wir die Zukunft vielleicht wieder anders.

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