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Alt gegen neu: Können Retrofit-Anlagen mit Neuanschaffungen mithalten?

Bild: iStock, pidjoe

Umfrage zu Anlagenmodernisierung Nachgefragt: Sind Retrofit- mit Neuanlagen vergleichbar?

20.11.2020

Im Vergleich zur Neuanschaffung bietet eine Anlagenmodernisierung zahlreiche Vorteile, unter anderem geringere Investitionskosten. Aber ist es überhaupt möglich, dass die Produktion einer Brownfield-Anlage genauso effizient, transparent und sicher läuft wie die im Greenfield? Wir haben Experten nach ihrer Meinung zu Retrofitting befragt.

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Klicken Sie sich durch die Bildergalerie und lesen Sie, was Industrievertreter zum Vergleich zwischen Brown- und Greenfield-Anlagen sagen:

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  • Patrick Göbel, Verantwortlicher Gruppe Service Electronics – Modernisation Projects, SEW-Eurodrive: Die Bedürfnisse und Anforderungen der Anlagenbetreiber, aber in besonderem Maße auch die Art und Vielfalt der zu erfassenden und zu überwachenden Daten, sind sehr unterschiedlich. Grundsätzlich lässt sich durch die gezielte Modernisierung einer Anlage nicht nur deren Verfügbarkeit erhöhen. Vielmehr lassen sich innovative Automatisierungskonzepte umsetzen, die Bedienerfreundlichkeit, Ergonomie, aber auch Effizienz steigern und die Anlage zudem auf aktuellsten Stand der Technik zurückführen. Durch Anbindung entsprechender Sensorik ist es dann möglich, ein prädiktives Instandhaltungsmanagement aufzusetzen. Dadurch erhält der Betreiber eine sichere und moderne Anlage, in der sich Anlagenbediener und Instandhalter gleichermaßen wohlfühlen.

    Bild: SEW

  • André Fritsch, Senior Product Manager, R. Stahl: Das lässt sich natürlich nicht pauschal beantworten und hängt von der Anlagenstruktur ab. Aber viele Anlagen in der Prozessautomatisierung wurden bereits vor 20 Jahren nach Gesichtspunkten konzipiert, die heute aktuelle Themen wie Modularisierung oder Digitalisierung bereits damals aufgegriffen haben. Wurde die Instrumentierung zum Beispiel schon damals mit Remote I/O ausgeführt, bedarf es hier lediglich eines Umbaus auf moderne Ethernet-Remote-I/O mit beispielsweise Profinet. Auch die Diagnosen und Hart-Informationen sind mittels FDT/DTM oder OPC UA über IP-Kommunikation einfach verfügbar. Das passt dann sehr gut zum aktuellen Namur-Open-Architecture-Modell (NOA-Modell). Grundlegend anders wird eine Greenfield-Anlage derzeit auch nicht konzipiert.

    Bild: R. Stahl

  • Niklas Wiegand, Executive President Engineering & Maintenance, Bilfinger: Die Wirtschaftlichkeit und damit Wettbewerbsfähigkeit einer Investition – sei es in den Retrofit einer bestehenden oder in den Bau einer neuen Anlage – ist für unsere Kunden aus der Industrie der entscheidende Faktor. Wie schnell amortisiert sich eine Investition, und welche Lebenszeit lässt sich für eine Brownfield-Anlage noch erwarten? Durch die Modernisierung insbesondere von älteren Anlagen, etwa in der Chemie- und Petrochemieindustrie, lässt sich die Effizienz und Umweltfreundlichkeit der Anlagen mitunter deutlich steigern. Daher betrachten unsere Kunden und wir gemeinsam die einzelne Anlage nicht isoliert, sondern als Bestandteil einer ganzheitlichen Wertschöpfungskette.

    Bild: Johannes Vogt, Bilfinger

  • Timm Decker, Key Account Manager Process, Weidmüller: Durchaus kann eine in die Jahre gekommene Anlage wieder auf den aktuellen Stand der Technik gebracht werden. Hierzu sind zum einen Investitionen nötig, zum anderen ist es unabdingbar, dass der Anlagenbetreiber mit seinen Mitarbeitern offen für neue und innovative Lösungen ist. Überwachungssysteme oder effektive Steuerungen bringen die Anlage in die Gegenwart. Mit intelligenten und abgestimmten Migrationslösungen sind Modernisierungsmaßnahmen zum Teil erheblich schneller durchzuführen als der kostenintensive und technisch unnötige Neubau von Elektroverteilungen. Auch wenn eine Anlage rentabel läuft, sind oft Effizienzsteigerung möglich. Dadurch lässt sich die Rentabilität noch weiter steigern und Fertigungskosten senken.

    Bild: Weidmüller

  • Lennart Winkler, Branchenmanagement Prozessindustrie, Beckhoff: Das digitale Zeitalter bringt in immer höherer Geschwindigkeit neue Technologien hervor, mit denen Produktionsqualität und -effizienz von Anlagen und Maschinen gesteigert werden können: Von der Nachrüstung von Systemen zur Zustandsüberwachung bis zum Einsatz Künstlicher Intelligenz für die Prozessoptimierung bietet sich ein breites Spektrum von Möglichkeiten an. Daher sollte sich der Betreiber über die gesamte Anlagenlebensdauer hinweg immer wieder die Frage stellen, ob ein Retrofit erforderlich – und dann auch der wirtschaftlich richtige Schritt – ist. Entscheidende Voraussetzung ist in diesem Zusammenhang eine Steuerungsarchitektur, die die Systemerweiterung und Einbindung von Drittsystemen über offene und standardisierte Schnittstellen nicht nur ermöglicht, sondern den damit verbundenen Engineering-Aufwand weitestgehend reduziert, um langfristig mit der Wirtschaftlichkeit von Greenfield-Anlagen mitzuhalten.

