Deutschland kann Biotech – wenn Kompetenzen zusammenwachsen

New Food: Pilotanlage verbindet Labor mit Industrie

Gea hat sein Application and Technology Center für Biotechnologie und New Food von Hildesheim nach Sarstedt verlegt. Dort werden biotechnologische Prozesse im Pilotmaßstab getestet.

Bild: iStock, PRImageFactory
09.07.2026

Viele Biotechprozesse funktionieren im Labor, scheitern dann aber in der Praxis. Genau diese Lücke soll die von Gea in Sarstedt gebaute Anlage schließen.

Der Standort des Application and Technology Center (ATC) für Biotechnologie und New Food des Unternehmens Gea hat sich von Hildesheim nach Sarstedt verlagert. Das Zentrum ist seit 2023 aktiv und fließt mit seinen drei Jahren Pilotbetrieb und Kundenprojekten direkt in die Arbeit in Sarstedt ein. Es unterstützt Unternehmen der Lebensmittel-, Zutaten- und Biotechnologiebranche dabei, Produktionsprozesse für Präzisionsfermentation, Zellkultivierung und weitere biotechnologische Anwendungen im Pilotmaßstab zu entwickeln und zu testen.

Wenn das Labor nicht mehr reicht

Gea investierte vier Millionen Euro in den Umbau und die Ausstattung einer bestehenden Halle auf dem Gelände von Gea Liquid Technologies. Das Unternehmen bündelt seit Jahrzehnten Kompetenzen in der Flüssigkeits- und Prozesstechnologie für alkoholfreie Getränke und Milchverarbeitung und ist nun auch im Bereich New Food tätig. Am Standort sind bereits rund 200 Mitarbeitende in den Bereichen Engineering, Vertrieb, Automatisierung und Service tätig und durch den Einzug des ATC kommen 40 Mitarbeitende hinzu.

Durch die Zusammenführung rückt das ATC direkt an die vorhandene Ingenieur- und Prozesskompetenz des Standorts heran. Kunden, die ihre biotechnologischen Verfahren im Zentrum testen, können von der ersten Pilotphase bis zur Planung einer industriellen Anlage auf dasselbe Team zurückgreifen. „Das neue Gea-Technologiezentrum stärkt Sarstedt als Standort für Engineering, Technologie und qualifizierte Arbeitsplätze. Es ist ein wichtiges Signal, dass Zukunftsthemen wie Biotechnologie hier nicht nur diskutiert, sondern konkret bearbeitet werden“, sagte Heike Brennecke, Bürgermeisterin der Stadt Sarstedt.

„New Food und Biotechnologie brauchen Orte, an denen sich entscheidet, ob aus einem vielversprechenden Prozess eine tragfähige industrielle Anwendung werden kann“, sagte Klaus Stojentin, CEO der Gea Division Nutrition Plant Engineering. „In Sarstedt verbinden wir Pilotinfrastruktur mit Engineering- und Prozesskompetenz. So können Unternehmen ihre nächsten Schritte auf belastbarere Daten stützen.“

Wie Bioreaktoren zeigen, was Labore nicht können

Vom Laborergebnis zur belastbaren Investitionsentscheidung
Der Schritt vom Labor in die industrielle Produktion ist eine der anspruchsvollsten Phasen in der Entwicklung biotechnologischer Prozesse. Zwar kann ein Organismus im Labor ein gewünschtes Produkt herstellen, eine Zelllinie kann wachsen und ein erster Prototyp kann überzeugen. Ob daraus jedoch ein wirtschaftlich tragfähiger Prozess wird, zeigt sich erst bei der Übertragung in größere und stärker integrierte Prozessschritte.

Im ATC können Unternehmen bereits in einem frühen Stadium prüfen, ob sich ein Verfahren stabil wiederholen lässt und welche Produktqualität erforderlich ist. Dazu verbindet Gea Bioreaktoren im Bereich von 50 bis 500 l mit vor- und nachgelagerten Prozessschritten: Vorbereitung der Nährmedien, Separation der Zellmasse, Filtration, hygienische Prozessführung und Automatisierung. So wird eine belastbarere Grundlage für die nächste Entwicklungsstufe geschaffen – etwa für eine Pilotierung mit Lebensmittelzulassung, die Zusammenarbeit mit Produktionspartnern oder die Planung einer industriellen Anlage.

