Auftakt Mehr Wachstum bringt mehr Dünger

09.12.2013

Die Rechnung funktioniert eigentlich umgekehrt: Dünger bringt Wachstum. Doch der Öl- und Gas-Boom in Amerika führt jetzt zu erheblicher Produktionssteigerung bei Ammoniak und anderen energieintensiven Güter. Anlagenbauer aller Orten jubeln. Aller Orten? Nicht ganz: In Europa werden sie es zunehmend schwerer haben. Das zeigen auch die Prognosen für 2014.

Erst Gas, und jetzt auch Öl: Die Amerikaner haben wenig Hemmungen, Energieträger mit neuen Methoden wie Fracking zu fördern. Entsprechend ändern sich die Weltmärkte: Schon 2015 wird auf keinem anderen Kontinent so viel Primärenergie gefördert werden wie in Amerika. Das besagt der neue Welt-Energiebericht der Internationalen Energieagentur (IEA).

Die Folgen sieht man nicht nur auf den Energiemärkten, sondern nachgelagert auch bei der Produktion energieintensiver Güter. Der Ausblick der IEA bis ins Jahr 2035 sieht die EU und Japan hier als Verlierer, zehn beziehungsweise drei Prozent werden sie demnach verlieren. Die USA stehen laut Energieagentur dagegen auf der Gewinnerseite, gemeinsam mit China, Nahost und Indien.

Projektankündigungen für die nahe Zukunft der großen Player untermauern diese Perspektive. So prüfen BASF und der Chemikalienproduzent Yara eine gemeinsame Investition in eine World-Scale-Anlage für die Ammoniakproduktion an der US-amerikanischen Golfküste. Yara will - wohl mit Blick auf die Prognosen für den US-Markt - seine Präsenz jenseits des Atlantiks stärken, BASF erwartet höheren Ammoniak-Bedarf der eigenen Produktionsstätten in Amerika.

Gleich mehrere feste Aufträge für Ammoniak-Anlagen aus den USA und Saudi-Arabien hat Thyssen Krupp Uhde zu verbuchen. Dem Unternehmen kommt sein eigens entwickeltes Zweidruck-Verfahren zugute, das die Düngemittelproduktion bei vergleichsweise geringem Energieaufwand ermöglicht und in den weltweit größten Anlagen zur Ammoniak-Produktion zum Einsatz kommt.

In Sachen Gasförderung ist Brasilien der Runner-up direkt hinter den USA - beispielhaft dafür ist eine weitere Ammoniak-Anlage, die im Süden des Landes entsteht. Sie ist auf 803.000 Tonnen Jahreskapazität ausgelegt. Gebaut wird sie von KBR, Auftraggeber ist - wie kaum anders zu erwarten - die halbstaatliche Petrobras.

Deutlich größer soll die Anlage werden, die Thyssen Krupp Uhde für Ma�??aden in Ras al Khair am Arabischen Golf bis 2016 fertiggestellt haben will. Sie wird eine Jahreskapazität von über 1 Mio. Tonnen haben. Als Subkontraktor von Daelim übernehmen die Essener hier Lizensierung, Ingenieurplanung und die Lieferung von Schlüsselausrüstungen. Das Auftrags- und Projektvolumen liegt dabei insgesamt bei mehreren Hundert Mio. Euro, berichtet Dr. Hans Christoph Atzpodien, Leiter des Bereichs Industrial Solutions bei Uhde.

Noch einmal größer, aber nicht nur auf Ammoniak, sondern auch auf Harnstoff ausgelegt ist die Düngemittelfabrik, die die italienische Maire Tecnimont für den ägyptischen Chemiekonzern KIMA bis Mitte 2014 fertiggestellt haben will. Für den neuen Komplex am bereits existierenden Standort Aswan im Südosten �?gyptens kommen auch Lizenzen von KBR und Stamicarbon zum Einsatz.

Zwar warnen Marktbeobachter, der Düngemittel-Boom könnte schon bald einen Einbruch erleben - inklusive möglicher Stornierungen. Schließlich steigt der Bedarf nicht zwangsläufig, nur weil das Angebot größer wird. Aber mit einer stetig wachsenden Bevölkerungszahl und entsprechend größerem Hunger nach Nahrung wird die Rechnung längerfristig betrachtet wohl aufgehen.

