Die deutsche Wirtschaft gewinnt laut Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2026 wieder an Fahrt: Die Institute erwarten für 2026 ein Plus beim preisbereinigten Bruttoinlandsprodukt von 1,3 Prozent. Gleichzeitig bleibt die Industrie weit hinter dem Vorkrisenniveau zurück. Nach dem IMK Report 203 lag die Industrieproduktion im zweiten Quartal 2026 rund 13 Prozent unter dem Stand von 2019; seitdem sind rund 617.000 Industriejobs weggefallen. Für den Aachener Prozess- und Datenexperten Dr.-Ing. Andreas Vieweg liegt darin die eigentliche Botschaft: Ohne saubere Prozesse und verlässliche Stammdaten kommt der Aufschwung in vielen Werken gar nicht an.
Erholung oben, Engpass unten
Makrozahlen und die Realität auf dem Shopfloor fallen auseinander. Während Prognosen auf eine konjunkturelle Belebung deuten, kämpfen Fertigungsbetriebe weiter mit Fehlteilen, Nacharbeit, Bestandsbergen und unzuverlässiger Termintreue. Vieweg beobachtet in Mandaten immer wieder denselben Effekt: Sobald Aufträge zurückkehren, stoßen gewachsene Abläufe und Datenlücken sofort an ihre Grenzen.
„Viele Werke freuen sich über die ersten Auftragszeichen – und merken dann, dass ihre Prozesse den Mehrbedarf nicht tragen“, sagt Dr. Andreas Vieweg. „Wer unter Auslastungsdruck manuell umherjagt, Excel-Listen pflegt und Stammdaten nachkorrigiert, verschenkt den Erholungsvorteil, noch bevor er bilanziell sichtbar wird.“
Blindleistung statt Wertschöpfung
Mit Blindleistung meint der Ingenieur Aufwand, der täglich anfällt, aber keinen Kundenwert schafft: Materialsuche, Doppelbuchungen, Klärschleifen zwischen Vertrieb, Einkauf und Fertigung, das Nachziehen fehlerhafter Stücklisten. In der Flaute sei dieser Ballast oft noch zu verkraften gewesen. Mit steigender Nachfrage werde er zum Flaschenhals.
„Je tiefer der Einstieg in Unternehmensprozesse, desto deutlicher die Blindleistung“, so Vieweg. „In der Krise hat man das oft als Betriebsgeräusch hingenommen. Im Aufschwung wird daraus der Faktor, der Liefertermine und Margen zerstört.“
Stammdaten entscheiden über Temp
Besonders kritisch sieht der Berater die Datenbasis in ERP-Systemen. Ohne belastbare Artikel-, Stücklisten- und Lieferantenstammdaten bleiben Disposition, Kapazitätsplanung und Liefertreue Glückssache. Software und neue Dashboards änderten daran wenig, solange die zugrunde liegenden Strukturen fehlerhaft seien.
Nach seiner Einschätzung erfolgen rund 80 Prozent aller Management-Entscheidungen ohne echte Datenbasis. „Das ist keine Statistik aus einer Marktstudie, sondern die wiederkehrende Erfahrung aus Restrukturierungen und Werksprojekten“, stellt Vieweg klar. „Wer den Aufschwung nutzen will, muss zuerst Transparenz schaffen – in Prozessen und in den Stammdaten. Sonst automatisiert man nur das Chaos.“
Was Werke jetzt priorisieren sollten
Praktisch empfiehlt Vieweg, vor großen Digitalisierungs- oder Investitionsentscheidungen drei Fragen zu klären: Welche Arbeitsschritte sind überhaupt wertschöpfend? Wo entstehen systematisch Fehlteile, Bestände und Terminverzüge? Und welche Stammdaten sind so unzuverlässig, dass niemand im Unternehmen den Zahlen traut?
„Der Konjunkturaufschwung ist eine Chance – aber nur für Betriebe, die ihre internen Bremsen lösen“, fasst Dr. Andreas Vieweg zusammen. „Wer jetzt Prozesse bereinigt und Datenqualität herstellt, skaliert mit. Wer weiter auf Zuruf und Bauchgefühl fährt, wird die Erholung vor allem als Stress und Nacharbeit erleben.“