SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG

Bild: SEW

Innovation trifft Tradition Elektrische Antriebe für den Retrofit im Schiffbau

10.07.2018

Shiptec in Luzern, eine Tochterfirma der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees, erbringt vielfältige Werftdienstleistungen. Am restaurierten Dampfschiff Neuchâtel rüstete sie eine Vorrichtung zur Absenkung des Schornsteins nach. Als Antrieb hierfür kam ein Getriebemotor zum Einsatz. Das Besondere: Auf Wunsch des Kunden hat er eine manuell bedienbare Handlüftung.

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Es war im Jahr 1835, als der Kaufmann Casimir Friedrich Knörr die Luzerner Bevölkerung mit der Mitteilung überraschte, eine Schifffahrtsgesellschaft auf dem Vierwaldstättersee betreiben zu wollen. Was als Idee begann, wurde mit der Jungfernfahrt des Schaufelraddampfers „Stadt Luzern“ zwei Jahre später Wirklichkeit. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV) dank des stark wachsenden Verkehrs auf der Nord-Südachse der Alpen (Gotthardpass – Vierwaldstättersee).

Mit dem touristischen Aufschwung während der anschließenden Belle Époque um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wuchs die SGV zur größten Schifffahrtsgesellschaft der Schweiz an. Schließlich entwickelte sich mit dem steigenden Fahrtenaufkommen auch die Schiffswerft. Anfänglich nur mit spärlichen technischen Anlagen ausgerüstet, bekam sie im Laufe der Zeit eine umfangreiche und moderne Infrastruktur.

Verzinkter Stahl und Aluminium

1907 ging ein Schwimmdock in Betrieb und seit 1931 werden in der Schiffswerft Sanierungen an Schiffen aller Art vorgenommen. Seit der Inbetriebnahme des MS Mythen im selben Jahr werden auf der Werft auch Motorschiffe konstruiert und gebaut. In den Folgejahren entstanden die Schiffe Waldstätter, Titlis und Rigi.

Später verließen weitere neue Schiffe die Werft: die MS Schwyz, Winkelried, Pilatus, Gotthard und Unterwalden. Ein Großteil der Schiffe wurde mit – für die damalige Zeit – innovativen Materialien erstellt. So kamen für den Rumpf ver­zinkter Stahl und für die Aufbauten Aluminium zum Einsatz.

Mobile Werkstatt für weltweite Reparaturen

Der Geschäftsbereich Schiffstechnik der SGV wurde im Jahr 2007 in Shiptec Lucerne umbenannt und seit 2013 als eigenständige Tochtergesellschaft geführt. Mit etwa 70 Mitarbeitern erbringt sie heute auch Leistungen für externe Kunden. In Luzern steht eine fast 1.000 m2 große Schiffbauhalle zur Verfügung.

Ein Schwimmdock erlaubt kurzfristige Reparaturen an allen Schiffstypen bis 400 Tonnen. Dank der mobilen Werkstatt ist es sogar möglich, Arbeiten auch direkt beim Kunden vor Ort auszuführen. Die Shiptec-Mitarbeiter sind an den Binnengewässern in ganz Europa anzutreffen – sei es für kurzfristige Serviceeinsätze, umfassendere Renovierungen oder Umbauten.

Langjährige Erfahrungen und großes Know-how bestehen in der Entwicklung, dem Bau und der Instandhaltung von Fahrgastschiffen, Arbeitsschiffen und Yachten. Der Hauptumsatz wird durch Service an technischen Systemen sowie mit komplexen Erneuerungsprojekten generiert. „Eines der spannendsten Projekte war die Generalrevision des Dampfschiffs Unterwalden“, berichtet Pius Barmet, Leiter für Marketing und Verkauf bei Shiptec. Hierbei waren die Anforderungen unterschiedlicher Interessengruppen zu berücksichtigen. Daher wurde ein Gestaltungskonzept angestrebt, das weitgehend dem Zustand zwischen 1920 und 1960 entspricht.

