Was ist derzeit Ihr Hauptfokus in der Zusammenarbeit mit Industriekunden?
Mein klarer Schwerpunkt liegt auf dem Thema Resilienz. Sie ist heute keine bloße Option mehr – weder für die Führungsebene noch für Unternehmen insgesamt. Wir müssen unsere Kunden dabei unterstützen, widerstandsfähig und handlungsfähig zu bleiben. Für mich bedeutet das vor allem Agilität: die Fähigkeit, in einem hochkomplexen Umfeld sehr schnell fundierte Entscheidungen zu treffen. Früher haben wir Resilienz häufig als Wettbewerbsvorteil betrachtet. Heute sehe ich das anders: Es geht schlicht ums Überleben. Das hat auch viel mit Innovation zu tun. Innovation bedeutet für mich nicht nur, die „beste Idee“ zu haben. Innovation heißt, am Markt relevant zu bleiben – für Endkunden ebenso wie für Partner. Wir begleiten unsere Kunden in diesem Wandel, indem wir ihnen die nötige Agilität und passende Lösungen an die Hand geben.
Wenn wir über Resilienz in der Fertigung sprechen, denken viele zuerst an Lieferketten. Woran lässt sich Resilienz darüber hinaus konkret festmachen?
Es geht definitiv um mehr als nur die Lieferkette. Wir bei Aveva fokussieren uns auf die „Essential Industries“, also auf Bereiche wie Energie, Gesundheit und Lebensmittel. Das sind Sektoren, die für unser tägliches Leben essenziell sind. Die Energiekrise, Zölle oder Exportbeschränkungen haben diese Ketten massiv gestört. Ich glaube, wir haben in der Covid-Zeit viel gelernt, aber wir sind noch lange nicht am Ziel. Covid war ein Weckruf. Unsere Kunden müssen verstehen, dass Veränderung heute eine Konstante ist. Es geht nicht um ein einmaliges Ereignis wie eine Pandemie oder einen geopolitischen Konflikt. Unternehmen müssen kontinuierlich Wege finden, um Plan B und Plan C in der Tasche zu haben.
Sie haben einen interessanten persönlichen Hintergrund und leben seit 20 Jahren in Deutschland. Wie beeinflusst Ihre Herkunft aus Argentinien Ihren Blick auf Krisenmanagement?
Das hilft mir tatsächlich sehr. Ich komme aus einem Land, in dem man zwangsläufig resilient sein muss. In Argentinien erleben wir gefühlt alle zehn Jahre eine tiefe Krise – wirtschaftlich oder politisch. Man muss sich ständig anpassen. Wir haben dieses Mindset: „Okay, hier kommt das nächste Problem – also packen wir es an.“ In Deutschland habe ich anfangs beobachtet, wie die Gesellschaft auf Herausforderungen reagiert. Mein Ziel ist es, dieses positive Anpacker-Mindset auch in mein Team und zu unseren Kunden zu tragen. Ja, die Probleme sind da, und ja, die Situation ist schwierig. Aber es ist keine Option zu sagen: „Oh Gott, wie schrecklich.“ Wir müssen einen Weg finden. Technologie ist dabei letztlich das Werkzeug, mit dem sich Lösungen umsetzen lassen.
Hatten es deutsche Industrieunternehmen vielleicht zu lange „zu gut“, sodass sie nun etwas träge auf den notwendigen Wandel reagieren?
Ich habe in den vergangenen zwei Jahrzehnten viel über die deutsche Kultur gelernt. Sie ist stark ingenieurgetrieben. Deutsche Ingenieurinnen und Ingenieure sind brillant darin, Probleme bis ins kleinste Detail zu analysieren. Gleichzeitig ist in vielen Unternehmen die Risikosensibilität sehr hoch. In meiner Kultur ist das anders. Ich musste erst lernen, wie man Risiken aktiv managt, statt sie nur zu vermeiden. In den lebenswichtigen Industrien darf man keine Fehler machen – das verstehe ich vollkommen. Aber man darf auch nicht vor lauter Risikoanalyse in eine Schockstarre verfallen und am Ende gar nichts tun. In Deutschland war der Druck lange Zeit nicht so stark, man fühlte sich in Sicherheit. Das hat sich massiv verändert. Der Druck ist jetzt da – und er wird nicht wieder verschwinden.
Viele Unternehmen digitalisieren zwar, schaffen aber nicht den Sprung in die Skalierung. Was bremst aus Ihrer Sicht am stärksten?