    Bild: Beckhoff

  • Burkhard Rüßmann, Geschäftsführender Gesellschafter, L&R Kältetechnik: Das ist ohne Weiteres möglich. Bei Kälteanlagen gibt es vor allem zwei Gründe für eine Modernisierung: die Umrüstung auf umweltfreundliche Kälteanlagen im Sinne der F-Gase-Verordnung und die Nachrüstung von effizienzsteigernden Komponenten, zum Beispiel von drehzahlgeregelten Pumpen und Kompressoren. Das verbinden wir oft mit einer Erneuerung der Steuerungstechnik. Auch die Integration der Kälteanlage in übergeordnete Leitsysteme ist eine Aufgabe, die wir im Rahmen eines Retrofits häufig durchführen. Generell gilt, dass man insbesondere die Energieeffizienz vorhandener Anlagen mit einem Retrofit deutlich steigern kann – mit überschaubarer Investition, wobei immer im Einzelfall zu prüfen ist, welche Maßnahmen sinnvoll und machbar sind.

    Bild: L&R

  • Hendrik Langner, Automation Sales & Consulting, Azo: Bei der Modernisierung von Altanlagen bieten sich zwei Möglichkeiten: Die mechanischen Komponenten werden ersetzt oder nur die Steuerung wird auf den neusten Stand gebracht. Oft erfüllen Bestandsanlagen immer noch die Sicherheits- und Hygienestandards, und es müssen nur einzelne Komponenten, zum Beispiel wegen Verschleiß, getauscht werden. Doch vor allem die Steuerungsmodernisierung bietet viel Potenzial: Effizienzsteigerung durch optimierte Prozesse mit erweiterter Bedienerführung, geringeres Fehlerpotenzial, weniger Ausfallzeiten, automatisierte Datenflüsse mit ERP-Schnittstellen, Tracking & Tracing und vieles mehr. Somit erreichen die Retrofit-Anlagen ebenfalls eine sehr hohe Effizienz und sollten als Variante in Investitionsplanungen mit aufgenommen werden.

    Bild: Azo

  • Peter Ratermann, Projektmanager Prozessindustrie, Turck: Die Antwort lautet: ja. Schlüssel dazu sind moderne I/O-Systeme mit Ethernet und schnelle Datenübertragung. Viele Daten, die in einer modernen Anlage benötigt werden, sind schon verfügbar. Oft sind bereits Hart-Feldgeräte verbaut, deren Daten aber aufgrund der langsamen Übertragungsrate nicht komplett genutzt werden. Hier schafft Turck jetzt Abhilfe: Unsere neuen Hart-Module für das I/O-System Excom sind mit je einem Hart-Controller pro Kanal ausgestattet und daher deutlich schneller als bisherige Lösungen. Und mit dem Multiprotokoll-Ethernet-Gateway für das Excom-System können diese Daten schnell und zuverlässig übertragen werden. Excom-Anwender können die bestehenden Profibus-Gateways ohne Umbau durch moderne Ethernet-Gateways ersetzen. So ist die Anlage bereit für Digitalisierung und Industrie 4.0.

    Bild: Turck

  • Stephan Sagebiel, Leitung Industriemanagement Prozess- und Verfahrenstechnik, Phoenix Contact: Ein altes Haus kaufen und modernisieren oder neu bauen? Die Betrachtung des Altbaus/Brownfields zeigt einen entscheidenden Vorteil: Bei richtiger Wahl der einzelnen Schritte kann der Betreiber skalierbar vorgehen und so die Investitionskosten über viele Jahre strecken. Beim Neubau werden vermeintlich teure Sonderwünsche oft wegen des finanziellen Aufwands gestrichen, obwohl sich ihre Vorteile erst in den Betriebskosten widerspiegeln. Soll heißen: Beim Neubau steht der Anwender vor einer CAPEX-Auswertung, drückt den Preis wo immer es geht, und der Blick auf OPEX kommt häufig zu kurz. Die für eine spätere optimale Wartung notwendige Transparenz wird daher doch wieder in einem Brownfield-Projekt realisiert. Ein Altbau lässt sich also auf den energetischen und digitalen Stand eines Neubaus bringen. Die Schritte dahin wollen nur gut geplant sein. Unter Umständen ist das Brownfield dann sogar effizienter und transparenter als die meisten Greenfields.

    Bild: Phoenix Contact

  • Andree Günther, Team Leader Project Engineering, Optima Nonwovens: In den meisten Fällen ist es möglich, dass eine bestehende Anlage nach einem Retrofit die gleichen Standards an Effizienz, Sicherheit und Transparenz erfüllt wie eine neue Anlage. Im Vorfeld muss jedoch eine genaue Analyse durchgeführt werden, welche Änderungen notwendig sind, damit die Anlage die neuen Anforderungen erfüllen kann. Dazu gehören Fragen wie: Kann die gewünschte Ausbringung erreicht werden? Kann der neue Formatbereich abgedeckt werden? Ist die elektrische Steuerung noch aktuell? Außerdem muss der aktuelle Maschinenzustand in den Blick genommen werden. Häufig müssen defekte Komponenten ausgetauscht werden, was Einfluss auf die Rentabilität des Retrofits hat. Dieser Ergebnisse unserer Analyse kommunizieren wir klar und transparent an unsere Kunden, sodass diese eine fundierte Entscheidung für oder wider den Retrofit treffen können.

    Bild: Optima

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