Wirtschaftsaufschwung auf Bewährung

Wie lange dauert der Energie‑Schock noch?

Das IMK erwartet für das Jahr 2026 ein BIP-Plus von 0,9 Prozent und für das Jahr 2027 ein BIP-Plus von 1,6 Prozent – vorausgesetzt, der Iran-Krieg endet bis zum Sommer und die Energielieferungen durch die Straße von Hormus können wieder aufgenommen werden.

Bild: iStock, filo
30.03.2026

Der Preisschub bei Energie ist der zentrale Unsicherheitsfaktor – ausgelöst durch den Iran‑Krieg. Wenn der Konflikt bis zum Sommer endet, bleiben aus Sicht der Forschenden des IMK die Bedingungen für einen selbsttragenden Aufschwung gegeben. Es gibt zwei Szenarien: einen moderaten Aufschwung oder ein gedämpftes Wirtschaftswachstum.

Wie steht es aktuell um die deutsche Wirtschaft? Diese Frage hat das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung untersucht. Demnach wird sich der aktuelle Höhenflug der Energiepreise bis zum Jahresende 2026 zurückbilden. Ab dem zweiten Halbjahr dürften die positiven Impulse durch erhöhte staatliche Investitionen und einen wieder anziehenden privaten Konsum die Wirtschaftsentwicklung bestimmen. Die Inflation wird im Jahresdurchschnitt 2026 moderat auf 2,4 Prozent steigen. Im Jahr 2027 wird die Verbraucherpreisentwicklung mit 1,7 Prozent unter dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) liegen. Am Arbeitsmarkt würde sich kaum etwas bewegen: Die Arbeitslosenquote bliebe in beiden Jahren bei durchschnittlich 6,3 Prozent, wie schon 2025.

Risikoszenario: Hoher Energiepreisdruck durch den Iran-Krieg

Zudem betrachtet das IMK ein Szenario eines länger anhaltenden Anstiegs der Energiepreise durch den Iran-Krieg. Sollten die kriegerischen Auseinandersetzungen der USA und Israels mit dem Iran länger andauern oder der Konflikt weiter eskalieren, könnte der bis zum Kriegsausbruch erwartete wirtschaftliche Aufschwung im laufenden Jahr ausfallen. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) würde nach diesem Risikoszenario des IMK im Jahr 2026 lediglich um 0,2 Prozent und im Jahr 2027 um 1,4 Prozent zunehmen.

Stellschrauben im Inland

Neben der Dauer des Konflikts als dominierender Variable nennen die Ökonominnen und Ökonomen weitere Faktoren, die die EZB und die Bundesregierung selbst beeinflussen können. Bei einem Kriegsende bis zum Sommer seien „die Bedingungen für einen selbsttragenden Aufschwung noch gegeben“, schreiben sie, „vorausgesetzt sind allerdings eine besonnene Geldpolitik und eine aktive Wirtschaftspolitik der Bundesregierung, die transformative Investitionen vorantreibt und gegebenenfalls einen Beitrag zur Sicherung der Preisstabilität leistet.“

Konkret sollte die EZB umgehend signalisieren, dass sie die Leitzinsen nur dann erhöhen würde, wenn die Versorgungsengpässe über den Sommer hinaus anhalten und der Energiepreisschub Zweitrundeneffekte auslöst. Die Politik sollte unbedingt sicherstellen, dass die Mittel aus dem Sondervermögen tatsächlich in zusätzliche Investitionen fließen. Für den aktuell unwahrscheinlichen Fall einer verfestigten höheren Inflation sollte sie Vorbereitungen treffen und beispielsweise Maßnahmen zur Deckelung von Energiepreisen, eine Neuauflage der Inflationsprämie oder eine zielgerichtete Senkung indirekter Steuern ins Auge fassen.

