Mergers & Acquisitions

Reshaping statt Stillstand: Warum jetzt Geschäftsbereiche neu sortiert werden

Insbesondere die Themen KI-Integration, autonome Robotik, vertikale Plattformstrategien und Portfoliobereinigung dürften 2026 die M&A-Agenda in der Industrieautomatisierung bestimmen.

Bild: iStock, Anton Vierietin
07.04.2026

Das Jahr 2025 war ein bemerkenswertes Jahr für M&A in der Industrieautomatisierung. Über die drei Aquin-Kerncluster Anlagenbau, Robotik sowie Sensorik & Messtechnik hinweg konnten wir rund 30 wesentliche Transaktionen mit DACH-Bezug herausgreifen. Deutsche Käufer dominierten mehrheitlich, während gleichzeitig aber auch internationale Erwerber gezielt auf deutsche Targets zugriffen. Die Branche erlebte eine Mischung aus strategischer Konsolidierung, opportunistischen Insolvenz-Übernahmen und ambitionierten Plattformstrategien.

Der Robotik-Sektor war 2025 das dynamischste Cluster mit einer klaren Konsolidierungstendenz. Zwei Unternehmen stachen besonders hervor:

Agile Robots positionierte sich als aggressivster Konsolidierer des Jahres und tätigte gleich drei Akquisitionen: die Mehrheitsbeteiligung an audEERING (KI-basierte Audioanalyse) im März, die Komplettübernahme von idealworks (BMW-Group-Spinoff für autonome Logistik) im September und den Erwerb der thyssenkrupp Automation Engineering im November. Bereits 2023 wurde Franka Emika (Cobots) aus der Insolvenz sowie Bär Automation übernommen. Diese Buy & Build-Strategie deutet auf den Aufbau einer umfassenden Robotik-Plattform hin, die KI, mobile Roboter und Anlagenautomatisierung vereint.

Neura Robotics war mit drei Übernahmen ebenfalls hochaktiv. Das Unternehmen hatte Anfang 2025 eine Series-B-Runde über 120 Mio. EUR abgeschlossen und setzte die Mittel konsequent für den M&A-getriebenen Kompetenzaufbau ein. Im Mai sicherte sich das Unternehmen die insolvente B.A.H. Industrial Solutions (Spezialist für Steuerungsbau, Qualitätsprüfung und Industriemontage, nun Neura Electronics). Ziel ist der Aufbau einer eigenen Fertigung von Steuerungseinheiten für humanoide und mobile Roboter. Im Oktober folgten die Übernahme von ek robotics sowie der Erwerb des Entwicklungsbereichs des insolventen Unternehmens Huber Automotive. Damit sicherte sich Neura sowohl etablierte Robotik-Kompetenz als auch günstig verfügbare Ingenieurkapazitäten aus Restrukturierungssituationen. Zugleich setzt das Unternehmen für sein Neuraverse auf Kooperationen mit großen Industrieplayern (Zimmer Systems, Schaeffler, Bosch).

Die Mega-Transaktion des Jahres war sicherlich die Übernahme des Robotik-Geschäfts von ABB durch die Softbank Group für rund 4,6 Milliarden EUR. Softbank hat sich bereits in den vergangenen Jahren als Konsolidierer in der KI-gestützten Robotik hervorgetan (Kapitalgeber u. a. für Agile Robots, Autostore, Berkshire Grey sowie Boston Dynamics, heute mehrheitlich Teil von Hyundai).

Spannend sind aktuell die Entwicklungen im Dual-Use und Defense-Bereich der Robotik, beispielsweise Quantum Systems' Übernahme von Fernride im Dezember – eine Konvergenz von Drohnentechnologie und autonomem Fahren, sowie die Series-A-Finanzierungsrunde von ARX Robotics über 31 Mio. EUR. Hier erwarten wir auch 2026 viel Bewegung, da sowohl Strategen als auch Finanzinvestoren den Defense-Bereich als Geschäftsfeld (wieder)entdeckt haben. Ähnliches sehen wir im industriellen Umfeld – etwa mit der Mehrheitsübernahme der Sherpa Robotics (Kamera-gesteuerte CNC-Automation) durch die Mafu Group.