Konstruktive Anpassungen für denkmalgeschütztes Schiff

Das seit 2008 unter Denkmalschutz stehende Schiff sollte weiterhin die lediglich 8,5 m hohe Achereggbrücke in Stansstad am Vierwaldstädtersee passieren können. Deshalb mussten einige Lösungen integriert werden: So müssen die beiden Masten, der Schornstein und das Steuerhaus für die Unterquerung der Brücke eingeklappt beziehungsweise abgesenkt werden, der Schornstein wird wie ein Teleskop eingefahren. Dies geschieht mit Hilfe eines Getriebemotors von SEW-Eurodrive, der vom Schweizer Partnerunternehmen Alfred Imhof geliefert wurde. Im Mai 2011 feierten die Dampferfreunde schließlich die dritte Jungfernfahrt des Dampfschiffs Unterwalden, begleitet von einer festlichen Eröffnungsparade.

Auch andere Dampf- und Motorschiffe müssen unter Brücken verkehren können, beispielsweise das Dampfschiff „Neuchâtel“. Im Jahr 2007 kaufte der gemeinnützige Verein Trivapor dieses Schiff, das seit 1969 als schwimmendes Restaurant genutzt wurde. Das Ziel war, diesen ehemaligen Dampfer wieder fahrplanmäßig in Betrieb zu nehmen.

Die Instandsetzung erfolgte in einer provisorischen Werft in Sugiez, im Herzen des Dreiseen-Landes am Murtensee gelegen, rund 30 Kilometer von Bern. Für die Reparatur wurde die Firma Shiptec als Generalunternehmer beauftragt. So kümmerte sich der Spezialist um die gesamte Planung der Sanierung der „Neuchâtel“ sowie um technische Systeme wie den einfahrbaren Schornstein.

Projektierung des Antriebs mit 3D-Modell

„Ganz einfach war die Projektierung des Antriebs nicht“, erinnert sich Armin Pfister, Außendienstmitarbeiter bei Alfred Imhof. Im Schornstein würden aufgrund des Dieselgenerators sowie den Abgasen eines umweltfreundlichen Marinebrenners für die Beheizung des Dampfkessels Temperaturen zwischen 80 und 100 Grad Celsius herrschen. Zudem gibt es beim Absenken des Schornsteins Kollisionspunkte, die berücksichtigt werden mussten. Pfister: „Mit Hilfe eines 3D-Modells konnten wir den Antrieb entsprechend anpassen.“

Schließlich wurde ein Kegelstirnrad-Getriebemotor des Typs K87 R57 DRS71 von SEW-Eurodrive mit Bremse eingesetzt. Dieser 0,37-kW-Motor sorgt dafür, dass der Schornstein eingefahren werden kann. „In solchen Applikationen arbeiten die Antriebe aufgrund der niedrigen Betriebsdauer nicht an ihrem Limit“, erläutert Pfister. „Daher wird außer Abnutzungen infolge von Vibrationen kaum Verschleiß auftreten.“

Schiffsausfall mit richtigen Partner vermeiden

Für das Projekt wurden Lieferanten gewählt, die Verfügbarkeit, technische Unterstützung und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten können. Adrian Märki, Projektleiter Elektro bei Shiptec, erklärt: „Der Schornstein muss im Notfall auch manuell absenkbar sein. Wenn zum Beispiel das Stromnetz an Bord ausfällt, kann man weiterhin unter den Brücken hindurchfahren.“

Alfred Imhof ergänzte den Antrieb mit einer Handlüftung, die über eine Zugkette fernbedient wird, und rechnete auch die notwendige Zugkraft aus. Märki: „Wir müssen uns darauf verlassen können, dass der Antrieb richtig projektiert wird, auch weil es sich jedes Mal um eine Einzelanfertigung handelt.“ Vor allem bei gutem Wetter ist die Nachfrage nach Schiffsfahrten groß, da würde ein Schiffsausfall schnell ins Geld gehen.

Bildergalerie

  • Ein Kegelstirnrad-Getriebemotor sorgt dafür, dass der Schornstein eingefahren werden kann.

    Bild: SEW

  • Das 19. Jahrhundert ist durch die stürmische Entwicklung des Maschinenbaus geprägt, auch sichtbar an den Schiffsaggregaten jener Zeit. Diese technische Eleganz und baulich harmonische Schönheit zu erhalten und fahrplanmäßig zu betreiben, ist ein Anliegen des gemeinnützigen Vereins Trivapor.

    Bild: SEW

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