Wachstumsdämpfer und Warnung vor Deindustrialisierung

Gegenüber seiner vorherigen Prognose vom Dezember 2025 reduziert das IMK die Wachstumserwartung beim BIP für dieses Jahr im Hauptszenario um 0,3 Prozentpunkte. Für 2027 geben die Düsseldorfer Konjunkturexpertinnen und Konjunkturexpert erstmals eine Prognose ab. „Im Februar haben wir noch darüber nachgedacht, die Prognose für 2026 anzuheben, weil zunehmend positive Signale kamen, bis hin zu den Industrieaufträgen. Eine durchgreifende Erholung war absehbar. Das verhageln nun zumindest zum Teil die wirtschaftlichen Effekte des Kriegs, und schlimmstenfalls verschärfen sie das Risiko einer Deindustrialisierung in Deutschland“, sagt Prof. Dr. Sebastian Dullien, der wissenschaftliche Direktor des IMK.

In dieser Situation sei es besonders wichtig, die Ursachen für den Rückschlag sauber einzuordnen, betont der Ökonom: „Die deutsche Wirtschaft leidet unter Entscheidungen ausländischer Politiker, nicht unter klassischen Standort- oder Wettbewerbsproblemen. Zugespitzt gesagt: Wenn der Iran-Krieg die Energiepreise hochtreibt oder die amerikanische und die chinesische Regierung durch Zollbarrieren, Subventionen oder gezielte Abwertung ihrer Währungen Exporte aus Europa ausbremsen, hilft es nichts, im Inland mit Druck auf Löhne, Deregulierung bei der Arbeitszeit oder aktionistischen Einschnitten bei der sozialen Sicherung zu reagieren. Im Gegenteil: Damit schwächen wir den privaten Konsum als aktuell besonders wichtigen Stabilitätsfaktor.“

So steht es um den Arbeitsmarkt

Weder die moderate konjunkturelle Erholung der IMK-Hauptprognose für 2026 noch der stärkere Aufschwung 2027 wirken sich durchschlagend auf die durchschnittlichen Jahreswerte auf dem Arbeitsmarkt aus. Die lange Rezessionsphase wirkt in Form einer weitgehenden Stagnation nach. Die Zahl der Erwerbstätigen nimmt im Jahresdurchschnitt 2026 um 0,2 Prozent ab. Die Arbeitslosigkeit steigt geringfügig um 30.000 Personen auf knapp 2,98 Millionen im Jahresmittel, die Arbeitslosenquote liegt mit 6,3 Prozent wie im Vorjahr. Für 2027 veranschlagen die Forschenden einen minimalen Anstieg der Erwerbstätigenzahl um 0,1 Prozent im Jahresdurchschnitt. Die Arbeitslosigkeit sinkt um knapp 20.000 Personen, die Quote bleibt bei 6,3 Prozent.

Die Zukunft der Weltwirtschaft und des Außenhandels

Die Weltwirtschaft wird 2026 und 2027 mit 3,1 beziehungsweise 3,0 Prozent nur verhalten wachsen. Der Iran-Krieg und die Handelspolitik der USA wirken sich auch auf die wirtschaftliche Entwicklung im eigenen Land belastend aus. Das IMK rechnet für die USA für die Jahre 2026 und 2027 mit einem Wirtschaftswachstum von 1,8 beziehungsweise 1,6 Prozent. Im Euroraum wird das BIP 2026 um 1,0 Prozent und 2027 um 1,5 Prozent wachsen. Für China rechnet das IMK mit 4,3 beziehungsweise 4,2 Prozent und für Japan mit 0,4 beziehungsweise 0,8 Prozent.

