Jörg Spiekermann, Leiter Vertrieb Palettier- und Verpackungsanlagen Consumer Goods bei der Beumer Group, ist überzeugt: „Die Stretchfolien können dünner und dennoch leistungsfähiger als herkömmliche Folien sein.“

Bild: Beumer

Umdenken bei Folienherstellern notwendig Ist Recycling nur eine „Symptombehandlung“?

21.04.2022

Vor allem Plastikverpackungen haben zunehmend einen schweren Stand. Aber Kunststoffe sind durch ihre besonderen Eigenschaften in vielen Bereichen unverzichtbar. Die P&A sprach mit Jörg Spiekermann, Leiter Vertrieb Palettier- und Verpackungsanlagen Consumer Goods bei der Beumer Group, über die Probleme beim Recycling und den Einsatz von Rezyklatfolien.

Kunststoffprodukte stehen seit langer Zeit in der Kritik. Warum ist Kunststoffrecycling so schwierig?

Wenn es ums Recycling geht, sind die vielfältigen Eigenschaften von Kunststoff ein Problem. Das heißt, dass die Grundbausteine chemisch nicht immer zueinander passen. Deswegen sollten Kunststoffe für das Recycling auch sortenrein sein. Dazu kommt, dass sich nicht alle Materialien gleichermaßen einschmelzen lassen, um daraus neue Produkte zu fertigen. Durch das Einschmelzen können Kunststoffe durch chemische Reaktionen auch unbrauchbar für das Recycling werden. Ein anderer Aspekt ist die Verschmutzung. Nicht bei allen gesammelten Materialien lassen sich diese restlos entfernen. Sie können dann bei Erhitzung mit dem Kunststoff reagieren und dessen Eigenschaften verändern.

Welche Faktoren bestimmen, ob Verpackungsmaterial aus Kunststoff recycelbar ist?

Recyceln lassen sich insbesondere Folien mit einer einfachen Struktur, sogenannte Monomaterialien. Dazu kommen Folien aus Kunststoffen, die zur Gruppe der Polyolefine gehören, etwa Polyethylen (PE) in verschiedenen Dichten und Polypropylen (PP). Schwer recycelbar sind dagegen Kunststoffarten wie Polyethylenterephthalat (PET), Polystyrol (PS), Polyvinylchlorid (PVC) oder Polyamid (PA). Auch mehrschichtige Verpackungen aus verschiedenen Materialien lassen sich nur schwer recyceln. Es ist schwierig, die Verpackungen richtig zu trennen.

Viele Verpackungsfolien enthalten nun einen höheren Anteil von Rezyklat. Inwiefern verändert sich hier die Handhabung?

Im Idealfall kann sich die Qualität dieser Folien mit der von Neuware messen. Dann ändert dies an der Handhabung nichts. Durch den Rezyklatanteil können sich die Eigenschaften jedoch auch erheblich wandeln, durchaus auch zum Positiven. Die Stretchfolien etwa können dünner und dennoch leistungsfähiger als herkömmliche Folien sein. Dadurch sind die verpackten Produkte optimal gesichert, gleichzeitig wird weniger Material verbraucht. Das sorgt für einen höheren Produktionsdurchsatz und weniger Rollenwechsel an der Maschine. Die Folien können auch dünner, steifer, weicher oder weniger dehnbar sein. Das kann das Handling erschweren.

Mit Sicherheit sind viele Betreiber von Verpackungsmaschinen nun verunsichert, ob sie ihre aktuelle Verpackungsanlage mit der Rezyklatfolie nutzen können, oder?

Natürlich. Viele unserer Kunden, die eine Beumer stretch hood A im Einsatz haben, wussten anfangs nicht, ob sie mit der Anlage auch recycelte Folien verarbeiten können. Mit herkömmlicher Folie mit Stärken von 40 bis 150 Mikrometer können sie in der Stunde bis zu 110 Palettenstapel zuverlässig verpacken. Diese hohen Taktzahlen müssen sie meist beibehalten. Wir haben gemeinsam mit den Folienproduzenten in unserem hauseigenen Forschungs- und Entwicklungszentrum in Beckum Tests und Analysen mit den unterschiedlichen Folien durchgeführt. Auch bei Folien mit hohem Rezyklatanteil haben wir festgestellt, dass sie sich bei der Verarbeitung ähnlich wie herkömmliche Kunststoffe verhalten.

Der Einsatz von Folien aus recyceltem Material ist im Vergleich zu herkömmlicher Neuware teurer. Beobachten Sie hier Vorbehalte?