Anlagenbau und Komponentengeschäft

Im Anlagenbau und Komponentengeschäft war ebenfalls einige Transaktionsaktivität zu beobachten, jedoch auch oft geprägt durch Restrukturierungssituationen. Zum Beispiel schloss Siemens im Juli den Carve-out der ebm-papst Industrial Drive Technology ab und erweiterte mit der Übernahme von Dotmatics im April sein KI-gestütztes Software-Portfolio für die Life Sciences. Bemerkenswert war in diesem Cluster auch das Interesse internationaler Akteure: Accenture übernahm im Juli Systema, um die Halbleiter-Fertigungsautomatisierung zu stärken, während der US-Softwarekonzern Aptean (Clearlake-backed) mit Germanedge ein deutsches MES-Unternehmen akquirierte, welches der Finanzinvestor Alpina Partners als Buy & Build-Plattform über neun Jahre aufgebaut hatte. Die Uhlmann Group ergänzte ihr Portfolio durch die strategische Übernahme von Goldfuß engineering (Verpackungs- und Laborautomatisierung). Auf der anderen Seite zeigte unter anderem die Übernahme von Teilen des insolventen Unternehmens Manz durch Tesla Automation, dass Restrukturierungssituationen auch hier zunehmend als Einstiegsmöglichkeit genutzt werden.

Sensorik und Messtechnik: Umfassende Konsolidierung

Die Transaktionen zeigten eine beeindruckende Bandbreite – von der Akquisition kleinerer Spezialisten bis hin zur milliardenschweren Public-to-Private-Transaktion.

Der Megadeal war die Bieterschlacht zwischen Advent und KKR um die britische Messtechnik-Gruppe Spectris plc, aus der letztendlich KKR zu einer Bewertung von rund 4,8 Milliarden GBP als Sieger hervorging. Weitere wichtige Transaktionen des Clusters:

  • Sick (DE) → Accerion (NL): Erweiterung des AMR-Portfolios um Lokalisierungstechnologie

  • Dover Corp. (USA) → Sikora (DE): Zugang zu Inline-Messtechnik für Kabel & Rohre

  • Zeiss (DE) → pi Imaging Technology (CH): Stärkung der Mikroskopie-Kompetenz

  • Endress+Hauser (CH) → CodeWrights (DE): JV Softwareentwickler von Pepperl+Fuchs

  • Wika (DE) → Inor Process (SE): Temperaturmesstechnik, Partner von Krohne

  • Hexagon (SE) → IconPro (DE): Ergänzung lokaler Metrology Einheiten

  • Nova (IL) → Sentronics Metrology (DE): Halbleiter-Messtechnik-Kompetenz

  • discoverIE Group (UK) → burster präzisionsmesstechnik (DE): Zugang zu deutschem Sensorik-Mittelstand

  • Westermo / Ependion (SE) → Welotec (DE): Stärkung industrieller Netzwerktechnik

  • Baumer (CH) → X-Sensors (CH): Erweiterung des Sensorik-Portfolios (Kraft, Dehnung)

  • igus (DE) → elko Verbindungstechnik (DE): Konfektionierungskapazität für Antriebstechnik

  • Auctus Capital Partners (DE) → Delo Instruments (IT): PE-Einstieg in integrierte Testlösungen

  • Keba (AT) → 7lytix (AT): KI-Kompetenz aus Insolvenz

  • Hoerbiger (AT/CH) → Physik Instrumente (PI) (DE): Eintritt/Expansion in Präzisions-Bewegungs- und Positioniertechnologien

  • Schließlich kam es bei Bihl+Wiedemann (AS-Interfaces) zu einem Gesellschafterwechsel.

