Das Effizienzhaus Plus in Berlin hat vielleicht nicht alle Erwartungen erfüllt, dafür aber wertvolle Informationen für das Wohnen und Bauen der Zukunft geliefert.

Bild: BMVBS

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Nachhaltig bauen und wohnen My Home Is My Kraftwerk

22.11.2017

Bei der gerade zu Ende gegangenen Klimakonferenz in Bonn stand neben politischen Klimafragen auch das Thema Effizienz im Fokus. Gerade der Energieverbrauch von Gebäuden ist ein wichtiger Hebel, um das Klima zu entlasten. Eine Auswahl an Möglichkeiten, Energie rund um das Wohnen zu sparen, stellt Ihnen unser Überblick vor.

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Wie lebt es sich abgeschnitten vom Stromnetz? „Eigentlich wie in jeder anderen Wohnung auch“, erklärte Jörg Welke im Jahr 2012, der damals gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Kindern 15 Monate lang testweise im Energieeffizienzhaus Plus in Berlin wohnen durfte. Ganz so abgeschieden vom restlichen Stromnetz lebte die Familie also doch nicht. Immerhin standen Sie im Mittelpunkt eines Experiments, das zeigen sollte, wie das klimafreundliche Wohnen der Zukunft aussehen könnte.

Dafür residierten sie in einem Haus, das im Auftrag des Bundesbauministeriums errichtet wurde und doppelt so viel Strom erzeugen sollte, als es selbst benötigt. Ihre Erfahrungen hat die Familie Welke/Wiechers in einem Blog festgehalten. Dass es in der Praxis dann aber doch nicht ganz so einfach ist mit der stets verfügbaren Überschussenergie, davon berichtete die zweite Testfamilie – die Brenner-Heinzelmanns, die von Mai 2014 an zwölf Monate lang in dem Haus wohnten – ihrerseits in einem Blog. „Der Blick auf die Wechselrichter der Photovoltaikanlage treibt uns die Tränen in die Augen“, heißt es da. Denn an trüben Tagen stünden schlicht viel zu viele Nullen auf der Anzeige.

Lehre für ehrgeizige Effizienzziele der Bundesregierung

Energetisch lief es also noch nicht ganz so rund in dem Testgebäude, das bestätigte auch das Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP), das mit dem technischen Monitoring bei dem Projekt betraut war. So ergab die erste Testphase, dass der prognostizierte Ertrag der PV-Anlage am Gebäude mit rund 13.000 kWh 20 Prozent unter den Erwartungen lag. Zudem war der Stromverbrauch im Haus mit 12.400 kWh rund 75 Prozent höher als prognostiziert. Mit baulichen Verbesserungen und einem Austausch der Wärmepumpe, konnte die Energiebilanz am Ende verbessert werden – immerhin erwirtschaftete das Haus im letzten Messjahr einen Stromüberschuss von 3.543 kWh. Dafür ächzte das Budget für die Gebäudekosten.

Ob erfolgreich oder nicht: Projekte wie das in Berlin oder auch das Aktivhaus B10 in Stuttgart sind wichtig, zeigen sie doch, welche Möglichkeiten und Hürden bestehen, will man den Energieverbrauch in Gebäuden senken. Informationen darüber, ob etwa Plus-Energiehäuser von ihren potenziellen Bewohnern tatsächlich ohne große Einschränkungen bewohnbar sind, sind dringend notwendig, wenn das Vorhaben der Bundesregierung gelingen soll, bis 2050 einen nahezu klimaneutralen Gebäudebestand in Deutschland zu erreichen.

Hoffnungsträger Passivhaus

Auf den Gebäudebereich entfallen rund 40 Prozent des deutschen Energieverbrauchs und etwa 20 Prozent des CO2-Ausstoßes. Den größten Anteil am Energieverbrauch hat dabei für das Heizen: So verbrauchen private Haushalte rund 85 Prozent ihres Energiebedarfs allein für Heizung und Warmwasser. Deshalb tragen in erster Linie die Sanierung der Gebäudehülle, und die Erneuerung der Anlagentechnik dazu bei, den Energieverbrauch in Wohnräumen zu senken. Als eine wesentliche Möglichkeit, die Energieeffizienz von Gebäuden zu erhöhen, nannte das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) in seinem The Emissions Gap Report 2016 den Passivhaus-Standard.