Silos sind ein riesiges Problem – sowohl organisatorisch als auch bei den Daten. Wenn man allerdings tiefer bohrt, landet man sehr schnell beim Thema Kulturwandel und bei Ängsten.
Welche Ängste meinen Sie konkret?
Vor allem Ängste rund um Security und die Cloud. Beim Thema Cloud haben wir in der IT-Welt schon vor 15 Jahren mit Banken diskutiert. Damals hieß es: „Nie im Leben gehen wir in die Cloud.“ Heute läuft dort fast alles. In der Industrie investieren wir bei Aveva viel Zeit, um unsere Kunden über unsere Connect-Plattform aufzuklären. Wir zeigen, warum ein Ökosystem und das Teilen von Informationen wichtig sind. Natürlich nehmen wir Sicherheit extrem ernst. Für uns ist das kein formaler Pflichtpunkt, sondern strategisches Fundament. Im Zuge des Cyber Resilience Acts haben wir beispielsweise alle unsere Produkte einem Assessment unterzogen, um sicherzustellen, dass sie die Anforderungen erfüllen – etwa im Hinblick auf ISO 27001. Wenn ein Produkt nicht konform war, mussten wir auch harte Entscheidungen treffen. Aber wir gehen an dieser Stelle kein Risiko ein.
Ist Geschwindigkeit der entscheidende Faktor für Resilienz – und damit auch Avevas Spielfeld?
Absolut. Unsere Kunden brauchen Erkenntnisse, um fundierte Entscheidungen zu treffen – und keine Bauchentscheidungen. Wir sprechen hier über Erkenntnisse in Echtzeit. Es bringt nichts, erst morgen zu wissen, was gestern passiert ist. Je mehr wir wissen, desto schneller können wir entscheiden: Gehen wir nach links oder nach rechts? Vielleicht treffen wir nicht immer die perfekte Entscheidung. Aber wir verstehen zumindest, warum wir sie getroffen haben. Deshalb ist das Aufbrechen von Datensilos so essenziell. Wir aggregieren große Datenmengen, um Transparenz und Sichtbarkeit zu schaffen.
Derzeit spricht jeder über KI, Copiloten und Agenten. Müssen Sie Kunden manchmal bremsen und sagen: Sortiert erst einmal eure Datenbasis?
Definitiv. Mit einer schlechten Datenbasis lässt sich auch mit KI kein guter Job machen. Wir müssen unseren Kunden zuhören und ihre spezifischen Schmerzpunkte verstehen, statt blind Pilotprojekte zu starten. Man wird nie eine hundertprozentige Sicht auf alles haben. Aber schon ein Prozent mehr Transparenz kann enorme Auswirkungen auf die Qualität von Entscheidungen haben. Ob es um die Vorgänge in einer Anlage geht, um einzelne Sensoren oder um jede Leitung – diese ganzheitliche Sicht auf Daten ist der Schlüssel.
Warum scheitern KI-Projekte in der Industrie so oft im Pilotstadium?
Oft liegt es an den bereits erwähnten Silos. Aber auch daran, dass viele zu groß denken. Ich bin ein Fan von „Schritt für Schritt“. Man muss mit konkreten Anwendungsfällen anfangen, daraus lernen und so die Akzeptanz im Unternehmen vorantreiben. Unser Job bei Aveva ist es dabei auch, Orientierung zu geben. Wir bauen Ängste mit Information und Erfahrung ab. KI ist für uns übrigens nichts Neues – Aveva nutzt KI-Fähigkeiten schon seit 20 Jahren. Heute ist das Thema lediglich demokratisierter und entwickelt sich rasant, was natürlich zunächst verunsichert.
Zum Abschluss: Wenn ein Unternehmen resilienter werden und KI skalieren will – ohne Big-Bang-Projekt –, warum ist Aveva der richtige Partner?
Weil wir mehr sind als ein reines Softwareunternehmen. Es geht nicht nur um Technologie, auch wenn unsere Lösungen natürlich führend sind. Der entscheidende Unterschied liegt in unserer tiefen Branchen- und Prozesskompetenz aus der Zusammenarbeit mit mehr als 20.000 Kunden weltweit. Wir verstehen das eigentliche Geschäft unserer Kunden, ihre Prozesse und ihre Herausforderungen. Wir versuchen nicht, alles für jeden zu sein. Wir konzentrieren uns auf die Bereiche, in denen wir echte Erfahrung einbringen können. Genau das macht am Ende den Unterschied – und das zeigt sich für Kunden oft sehr schnell in der operativen Wirkung.