Europa ist eine Hochburg der Spitzenforschung. Doch gewinnt die Fähigkeit, diese wissenschaftliche Exzellenz in Technologien und Unternehmen umzuwandeln, zunehmend an Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit Europas. Technologietransferbüros (TTOs) helfen Forschern und Forscherinnen dabei, Erfindungen zu erkennen und zu schützen, und bringen sie mit Unternehmen sowie Investoren und Investorinnen und Unternehmer und Unternehmerinnen zusammen.
Eine neue Studie des Europäischen Patentamts (EPA), die gemeinsam mit dem Europäischen Verband für Experten im Bereich Technologietransfer (ASTP) und dem Fraunhofer ISI ausgearbeitet wurde, bietet erstmals eine europaweite Bestandsaufnahme. Sie verbindet Patentdaten mit Umfragedaten von mehr als 800 europäischen Technologietransferbüros.
Europäische TTOs variieren stark in Größe, Reifegrad und Tätigkeit
Von den 809 analysierten TTOs sind 90,5 Prozent kleine oder mittelgroße Einrichtungen, während 9,5 Prozent zu den großen zählen. Große TTOs haben sechsmal mehr Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, unterstützen Institutionen, die 23-mal mehr Forschungsausgaben und fast siebenmal mehr Forschungspersonal haben – und erhalten fast 16-mal mehr Erfindungsmeldungen als kleine oder mittelgroße TTOs.
Sobald eine Erfindung den TTO-Prozess durchläuft, begleiten kleine und mittelgroße Technologietransferbüros diese meistens ebenso zügig auf dem Weg zu einem Patent, einer Lizenz oder einer Unternehmensgründung wie große Einrichtungen. Der entscheidende Unterschied liegt in den verfügbaren Kapazitäten: Einzelne Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen größerer TTOs können deutlich mehr Aktivitäten vorantreiben, da sie auf Spezialwissen, etablierte Prozesse und bessere kommerzielle Netzwerke zurückgreifen können.
Forschung, Fachwissen und Investition verbinden
Die Studie zeigt, dass lokale TTOs ihre Kapazitäten ausbauen können, wenn sie auf breiteres Fachwissen sowie entwickelte Finanz- und Marktnetzwerke zurückgreifen. Die meisten Technologietransferbüros sind zu klein, um alle Kompetenzen intern abdecken zu können. Die Daten sprechen für ein Modell, bei dem der enge Kontakt zu den Forschenden vor Ort bestehen bleibt, während spezialisiertes Markt- und Technologiewissen, Weiterbildungsangebote und der Zugang zu Investoren und Investorinnen über regionale und europäische Unterstützungsstrukturen bereitgestellt werden.
Die Daten verdeutlichen zudem die zunehmende paneuropäische Dimension des Technologietransfers. Forschungsbasierte Technologien entstehen in einer immer größeren Bandbreite von Ländern, während die Unternehmen, Investoren und Investorinnen und Unternehmer und Unternehmerinnen, die am besten geeignet sind, um diese weiterzuentwickeln, auch anderswo in Europa ansässig sein können. Größere Sichtbarkeit, Vermittlungsdienste und grenzüberschreitende Vernetzung können dazu beitragen, die richtigen Partner für vielversprechende Erfindungen zu finden und den bislang noch begrenzten grenzüberschreitenden Technologietransfer auszubauen.
Europa holt auf, doch Kluft besteht weiterhin
Rund 9 Prozent der europäischen Patente entstehen unter Beteiligung von Universitäten. Dieser Wert liegt nahe am Niveau der USA. Zudem besitzen europäische Universitäten selbst einen deutlich größeren Anteil an ihren Erfindungen als noch vor zwanzig Jahren. Allerdings verfallen 40,7 Prozent der direkt im Besitz europäischer Universitäten befindlichen Patente nach zehn Jahren, verglichen mit nur 26,3 Prozent derjenigen im Besitz von US-Universitäten. Dies zeigt die Herausforderungen bei der Weiterentwicklung und Vermarktung vielversprechender Technologien.
Angesichts des intensiveren Wettbewerbs, nicht zuletzt aufgrund Chinas erneuten Schwerpunkts auf die Kommerzialisierung von Hochschultechnologien, muss Europa den Technologietransfer stärker fördern, damit Forschungsergebnisse die Märkte erreichen.
Offentliche Forschung gewinnt zunehmend an Bedeutung
Die Zahl der europäischen Patentanmeldungen, an denen zumindest eine Universität, ein öffentliches Forschungsinstitut oder ein Forschungskrankenhaus aus Europa beteiligt ist, hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten mehr als verdoppelt – von rund 3.200 im Jahr 2006 auf fast 8.000 im Jahr 2025. Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich sind nach wie vor die führenden Länder bei den Patentanmeldungen, doch ihr gemeinsamer Anteil sank von fast 64 Prozent auf etwa 55 Prozent. Dies deutet nicht auf einen Rückgang in den führenden Ländern hin, sondern auf eine breiter aufgestellte europäische Forschungsbasis, mit besonders starkem Wachstum in den Niederlanden und Spanien sowie verstärkter Aktivität in vielen anderen Ländern.
Im Jahr 2025 waren Forschungseinrichtungen in etwa 34 Prozent der Patentanmeldungen aus Europa im Bereich Biotechnologie genannt, bei 29 Prozent der Anmeldungen im Bereich der Quantentechnologien sowie in rund 26Prozent der Anmeldungen für Arzneimittel. Ihre Fähigkeit, Erfindungen auf den Markt zu bringen, ist daher von strategischer Bedeutung. Zu den führenden öffentlichen Forschungseinrichtungen in Europa zählen das CNRS (Frankreich), die Fraunhofer-Gesellschaft (Deutschland), das CEA (Frankreich), das Inserm (Frankreich) und das imec (Belgien).
Neue Tools zur Erkundung der öffentlichen Forschungslandschaft in Europa
Parallel zu diesem Bericht stellt das EPA ein „Data-Desk“-Dashboard zur öffentlichen Forschung in Europa vor, mit dem Nutzer die Patentaktivitäten nach Land, Einrichtung und Technologie filtern können. Ergänzend dazu wurde der „Deep Tech Finder“ (DTF) des EPA mit zusätzlichen Daten zu europäischen öffentlichen Forschungseinrichtungen erweitert, was die Vernetzung zwischen Forschungseinrichtungen, Industrie und Investoren und Investorinnen weiter fördert.