Drei zentrale Trends des M&A-Jahres 2025

1. Deutsche Robotik-Start-ups als Konsolidierer: Anders als in klassischen Industriesektoren agierten mit Agile Robots und Neura Robotics zwei junge, VC-finanzierte Unternehmen als aktivste Käufer. Sie nutzen Akquisitionen gezielt zum schnellen Aufbau vertikaler Integration – von Steuerungselektronik über autonome Logistik bis hin zu KI.

2. Insolvenz als Akquisitionskatalysator: Vermehrt entstanden Deals aus Insolvenzsituationen. In einem konjunkturell anspruchsvollen Umfeld, geprägt von der Schwäche in den Bereichen Automotive und Maschinenbau, bieten sich hier Chancen für kapitalstarke Käufer.

3. Internationales Interesse an deutschen Targets bleibt hoch: Ca. ¼ der Transaktionen involvierten ausländische Käufer mit deutschen Zielunternehmen – von US-Private-Equity (Aptean, Dover, KKR) über skandinavische Industriekonzerne (Hexagon, Westermo) bis hin zu SoftBank aus Japan. Der deutsche Mittelstand im Bereich Automatisierung und Sensorik bleibt also ein attraktives Terrain für internationale Strategen und Finanzinvestoren.

Der Aquin Industrial Automation Index spiegelt als Zukunftsindikator die allgemeine Verunsicherung bei Investitionsgütern gut wider. Wie in den vergangenen Ausgaben dieses M&A-Quarterly haben wir auch diesmal wieder den Automation Index aufgestellt. Im letzten Jahr bewegte sich die Branche zunächst mit dem allgemeinen Markt und brach im Zuge der Zollankündigungen ebenfalls ein. Danach konnte sich der Branchenindex zwar erholen, blieb allerdings hinter einem starken allgemeinen Markt zurück. In jüngster Zeit schließt sich die Lücke allerdings wieder, umgekehrt analog zum Oktober 2022 bis Juli 2023 (siehe Abb. 1). Die Multiples bleiben aktuell auf einem stabil hohen Niveau (siehe Abb. 2).

Ausblick auf 2026

Insbesondere die Themen KI-Integration, autonome Robotik, vertikale Plattformstrategien und Portfoliobereinigung dürften 2026 die M&A-Agenda in der Industrieautomatisierung bestimmen. Die Dynamik bei Robotik-Plattformunternehmen zeigt, dass der Wettlauf um kritische Technologiebausteine in vollem Gange ist – und M&A dabei nach wie vor das Mittel der Wahl bleibt. Zudem verleitet die aktuelle Konjunktur Manager zum „Reshaping“ und damit Verkauf von unprofitablen Unternehmensteilen. Außerdem sind zahlreiche Portfolio-Unternehmen von Private Equity Investoren Exit-reif. Chinesische Unternehmen sind inzwischen häufig primär am Kundenzugang in der EU interessiert, um eigene Überkapazitäten zu adressieren. Die US-Unternehmen hingegen wenden sich vor allem dem eigenen Land und damit einer „America First“-Strategie zu. In Summe drohen vor allem Unternehmen mit unterdurchschnittlicher Performance noch niedrigere Bewertungen, wohingegen hochprofitable Nischenplayer – die sich in jedem Cluster finden lassen – immer wertvoller werden.

Bildergalerie

  • Abbildung 1: Aquins synthetischer Industrial Automation Index (01.01.2022 = 100)

    Abbildung 1: Aquins synthetischer Industrial Automation Index (01.01.2022 = 100)

    Bild: Aquin

  • Abbildung 2: EV/EBITDA Multiple Entwicklung der Börsen Peer Group mit den Interquartilsabstand (IQR), der 50% aller beobachteten EV/EBITDA-Multiples umfasst.

    Abbildung 2: EV/EBITDA Multiple Entwicklung der Börsen Peer Group mit den Interquartilsabstand (IQR), der 50% aller beobachteten EV/EBITDA-Multiples umfasst.

    Bild: Aquin

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