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Wenn unser Gehirn nach reproduzierbaren Gesetzen arbeitet und es bereits künstliche Denkapparate aus biologischem Material gibt: Was unterscheidet den menschlichen dann noch vom maschinellen „Verstand“?

Bild: Pixabay, 024-657-834

Kolumne Mensch und Maschine: Zum Verwechseln ähnlich

06.03.2020

Professoren haben den aktuellen Stand auf ihren Wissensgebieten klüger und umfassender erfasst als wir. Ob sie allerdings mit ihren Ausblicken auf die Zukunft richtig liegen, lässt sich leider – oder Gott sei Dank – erst rückwirkend feststellen.

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So meint der renommierte deutsche, an der Uni Zürich wirkende Neuropsychologe und Hirnforscher Lutz Jäncke, dass wir „künftig Mensch und Maschine wohl nicht mehr unterscheiden können“. Denn was wir für unnachahmlich menschentypisch halten, sind Emotionen, Empathie, Witz oder die Fähigkeit, Kunst und Kultur zu entwickeln – also Verhaltensweisen und psychologische Fertigkeiten, die wir selbst nicht so richtig verstehen. Würden diese von einer Maschine erzeugt, wäre die Definition nicht mehr haltbar.

Jäncke schließt das nicht aus. Er argumentiert, dass Computertechnik und Machine Learning derartige Fortschritte gemacht haben, dass sie im Weiteren durchaus ein Eigenleben entwickeln könnten: „Wenn wir moderne Maschinen mit ihren Lernalgorithmen in einer menschlichen Umgebung lernen lassen, werden sie sich genauso anpassen wie der Mensch. Irgendwann werden wir Robotergehirne generieren können, die menschliche Verhaltensweisen zeigen. Baut man diese in eine Maschine ein, die dazu noch aussieht wie ein Mensch, fällt die ganze Definition, was Menschlichkeit bedeutet, in sich zusammen“, meint er.

Künstliche Gehirne und Emotionen

Gefühle? Das sind Bewusstseinsphänomene, verbunden mit körperlichen Empfindungen wie Herzklopfen oder Schweißausbrüchen. Diese werden gesammelt, aus dem vegetativen Nervensystem ins Gehirn gemeldet, dort verwoben und im Gedächtnis abgespeichert. So können Als-ob-Emotionen entstehen, die bei einem bestimmten Ereignis abgerufen werden. Und zwar im Gehirn, einem biochemischen System, das nach physikalischen Gesetzen arbeitet. Warum soll ein reproduzierbares Gehirn keine Emotionen entwickeln können?

Erinnerungen können rekonstruiert werden, indem man mithilfe von neuronalen Netzen bestimmte Erinnerungsfetzen aktiviert, die dann zur kohärenten Geschichte verflochten werden. Sie sind ebenso wenig ein Unterscheidungsmerkmal wie die Zusammensetzung des Denkapparats. Eiweiß, Wasser, Kohlenstoff gegenüber Drähten: Es gibt längst Modelle von Computernetzwerken aus biologischem Material.

Und unsere vermeintliche Vernunft hat wenig mit unserem Handeln zu tun. Wir sind biologische Wesen, zufällig in eine bestehende Kultur hineingeboren, in der wir überleben und uns fortpflanzen müssen. Das ist der Motor, der uns zum Lernen verdammt. Der sogenannte freie Wille zur Verhaltenssteuerung geht nie der neurophysiologischen Aktivität voraus. Er folgt ihr nur.

Maschinen als Herrscher der Welt

Jäncke macht sich meines Erachtens zu Recht „ein bisschen Sorgen“, wenn er bezweifelt, dass der Mensch konstruiert wurde, um in dieser von ihm selbst geschaffenen Welt zurechtzukommen. Die Nachrichtenflut führt dazu, dass unser Gehirn daraus die einfachsten Informationen herauszufiltern und Klarheit zu schaffen versucht, weil es Unordnung und Chaos verabscheut. Das ist heutzutage ein schwieriges Unterfangen.

Wir, die Menschen, sind, so Jäncke, wohl völlig überschätzt, weit entfernt vom denkenden, logischen, wissenden und vernünftigen Wesen, das wir gerne wären. Mindestens 90 Prozent unseres Verhaltens sind uns unbewusst. So hält Jäncke sogar das Horrorszenario der Maschinen als Herrscher des Planeten für vorstellbar: „Wir stehen uns durch unsere Unvernunft und als unglaubliche Egoisten durch unser Konkurrenzverhalten selbst im Weg. Ich habe keine Angst per se, was in der Zukunft kommt. Ich habe nur Angst um den Menschen an sich, weil er sich so merkwürdig verhält.“

Die Zukunft bleibt spannend. Doch noch können wir an ein paar Stellschrauben drehen!

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  • Autor Roland Ackermann begleitet die Branche seit den späten 1950er-Jahren als Chefredakteur, Verlagsleiter und Macher des „Technischen Reports“ im BR.

    Bild: Roland Ackermann

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