Es sind teils Vorbehalte erkennbar. Hier sind aber die Gesetzgeber in den einzelnen Ländern dabei, entsprechende Bonus-Lösungen für die Wirtschaft zu entwickeln, die möglicherweise entstehenden Mehrkosten anteilig kompensieren könnten. Zudem spiegeln sich die höheren Kosten derzeit in der mangelnden Verfügbarkeit und Qualitäten der Recycling-Materialien wider. Es ist davon auszugehen, dass bei entsprechender Recycling-Kapazität und Verfügbarkeit hochwertiger Rezyklate in geforderten Mengen auch die Kosten reduzieren und somit die Vorbehalte schwinden. Hier muss ein funktionierendes Kreislaufsystem noch entwickelt werden.

Material hat nach dem Recycling eine schlechtere Qualität als zuvor. Wie sieht es hier mit der Rezyklatfolie aus?

Der Qualitätsabfall muss bei Rezyklatfolie nicht der Fall sein. Ich hatte vorhin ein Beispiel von einer hochwertigen Folie erwähnt, die aus weniger Material gefertigt ist. Das Ergebnis überzeugt: Die Stretchfolien sind dünner und leistungsfähiger. Die verpackten Produkte sind optimal gesichert.

Lebensmitteltaugliche Rezyklate aus Polyethylen und Polypropylen sind heute nur begrenzt verfügbar. Woran liegt das?

Die Preise für PE befinden sich seit einiger Zeit auf einem sehr hohen Niveau. Die Nachfrage ist sehr hoch. Viele Verarbeiter und deren Kunden sind massiv verunsichert. Das liegt sicher auch am Ukraine-Krieg. Wir sehen aktuell eher eine Unterdeckung im Angebot an PE. Bei PP sieht es gerade auch nicht viel anders aus. Die Nachfrage nach konsumnahen Verpackungen ist sehr hoch. Die Aufträge kommen früher und umfassen zunehmend größere Mengen, weil sich die Folienhersteller auf dem Markt mit Material eindecken müssen, um lieferfähig zu bleiben.

Um die Sortierfähigkeit von Verpackungen zu verbessern, diskutiert die Branche aktuell den Einsatz von digitalen Wasserzeichen. Können diese das Problem des Plastikrecyclings lösen?

Wir sehen darin ein großes Potenzial. Digitale Wasserzeichen können eine Vielzahl an Informationen transportieren, zum Beispiel Angaben zu Herstellern, Art des verwendeten Kunststoffs oder die Zusammensetzung bei mehrschichtigen Produkten. In der Recyclinganlage erkennt eine Kamera die Zeichen und steuert die Sortiermaschine so, dass die Verpackungen entsprechend sortiert werden, zum Beispiel nach Lebensmitteltauglichkeit. Je besser das Verpackungsmaterial identifiziert und sortiert wird, desto effizienter ist der mechanische Recyclingprozess und desto besser ist auch die Qualität der Rezyklate.

Um die Kreisläufe für Kunststoffverpackungen zu schließen, müssen innovative Lösungen entwickelt werden, die auf deren kompletten Lebenszyklus abgestimmt sind. Allein ist dies nicht machbar – dafür benötigt es Partnerschaften und Kooperationen. Wie positioniert sich hier Beumer?

Hier sind neue Lösungen in der Abfallwirtschaft in Kooperation mit den Folienherstellern gefragt, die in der Lage sind, die entsprechenden Materialien in der geforderten Qualität und Mengen zu beschaffen oder aufzubereiten.

Jeder Deutsche hat 2019 statistisch gesehen einen Rekordwert von 227,55 kg Verpackungsmüll verursacht. Damit liegt Deutschland laut Deutscher Umwelthilfe 50 kg über dem europäischen Mittelwert beim Pro-Kopf-Verbrauch von 177,38 kg. Hiervon wird nur ein kleiner Teil wiederverwertet. Ist Recycling somit nicht nur eine „Symptombehandlung“?

Es ist ein Prozess. In Deutschland werden mehr als 90 Prozent aller Kunststoffabfälle wieder eingesammelt – aber nur 43 Prozent davon auch recycelt und anschließend noch einmal eingesetzt. Weit mehr als die Hälfte, insgesamt 55 Prozent, landen dagegen in Müllverbrennungsanlagen und dienen der Gewinnung von Strom und Wärme oder sie werden zu Ersatzbrennstoffen aufbereitet. Damit sich dies ändert, muss bei Herstellern von Konsumgütern, Baustoffen oder Möbeln, aber auch bei Folienherstellern ein Umdenken erfolgen. Derzeit wird noch der größte Teil des Kunststoffs als Primärmaterial aus Rohöl gewonnen. In Zukunft soll der Anteil von wiederverwertetem Kunststoff spürbar steigen – die Recyclingquote für Kunststoffverpackungen liegt seit diesem Jahr bei 63 Prozent. Das neue Verpackungsgesetz unterstützt also dabei, Abfälle zu vermeiden und das Recycling zu stärken.

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