Klare Zahlen statt Bauchgefühl, bevor investiert wird

Rechnet sich die Kreislaufwirtschaft?

Bis 2045 könnte die Circular Economy eine Wertschöpfung von rund 880 Milliarden Euro bringen. Der CE Business Case Calculator des Wuppertal Instituts übersetzt Erlöse, Investitionen und Kosten in betriebswirtschaftliche Kennzahlen.

Bild: iStock, Natalya Kosarevich
21.10.2026

Gebrauchte Produkte zurückholen, reparieren und wieder anbieten: Das ist Kreislaufwirtschaft. Ob sich ein solches Geschäftsmodell lohnt, lässt sich im Voraus jedoch kaum einschätzen. Der CE Business Case Calculator des Wuppertal Instituts erfasst alle Prozessschritte und übersetzt sie in betriebswirtschaftliche Kennzahlen. Unternehmen können damit verschiedene R-Strategien – vom Recycling bis zur Reparatur – durchspielen.

Wie lässt sich der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit in ein tragfähiges Geschäftsmodell umsetzen? Viele Unternehmen sehen sich mit dem Problem konfrontiert, dass sich das finanzielle Risiko zirkulärer Geschäftsmodelle im Voraus kaum einschätzen lässt. Gleichzeitig steht die Kreislaufwirtschaft in Deutschland weit oben auf der politischen Agenda: Anfang Juni 2026 hat das Bundeskabinett das Aktionsprogramm zur Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) beschlossen. Eine Studie von BDI und Boston Consulting Group vom Mai 2026 zeigt, wie groß der wirtschaftliche Hebel ist. Bis 2045 könnte die Circular Economy der deutschen Industrie rund 880 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung bringen.

Kreislaufwirtschaft: Offenen Fragen für das einzelne Unternehmen

Für das einzelne Unternehmen bleiben bei diesen Gesamtzahlen jedoch oft die entscheidenden Fragen unbeantwortet: Rechnet sich der Aufbau eines zirkulären Geschäftsmodells? Und ab wann? Wer über Reparatur, Refurbishment oder Vermietung nachdenkt, findet zwar politischen Rückenwind und große Gesamtzahlen, aber kaum ein Werkzeug, um den eigenen Business Case durchzurechnen.

Vom komplexen Prozess zu klaren Zahlen

Zirkuläres Rechnen ist betriebswirtschaftlich weitaus komplexer als lineares Wirtschaften. Gebrauchte Produkte müssen über eine aufwendige „Reverse“-Logistik zurückgeholt werden, wobei Qualitätsquoten eine entscheidende Rolle spielen, da nicht alle Rückläufer brauchbar sind. Zudem treiben neue Prozessschritte wie die Demontage die Kosten in die Höhe.

Bisherige Analysen oder Tools berechnen meist nur das große Ganze oder fokussieren sich ausschließlich auf die ökologische Bilanz. Genau hier setzt der „CE Business Case Calculator” des Wuppertal Instituts an und schließt diese Lücke. Er erfasst alle relevanten Prozessschritte und übersetzt sie in betriebswirtschaftliche Kennzahlen. Dabei lassen sich sämtliche Erlöse, Investitionen sowie laufende Betriebs- und Finanzierungskosten berücksichtigen, wie verschiedene Unternehmen bereits erfolgreich testen konnten. Die Ergebnisse stellt das Tool anschließend in übersichtlichen Diagrammen dar.

Von Recycling bis Refurbishment: Szenarien durchspielen

Mit dem Rechner können Unternehmen verschiedene der sogenannten R-Strategien durchspielen – vom Recycling bis hin zu Reparatur, Wiederverwendung oder Refurbishment. Auch der parallele Vergleich unterschiedlicher Szenarien, etwa für verschiedene Märkte oder Absatzprognosen, ist möglich.

„Um von diesem Gesamtbild zu einer fundierten Eigenbewertung zu gelangen, benötigen Unternehmen ein praxisnahes Instrument. Der Calculator stellt diese Entscheidungsgrundlage bereit und ermöglicht den Übergang von der Idee zur Umsetzung“, betont Dr. Holger Berg, Co-Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut.

Der CE Business Case Calculator wurde im EU-Projekt R-evolve entwickelt, das im Rahmen von Horizon Europe von der Europäischen Union gefördert wird. Dieses Projekt hat seinen Ausgangspunkt in der Möbelindustrie, das Werkzeug ist jedoch bewusst branchenneutral angelegt, da die Kreislaufwirtschaft nahezu jeden Sektor betrifft. Der CE Business Case Calculator steht ab sofort frei zur Verfügung. Es ist als downloadbare Excel-Datei auf der Plattform Zenodo verfügbar. Die Nutzung ist kostenfrei. Die Creative-Commons-Lizenz Attribution 4.0 (CC BY 4.0) erlaubt es, das Werkzeug zu nutzen, anzupassen und weiterzugeben. Zusätzlich gibt es einen praxisnahen Leitfaden, ein Anwendungs-Tutorial als Video sowie weiterführende Dokumentation.

Bildergalerie

  • Exemplarische Darstellung der Materialflüsse für ein generalüberholtes Produkt (Refurbished).

    Exemplarische Darstellung der Materialflüsse für ein generalüberholtes Produkt (Refurbished).

    Bild: Wuppertal Institut

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