Drohender Verlust von Kapital, Talenten und Unternehmen

Europa muss Biotechnologie-Rückstand aufholen

Biotechnologie steht für Innovation und industrielle Wertschöpfung. Europa droht dort jedoch, Kapital, Talente und Unternehmen dauerhaft zu verlieren.

Bild: iStock, narvo vexar
08.10.2026

Aus guter Biotechnologieforschung entstehen nicht automatisch erfolgreiche Unternehmen. Dabei ist die Biotechnologie für Innovation und industrielle Wertschöpfung von großer Bedeutung. Doch Europa hat Nachholbedarf bei Gründungen und Wachstum. Was erschwert den Weg von der Forschung zum Markt?

Die Biotechnologie gilt als Schlüsselbranche für Innovation, industrielle Wertschöpfung und technologische Souveränität. Gerade beim Transfer von Forschungsergebnissen in marktfähige Unternehmen sowie bei der Finanzierung und Skalierung besteht in Europa und Deutschland jedoch erheblicher Nachholbedarf. Ein aktueller Bericht der ESMT Berlin benennt die zentralen strukturellen Engpässe und den daraus resultierenden Handlungsdruck.

Sorge um Biotechnologie in Europa

Deutschland und Europa haben nur noch ein sehr begrenztes Zeitfenster, um ihren Rückstand in der Biotechnologie aufzuholen. Gelingt das nicht, droht der dauerhafte Verlust von Kapital, Talenten und Unternehmen. 70 Prozent der für den Bericht befragten Gründer, Investoren, Pharmaexperten, Wissenschaftler und Politiker stuften die aktuelle Situation als dringend ein.

Besonders ausgeprägt ist die Sorge um den Sektor bei Investoren, Business Angels und Pharmaexperten. Die Gesamtauswertung unterstreicht diese Einschätzung: 74 Prozent der erfassten Stimmungsaussagen sind negativ. Der Handlungsdruck beruht laut den Befragten nicht auf einem einzelnen Defizit, sondern auf mehreren strukturellen Engpässen entlang der gesamten Innovationskette.

Warum Spitzenforschung nicht zum Markt findet

Ausgehend vom Konzept der „Valleys of Death“ unterscheidet der Bericht zwei kritische Phasen, in denen vielversprechende wissenschaftliche Ideen und junge Unternehmen den Markt nicht erreichen. Im ersten „Valley of Death“ scheitert häufig die Translation, also die Überführung wissenschaftlicher Entdeckungen in belastbare und finanzierbare Unternehmensgründungen. Zwar bescheinigt der Bericht der deutschen und europäischen Biotechnologieforschung eine Spitzenposition, er identifiziert an dieser Stelle weitreichende Probleme im Technologietransfer. Nur 17 Prozent der Befragten äußerten sich positiv zu Technologietransferstellen, den sogenannten Technology Transfer Offices (TTOs).

Warum Gründer Richtung USA blicken

Das zweite „Valley of Death“ beginnt, wenn Unternehmen für die weitere Entwicklung und Skalierung erheblich mehr Kapital benötigen. Hier zeigt sich der Rückstand des europäischen Biotechnologiesektors besonders deutlich. Auf europäische Risikokapitalfonds entfallen nur rund sieben Prozent des globalen Risikokapitalmarkts im Bereich der Biowissenschaften, während es bei US-Fonds 63 Prozent sind. Mehrere Gründer berichteten, dass amerikanische Investoren die Gründung einer US-Gesellschaft oder Tochtergesellschaft zur Bedingung für spätere Finanzierungen machten. Sechs der acht in diesem Zusammenhang befragten Gründer erwägen deshalb bereits eine teilweise Verlagerung in die USA.

Hier liegen Europas Chancen

Dennoch zeigt sich ein begrenztes Chancenfenster für Europa. So verweist der Bericht auf Marktdaten, denen zufolge Teile der Frühphasenfinanzierung im amerikanischen Biotechnologiesektor zwischen den ersten Quartalen 2025 und 2026 um 38 Prozent zurückgingen. Mehrere der befragten Experten sehen darin eine vorübergehende Gelegenheit für Europa, sofern die notwendigen Reformen jetzt umgesetzt werden. Knapp die Hälfte der Befragten ist optimistisch, dass Europa die Lücke schließen kann.

„Die Zeit wird zunehmend knapp. Wenn wir jetzt nicht handeln, verlieren wir nicht nur einzelne Unternehmen an die USA. Wir riskieren, dauerhaft die Fähigkeit zu verspielen, aus unserer eigenen Forschung international wettbewerbsfähige Biotechunternehmen aufzubauen. Langfristig würde das auch unsere Grundlagenforschung schwächen und damit künftige wissenschaftliche Durchbrüche erschweren“, sagt Francis de Véricourt. Er ist Professor für Management Science und Inhaber des Joachim-Faber-Stiftungslehrstuhls für Business und Technology an der ESMT sowie Koautor des Berichts.

Die Diagnose lautet, dass es nicht primär an Forschung, Förderprogrammen oder Institutionen mangelt. Vielmehr sei entscheidend, ob vorhandene Ressourcen in der richtigen Form, zum richtigen Zeitpunkt und mit klarer Ausrichtung auf erfolgreiche Unternehmensgründungen und Wachstum eingesetzt werden. „Mehr vom Gleichen wird nicht reichen. Die zugrunde liegenden Strukturen und Anreize müssen sich verändern“, so de Véricourt.

Wachstum finanzieren, ohne Europa zu verlassen

Zu den zentralen Empfehlungen für Finanzierung und Skalierung gehören die Mobilisierung institutionellen Kapitals von Pensionsfonds, Versicherungen und anderen langfristig angelegten Kapitalpools, verlässlichere steuerliche Anreize für privates Risikokapital sowie die Schaffung eines paneuropäischen Börsensegments für Biotechnologie. Letzteres könnte es europäischen Unternehmen ermöglichen, spätere Wachstumsfinanzierungen und Börsengänge innerhalb Europas zu realisieren, statt auf einen Verkauf an große Pharmaunternehmen oder einen Börsengang in den USA angewiesen zu sein.

Um den Weg von der wissenschaftlichen Entdeckung zur Unternehmensgründung zu beschleunigen, empfehlen die Befragten, öffentliche Förderprogramme auch für Unternehmen ohne universitären Ursprung zu öffnen und Gründern schneller Zugang zu erster Finanzierung zu ermöglichen. Sie plädieren zudem dafür, Unternehmensgründungen durch digitale Verfahren und weniger notarielle sowie administrative Hürden zu beschleunigen. Gründer sollten außerdem systematischer mit Investoren, erfahrenen Unternehmern und der Pharmaindustrie vernetzt werden.

Unabhängige, professionell geführte Translationsinstitute sollen bestehende universitäre Transferstrukturen ergänzen und Forschungsteams frühzeitig bei der Validierung, beim Teamaufbau und bei der Finanzierung unterstützen. Darüber hinaus sollten Technologietransferstellen mit standardisierten Lizenzbedingungen, schnelleren Verfahren und stärkerer kommerzieller Expertise von Gatekeepern zu Vermittlern weiterentwickelt werden.

Der Bericht „How Germany and Europe can kickstart biotech innovation to achieve strategic sovereignty“ stammt von Francis de Véricourt und Beatriz Faria. Er basiert auf 29 Experteninterviews sowie Erkenntnissen aus der Managementforschung. Auf dieser Grundlage bündelt der Bericht 26 konkrete Reformvorschläge, um den strukturellen Rückstand der Biotechnologie in Deutschland und Europa zu verringern.

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