Die deutschen Exporte erhalten von wichtigen Handelspartnern nur schwache Impulse. Dazu tragen neben dem Iran-Krieg und den US-Zöllen auch die erhebliche Aufwertung des Euros gegenüber dem US-Dollar und dem chinesischen Renminbi sowie die gezielte Ersetzung von Importen durch Produkte aus heimischer Herstellung in China bei. Dagegen stützt die Nachfrage aus anderen EU-Ländern die deutschen Ausfuhren. Im Jahresdurchschnitt 2026 sinken die Ausfuhren um 0,5 Prozent. Im Jahr 2027 wachsen die Exporte zwar wieder, allerdings nur moderat um 1,5 Prozent im Jahresmittel. Die Importe legen 2026 um durchschnittlich 0,3 Prozent und 2027 um 1,9 Prozent zu. Dementsprechend ist der Beitrag des Außenhandels zum Wirtschaftswachstum in beiden Jahren negativ. 2027 ist dieser Effekt mit -0,1 Prozent allerdings nur minimal. Deutschland verzeichnet weiterhin einen Leistungsbilanzüberschuss von 4,0 Prozent in beiden Jahren.

Investitionen in Krisenzeiten

Der Iran-Krieg bremst die Erholung der Ausrüstungsinvestitionen. Laut Hauptprognose nehmen diese ab der zweiten Jahreshälfte wieder an Fahrt auf, vor allem durch staatliche Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung. Unter dem Strich liegen die Ausrüstungsinvestitionen im Jahresdurchschnitt 2026 mit 0,7 Prozent leicht im Plus. Im kommenden Jahr beschleunigt sich der Aufwärtstrend deutlich: 2027 legen die Ausrüstungsinvestitionen um durchschnittlich 3,3 Prozent zu. Auch die Bauinvestitionen schwenken, unter anderem infolge steigender Infrastrukturinvestitionen, auf einen deutlicheren Erholungskurs ein. Im Jahresdurchschnitt 2026 legen sie um 1,7 Prozent zu, im kommenden Jahr um durchschnittlich 4,0 Prozent.

Privater und öffentlicher Konsum

Der private Konsum wird durch die erhöhten Energiepreise belastet, laut der IMK-Hauptprognose jedoch nicht abgewürgt, da die Lohnentwicklung solide bleibt. Für dieses Jahr erwartet das IMK einen realen Zuwachs der privaten Konsumausgaben um 0,8 Prozent im Jahresdurchschnitt. Im Jahr 2027 ziehen die Ausgaben dann um real 1,2 Prozent im Jahresmittel an. Zusammen mit einem um 2,0 beziehungsweise 1,7 Prozent wachsenden Staatskonsum und der zunehmenden Investitionstätigkeit sorgt die private Nachfrage dafür, dass die Inlandsnachfrage 2025 und 2026 das Rückgrat der wirtschaftlichen Entwicklung bildet.

Inflation und öffentliche Finanzen

Das IMK prognostiziert für 2026 eine durchschnittliche Teuerungsrate von 2,4 Prozent im Jahresmittel. Ein wesentlicher Grund dafür, dass die Teuerung 2027 mit 1,7 Prozent unterhalb der Zielmarke der EZB bleibt, ist, dass sich der zeitweilige Energiepreisschub gegen Jahresende zurückbildet.

Das IMK rechnet damit, dass sich die staatlichen Einnahmen 2026 relativ schwach entwickeln werden. Neben der schwachen Konjunktur dämpfen auch Entlastungsmaßnahmen wie der Ausgleich der kalten Progression, der Investitionsbooster und die Mehrwertsteuersenkung in der Gastronomie das Steueraufkommen. In diesem Jahr wachsen die öffentlichen Einnahmen schwächer als die Ausgaben – auch, weil die öffentlichen Investitionen nun ausgeweitet werden. Das gesamtstaatliche Defizit gemessen am BIP steigt daher auf 3,8 Prozent nach 2,7 Prozent im Jahr 2025.

Im kommenden Jahr gibt der Staat noch einmal mehr Geld für Investitionen und Verteidigung sowie für Zinsen aus. Zwar wachsen mit der besseren konjunkturellen Entwicklung auch die Steuereinnahmen wieder stärker, gleichwohl steigt das Defizit im Jahresdurchschnitt 2027 auf 3,9 Prozent.

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