Aus diesem Grund stand das Thema auch bei der diesjährigen Klimakonferenz in Bonn auf der Agenda. Das Passivhaus-Institut aus Darmstadt war wie bereits bei vergangenen COPs vor Ort, um sich für den Klimaschutz im Gebäudesektor stark zu machen. So besuchte eine internationale Delegation der COP23 das Passivhaus-Studentenwohnheim 42! in Bonn, und konnte sich vor Ort davon überzeugen, dass Passivhäuser schon heute ihren Teil dazu beitragen, die Klimabilanz zu verbessern. Das Studentenwohnheim nutzt unter anderem Wärmerückgewinnung durch die Lüftungsanlage und verzichtet damit komplett auf Öl oder Gas.

Und das Passivhaus-Beispiel aus Bonn ist längst nicht das einzige: In Heidelberg eröffnete 2016 das weltweit größte Passivhaus-Ensemble Campus Gardens. 370 Wohnungen, verteilt auf vier Gebäude auf einer Grundstücksfläche von mehr als 5.400 Quadratmetern, decken ihren Wärmebedarf aus sogenannten passiven Quellen wie der Sonne und der Abwärme technischer Anlagen gedeckt.

Zum niedrigen Energiebedarf der Anlage tragen außerdem eine gute Dämmung, die Dreifach-Verglasung der Fenster und eine Lüftungsanlage bei. Damit entspricht der Campus dem von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) definierten Standard KfW Effizienzhaus 55.

Energieeffizienzpotenziale in Gebäuden aufdecken

Allein die genannten Beispiele zeigen, wie vielseitig die Möglichkeiten sind, in Gebäuden effizient mit Energie umzugehen. Was also ist der richtige Weg, um den klimaneutralen Gebäudebestand bis 2050 zu erreichen? Mit dieser Frage hatte sich das Umweltbundesamt (UBA) bereits 2016 in seiner Studie „Klimaneutraler Gebäudebestand 2050“ beschäftigt. Nun hat das UBA zwei weitere Fragen untersucht: Welche weiteren Energieeffizienzpotenziale schlummern in der in Gebäuden eingesetzten Technik? Und welche Auswirkungen könnte der Klimawandel im Jahr 2050 auf den Energieverbrauch der Gebäude haben?

Die Studie entwickelt verschiedene Zielbilder für das übergeordnete Ziel, den nicht-erneuerbaren Primärenergiebedarf bis zum Jahr 2050 bezogen auf das Ausgangsjahr 2008 um mindestens 80 Prozent zu reduzieren. Sie unterscheiden sich dabei in zwei zentralen Zieldimensionen: Der Reduktion des Endenergiebedarfs sowie der Zusammensetzung des Endenergieträgermixes und den darin enthaltenen Anteil erneuerbarer Energien.

Kleine Schritte zu mehr Effizienz

Wer nicht gleich in einen Neubau ziehen, sich bei seiner privaten Energiewende aber bereits heute engagieren will, kann sich dabei auf Wärme aus Erneuerbaren konzentrieren – und bekommt dabei sogar Unterstützung vom Staat. Den Umstieg auf eine Heizungsanlage mit erneuerbaren Energien fördert das Bundeswirtschaftsministerium durch hohe Zuschüsse. Gefördert wird Solarthermie (mindestens 2.000 Euro), Biomasse (mindestens 3.500 Euro) und der Einbau einer Wärmepumpe mit Erdsonde (mindestens 4.500 Euro).

Und auch Mieter, die bereits heute selber mit anpacken möchten, ohne dafür neu zu bauen und umzuziehen, können mit Hilfe erneuerbarer Energien das Klima schonen. Dafür gibt es zahlreiche Möglichkeiten. So hat beispielsweise die EU gerade grünes Licht für gegeben Mieterstrom und erlaubt es Mietern damit, Sonnenenergie auf dem eigenen Balkon zu ernten, zum Beispiel mit Mini-Solaranlagen auf dem Balkon. In verschiedenen Städten wie München wurden entsprechende Projekte bereits umgesetzt.

Quellen: Umweltbundesamt, BMVBS, Passivhaus-Institut, Fraunhofer IBP, KfW, BSW Solar, VDE, DIN, AlphaEOS, Panasonic

Bildergalerie

  • Mieterstrom in München: Das Neubauviertel Domagkpark mit 138 Wohnungen in München nutzt eine Mieterstromanlage mit einer Gesamtleistung von 95,55 Kilowatt. Die Panasonic Module HIT liefern umweltfreundlichen und günstigen Solarstrom für die Haustechnik und die Haushalte der knapp 300 Bewohnerinnen und Bewohner.

    Bild: Panasonic

  • Das Aktivhaus B10 ist der Prototyp für das Haus der Zukunft. Eingebunden in das lokale Smart Grid hilft es beim Lastmanagement innerhalb des Quartiers aktiv mit.

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