Deutsches Know-how, amerikanische Arbeiter

Doch auch an Anlagen für energieintensive Basischemikalien abseits des Düngemittelmarkts mangelt es nicht. Die Kapazitätserweiterung eines Ethylen-Crackers von Shell in Singapur wird 2014 fertiggestellt werden. Der Output von Olefinen und Aromaten wird dann um über 20 Prozent gesteigert werden. Das lässt der Mineralölkonzern sich rund 6 Mrd. Euro kosten. Deutsche Ingenieurskunst kommt dabei nur mittelbar in Form von BASF-Lizenzen zum Zug, es bauen die amerikanische CB&I und Toyo Engineering aus Japan. Ganz ohne deutsche Technik und Technologie kommt die HDPE-Anlage aus, die für Sasol im US-Bundesstaat Louisiana entsteht. Für 400 Mio. Euro soll KBR dort bauen, Beginn ist allerdings voraussichtlich erst Mitte 2014.

Mehr BASF-Know-how wird im Komplex für Citral, Citronellol und L-Menthol stecken, die der Konzern gemeinsam mit Petronas in Malaysia betreiben will. 500 Mio. US-Dollar ist den Joint-Venture-Partnern der Bau wert, der aber erst bis 2016 fertiggestellt sein soll. Mehr Isononanol schließlich will der Chemiegigant aus Ludwigshafen gemeinsam mit Sinopec in China produzieren - mit Blick auf die Herstellung von Weichmachern der nächsten Generation. Die Partner planen seit 2012, bis 2015 wird der Produktionsbeginn erwartet.

Biotech bleibt klein, aber beständig

Bemerkenswerte Biotech-Anlagen bleiben auch 2014 ein paar Nummern kleiner als die Mega-Projekte der chemischen Industrie. Doch auch wenn Marktbeobachter Jahr für Jahr konstatieren, dass die biotechnische Herstellung von Treibstoffen, Kunststoffen und anderen traditionell chemisch produzierten Gütern noch keinen erheblichen Anteil am jeweiligen Gesamtmarkt hat, wachsen die Anteile beständig.

In laufenden Anlagenbauten spiegelt sich beides wider: der steigende Anteil und die insgesamt noch geringe Bedeutung. So wird Raízen, das Joint-Venture der brasilianischen Cosan und Shell, Ende 2014 eine neue Anlage zur Herstellung von Bioethanol mit Technologie von Novozymes in Betrieb nehmen. Investitionsvolumen und Produktionskapazität sind mit 75 Mio. Euro beziehungsweise 40.000 m³ pro Jahr aber noch weit von Anlagen mit chemischer Ethanol-Produktion entfernt. In ähnlichen Dimensionen bewegt sich eine Anlage zur Bioethanol-Produktion des Newcomers GlycosBio aus den USA, die Toyo in Malaysia an der Grenze zu Singapur 2014 fertigstellen will. 30 Mio. Euro werden dafür investiert.

Dass es für biotechnisch erzeugte Produkte allerdings nicht unbedingt neue Anlagen braucht, hat Lanxess schon 2013 bewiesen. 20 Tonnen BDO hat der Konzern auf seiner World-Scale-Anlage in Hamm-Uentrop hergestellt. Nach einem Verfahren des US-Unternehmens Genomatica kam dabei Zucker als Rohstoff zum Einsatz. Vorerst geht es Lanxess laut Hartwig Meier (Leiter der Produktentwicklung für High Performance Materials) darum, von bestehenden Produkten "künftig auch Bioversionen anzubieten". Und wenn auch in der Vergangenheit beim Thema Biotech gern der Teufel des schwindenden Öls an die Wand gemalt wurde: Mit Blick auf die neuen Förderprognosen für Amerika braucht sich die chemische Industrie wohl auch für einige weitere Dekaden keine Sorgen machen, dass ihr der Rohstoff ausgehen könnte.

Energie: sauber oder billig?

Sorgen macht vielmehr die Energieversorgung - oder besser gesagt: ihr Preis. Wer die eingangs erwähnte Prognose der IEA zum europäischen Produktionsschwund bis 2035 im Hinterkopf hat, mag verstehen, dass die deutsche Chemieindustrie, vertreten maßgeblich durch VCI und EID, von kaum etwas anderem redet als der EEG-Reform. Den Vorsprung gegenüber dem Rest der Welt bei der Produktion energieintensiver Güter will man nicht einfach kampflos aufgeben. "Weltweit stagnieren die Energiepreise, in Deutschland wäre dagegen in den kommenden Jahren ein weiterer Anstieg besiegelt", mahnt VCI-Präsident Karl-Ludwig Kley mit Blick auf die geplante EEG-Reform.

Die Lösung des VCI? Weniger Förderung und Bevorteilung für erneuerbare Energie, und überhaupt: weniger Erneuerbare. Dem globalen CO2-Kreislauf tut das nicht gut; auch die IEA warnt, die Ziele zur Beschränkung der Klimaerwärmung auf 2 °C gerieten in Gefahr. Die Entwicklung des Anlagenbaus 2014 ist damit gute und schlechte Nachricht zugleich: Es wird mehr gebaut werden.

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