„Ein gutes Laborergebnis schafft Interesse. Ein belastbarer Prozess schafft Vertrauen“, sagte Frederieke Reiners, Head of New Food & Biotech bei Gea. „Manchmal ist das wichtigste Ergebnis eines Tests auch ein klares Nein – etwa wenn ein Prozess noch nicht stabil genug ist oder seine Kostenstruktur nicht trägt. Diese Erkenntnis kann Unternehmen viel Zeit und Kapital ersparen.“

Biotechnologie mit Anwendungen weit über New Food hinaus

Öffentlich werden Präzisionsfermentation und Zellkultivierung häufig mit neuen Proteinquellen in Verbindung gebracht. Dabei reichen ihre Anwendungen jedoch weiter: Mit biotechnologischen Verfahren können Proteine, Enzyme, Aminosäuren, Vitamine, Aromen und weitere funktionelle Inhaltsstoffe für Ernährung, Futtermittel und Gesundheitsprodukte erzeugt werden. Zwar ähneln sich viele Prozessschritte, sie unterscheiden sich jedoch je nach Organismus, Produkt und Zielanwendung.

Die Entwicklung im New-Food-Bereich dauert länger als ursprünglich erwartet. Finanzierung, Regulierung, Produktionskosten und Skalierung bestimmen, wie schnell neue Verfahren den Markt erreichen. Für Gea ist entscheidend, ob sich biotechnologische Prozesse sicher, stabil und wirtschaftlich in die industrielle Praxis überführen lassen.

Dabei geht es nicht darum, die bestehende Lebensmittelproduktion oder Landwirtschaft zu ersetzen. Vielmehr können neue biotechnologische Verfahren zusätzliche Produktionswege für ausgewählte Zutaten eröffnen, beispielsweise in Regionen, in denen Rohstoffe, Klima, Tiergesundheit oder globale Lieferketten unter Druck geraten.

Brücke zwischen Forschung und industrieller Anwendung

Deutschland verfügt über starke Kompetenzen in Forschung, Maschinenbau, Prozessindustrie und Lebensmittelproduktion. Damit daraus industrielle Biotechnologie im größeren Maßstab entstehen kann, müssen diese Kompetenzen enger zusammenwirken. Dafür braucht es neben Forschung und Finanzierung auch eine Pilotinfrastruktur, in der Unternehmen technische und wirtschaftliche Annahmen frühzeitig prüfen können.

Die Bundesregierung hat Präzisionsfermentation und industrielle Biotechnologie zuletzt stärker als Zukunftstechnologien adressiert. Für Gea ist es entscheidend, dass daraus belastbare industrielle Strukturen entstehen, die über eine geeignete Pilotinfrastruktur, planbare regulatorische Verfahren und Partner entlang der gesamten Wertschöpfungskette verfügen.

Das ATC in Sarstedt ist ein Baustein dieser Entwicklung. Es verbindet erste Laborergebnisse mit der Frage, ob ein Prozess im großen Maßstab zuverlässig funktioniert und die nächste Investitionsentscheidung rechtfertigt. Bei der Eröffnung zeigten Vertreterinnen und Vertreter aus Industrie und Biotechnologie, wie sich diese Entwicklung beschleunigen lässt. Dabei ging es auch um die Rolle von Partnern wie der Biotechnology Fermentation Factory in den Niederlanden, die Food-Grade-Pilotkapazitäten aufbaut, und Solar Foods aus Finnland, das sein fermentationsbasiertes Protein Solein bereits im industriellen Demomaßstab produziert.

Bildergalerie

  • Eröffnung des neuen Gea-Technologiezentrums für New Food & Biotech in Sarstedt (von links nach rechts): Jens Neidhardt, Vice President Gea Liquid Technologies, Klaus Stojentin, CEO der Gea Division Nutrition Plant Engineering, Kristina Böe, Senior Vice President Processing Technologie, Kristina Böe, Senior Vice President Processing Technologie, Heike Brennecke, Bürgermeisterin der Stadt Sarstedt, Frederieke Reiners, Vice President New Food & Biotech und Reimar Gutte, Senior Vice President EMEA, Nutrition Plant Engineering.

    Eröffnung des neuen Gea-Technologiezentrums für New Food & Biotech in Sarstedt (von links nach rechts): Jens Neidhardt, Vice President Gea Liquid Technologies, Klaus Stojentin, CEO der Gea Division Nutrition Plant Engineering, Kristina Böe, Senior Vice President Processing Technologie, Kristina Böe, Senior Vice President Processing Technologie, Heike Brennecke, Bürgermeisterin der Stadt Sarstedt, Frederieke Reiners, Vice President New Food & Biotech und Reimar Gutte, Senior Vice President EMEA, Nutrition Plant Engineering.

    Bild: GEA/Sommer & Co. GmbH

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