„Wir dezentralisieren unsere Energieversorgung – und dezentralisieren damit gleichzeitig ihre digitale Angriffsfläche. 212 aus dem Internet erreichbare Systeme im Umfeld deutscher Windparks zeigen, dass wir beim Schutz der Energieversorgung nicht mehr nur an große Kraftwerke und Netzbetreiber denken dürfen. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Warnung des BND vor einem russischen ‚Schattenkrieg‘ ist das ein Befund, den wir ernst nehmen müssen“, sagt Hans-Wilhelm Dünn, Präsident des Cyber-Sicherheitsrat Deutschland.
Die am Dienstag auf der ONE Conference in Den Haag vorgestellte Untersuchung „To see the wind and the sun“ von Modat und dem niederländischen National Cyber Security Centre identifizierte 8.547 aus dem öffentlichen Internet erreichbare Systeme im Umfeld europäischer Wind- und Solarparks. Deutschland liegt mit 212 exponierten Wind-Systemen an der Spitze der untersuchten Länder; hinzu kommen 672 Solar-Systeme.
Bei rund 181 Standorten stellten die Forscher Möglichkeiten weitreichender Fernsteuerung fest. Eine untersuchte Windturbinen-Oberfläche bot beispielsweise Funktionen zum Starten, Stoppen und Zurücksetzen. Die Forscher betrachten ihre Zahlen zudem als Untergrenze, weil nur Systeme berücksichtigt wurden, die konkreten Anlagen zugeordnet werden konnten.
Dass solche Risiken nicht nur theoretischer Natur sind, zeigte Polen im Dezember 2025: Bei einem koordinierten Cyberangriff wurden Kommunikationsverbindungen zu rund 30 Wind- und Solaranlagen beeinträchtigt.
Ergebnisse treffen auf europäische Sicherheitsdebatte
Die Ergebnisse treffen unmittelbar auf die europäische Sicherheitsdebatte: Am 8. Oktober beraten ENISA, europäische Netzbetreiber und Sicherheitsexperten beim Cybersecurity Energy Forum in Brüssel über „Grid Cyber Resilience and Preparedness“. Im Mittelpunkt stehen unter anderem die zunehmende Dezentralisierung des Energiesystems, geopolitische Risiken und die praktische Widerstandsfähigkeit der europäischen Stromnetze.
„Die entscheidende Frage ist nicht, ob ein einzelnes Windrad aus dem Internet erreichbar ist, sondern ob aus vielen dezentralen Schwachstellen ein Risiko für unsere Versorgungssicherheit entstehen kann. Genau solche Szenarien müssen wir verstehen und praktisch beherrschbar machen. Der geplante Cyberdome setzt mit Sensorik, Analyse und Früherkennung grundsätzlich an der richtigen Stelle an. Ich wünsche mir, dass Erkenntnisse wie die dieser Studie schnell in seine praktische Ausgestaltung einfließen. Am Ende muss sich der Cyberdome daran messen lassen, ob aus einem besseren Lagebild auch ein besserer Schutz unserer Infrastruktur entsteht“, so Dünn.
Die aktuelle Untersuchung weist keinen erfolgreichen Angriff auf die identifizierten deutschen Systeme nach.