„Wer gegen Krisen gut gewappnet sein will, muss flexibel und kooperativ sein“, sagt Prof. Dr. Julia Arlinghaus, Leiterin des Fraunhofer-Instituts für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF.

Bild: Viktoria Kühne, Fraunhofer IFF

Resilienz als Wettbewerbsvorteil In der nächsten Krise ruhiger schlafen

31.07.2020

Im Jahr 2020 ist etwas geschehen, das ich mir bis dahin nicht hätte vorstellen können: ein Lockdown der Weltwirtschaft mit einem nie dagewesenen Rückgang des globalen Wachstums und der Produktivität. Wer jetzt in Resilienz investiert, macht seine Produktion widerstandsfähig gegen künftige Störungen. Und wird nachts problemlos durchschlafen.

Das Coronavirus hat uns die Anfälligkeit unserer Produktionssysteme und damit der Basis unserer industriellen Wertschöpfung deutlich vor Augen geführt. Doch es muss nicht immer ein solches Jahrhundertereignis sein, das die Wirtschaft ins Stocken bringt. Auch Naturkatastrophen, Cyberkriminalität, Lieferanten- oder Personalausfälle, Schwankungen der Produktqualität und vieles mehr können die Produktion empfindlich treffen.

Eine schnelle Rückkehr zum Regelbetrieb nach solchen und anderen Störungen – auch Resilienz genannt – ist inzwischen ein echter Wettbewerbsvorteil. Unternehmen, die in der Krise schneller reagieren, flexibler agieren und sich den plötzlich veränderten Bedingungen in ihren Logistikprozessen und Kundenbeziehungen anpassen konnten, sind gerade jetzt erfolgreicher als Unternehmen, die das nicht können oder wollen. Zwei Faktoren gehören dabei zu den Schlüsselelementen für die Erreichung der erforderlichen Widerstandskraft: die Fähigkeit, mit anderen zu kooperieren, und der zielgerichtete Einsatz von Technologie.

Risikomanagement oft nicht vorhanden

Trotz des Wissens um die Notwendigkeit eines umfassenden Risikomanagements wird dieses jedoch in vielen Unternehmen nicht systematisch betrieben. Nicht zuletzt kleine und mittelständisch geprägte Firmen tun sich schwer, erforderliches Know-how und notwendige Ressourcen bereitzustellen.

Gleichzeitig betreten neue Spieler die Bühne des Resilienz- und Risikomanagements: Versicherungen und Rückversicherungen haben durch erhebliche Schadensummen in der letzten Dekade vermehrt Schwierigkeiten, für bestimmte Branchen bezahlbare Tarifkonditionen anzubieten. Ebenso suchen Banken und Investoren nach Möglichkeiten, das operative Risiko eines Unternehmens besser bewerten zu können.

Auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen erwägen die Versicherer bereits, Predictive-Maintenance-Anwendungen bei den Kunden zu finanzieren. Denn mit der gleichen Technologie könnten gegebenenfalls auch Großschäden durch sogenannte Schwarze Schwäne – sehr seltene Schadenereignisse wie beispielsweise Feuer – verhindert werden. Die Einführung einer bestimmten technologischen Maßnahme könnte also die Voraussetzung schaffen, einem Unternehmen beispielsweise eine Betriebsunterbrechungsversicherung überhaupt anbieten zu können.

Weniger Angst vor Veränderung

Interessanterweise können häufig diese technologischen Maßnahmen zugleich für die Steigerung der Prozesseffizienz und -transparenz eingesetzt werden. Die Investition in Zukunftstechnologien wie intelligente Sensorik, den digitalen Zwilling und Simulationen, moderne Fertigungstechnologien unter Einsatz von Künstlicher Intelligenz, Robotiksysteme und adaptive Energiesysteme, lohnt sich also doppelt.

Unternehmen, die das verstehen und in entsprechende Maßnahmen zur Absicherung gegen die verschiedenen Risiken investieren, werden Krisen und auch den Wandel hin zu erneuerbaren Energien und individualisierten Kundenbedürfnissen künftig weniger fürchten müssen. Resilienz – die Widerstandskraft gegen Störungen aller Art – ist also ein Wettbewerbsvorteil.

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