In vielen Industrieunternehmen wächst der Druck, bestehende ERP-Systeme zu modernisieren, spürbar. Wie aus dem aktuellen Report „ERP-Herausforderungen 2026/2027“ der Stuttgarter Planat hervorgeht, sehen über die Hälfte der befragten Unternehmen einen hohen oder sogar sehr hohen Modernisierungsdruck bei dem in ihrem Betrieb eingesetzten ERP-System. Allerdings fehlen vielen Unternehmen die internen Personalressourcen, um diese Erneuerung voranzutreiben. Für die Studie wurden 150 Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe unterschiedlicher Größe zu ihrer Strategie bezüglich Enterprise Resource Planning (ERP) befragt.
Laut Studie bewerten rund 51 Prozent den Modernisierungsdruck als hoch oder sehr hoch. Investitionen in ERP, Digitalisierung oder Prozessautomatisierung sind bei 64 Prozent der Unternehmen innerhalb der nächsten zwei Jahre konkret geplant oder zumindest grundsätzlich vorgesehen. Für die Projektplanung bedeutet das: Unternehmen müssen den laufenden Betrieb und die Erneuerung ihrer Abläufe gleichzeitig organisieren. Gerade bei gewachsenen Systemlandschaften muss geklärt werden, welche bisherigen Anpassungen noch benötigt werden, welche Abläufe sich vereinfachen lassen und welche Erweiterungen notwendig sind. Dabei ist die Übernahme vorhandener Sonderlösungen keine Selbstverständlichkeit: Was früher eine technische Lücke geschlossen hat, kann heute durch eine Standardfunktion abgedeckt sein. Ein Abgleich zwischen den bestehenden Arbeitsweisen und dem künftigen Prozessmodell hilft dabei, unnötige Komplexität im neuen System zu vermeiden.
Ressourcen sind die größte Projekthürde
86 Prozent der Befragten sehen fehlende interne Ressourcen als Hürde bei der Modernisierung oder Einführung eines ERP-Systems. Damit ist die Ressourcenknappheit das am häufigsten genannte Hindernis in der Umfrage. Auf den Plätzen zwei und drei folgen mit jeweils rund 83 Prozent Zustimmung der hohe Projektaufwand sowie Datenmigration und Datenqualität (Mehrfachnennungen waren möglich). Kosten oder Budgetrestriktionen sind für rund 77 Prozent ein begrenzender Faktor. Neben dem Finanzierungsplan ist deshalb eine realistische Kapazitätsplanung notwendig: Das Wissen über Artikel, Fertigungsabläufe und Kundenanforderungen liegt in den Fachabteilungen. Diese müssen auch dann an einem neuen ERP-Projekt mitwirken können, wenn das Tagesgeschäft sie stark beansprucht.
„Ein ERP-Projekt lässt sich nicht allein über das Budget steuern. Die Fachabteilungen brauchen Zeit, um Anforderungen zu klären, Daten zu prüfen und neue Abläufe zu testen“, sagt Christian Biebl, Geschäftsführer von Planat. „Eine gute Einführung berücksichtigt diese Aufgaben von Anfang an und verteilt sie so, dass der laufende Betrieb arbeitsfähig bleibt.“
Einführungsqualität vor Umsetzungstempo
Bei der Wahl eines Anbieters steht die Qualität von Beratung, Einführung und Projektmanagement an erster Stelle: In der Studie nennen 73 Prozent sie als entscheidenden Faktor. Dahinter folgen ERP-Kompetenz mit 69 Prozent sowie Service und Support nach der Einführung mit 67 Prozent. Die Branchenerfahrung in der fertigenden Industrie ist für 65 Prozent der Befragten entscheidend. Die Geschwindigkeit der Projektumsetzung nennen 45 Prozent (Mehrfachnennungen waren möglich).
Das Ergebnis spricht für eine sorgfältige Projektvorbereitung. Ein abgegrenzter erster Einführungsschritt kann dabei helfen, den Aufwand beherrschbar zu halten. Dazu gehören klare Zuständigkeiten, überprüfbare Meilensteine und Unterstützung über den Produktivstart hinaus. Branchenerfahrung erleichtert es, Anforderungen wie Variantenfertigung oder die Planung begrenzter Maschinenkapazitäten von Anfang an zu berücksichtigen. Schulungen sollten an den tatsächlichen Aufgaben der Mitarbeitenden ansetzen, damit diese die neuen Funktionen im Alltag auch nutzen. Vor dem Produktivstart sollten die Beteiligten ihre Geschäftsvorgänge in Form von Integrationstests vollständig simulieren, etwa vom Kundenauftrag über die Materialbereitstellung bis zur Auslieferung und Rechnungsstellung. So werden Abhängigkeiten sichtbar, die bei der Prüfung einzelner Funktionen leicht übersehen werden. Für die Umstellung ist außerdem ein abgestimmter Ablauf für die Datenübernahme, die Freigaben und die Betreuung der Anwender in den ersten Betriebstagen erforderlich.
Entlastung ist das Ziel
Die Befragten erwarten, dass moderne ERP-Systeme dabei helfen, knappe Personalkapazitäten besser zu nutzen. 89 Prozent sehen darin eine Hilfe gegen den Fachkräftemangel, da sich manuelle Routinetätigkeiten reduzieren lassen. Für die Entlastung der Mitarbeiter im Tagesgeschäft liegt die Zustimmungsquote bei 86 Prozent. Entlastung entsteht beispielsweise, wenn Auftragsdaten ohne erneute Eingabe in den Bereichen Einkauf, Lager und Fertigung weiterverwendet werden. Klare Freigaberegeln helfen zusätzlich, Rückfragen und Suchaufwand zu begrenzen. Der Nutzen einer Modernisierung zeigt sich somit auch daran, ob Mitarbeiter weniger Zeit mit dem Abgleich widersprüchlicher Informationen verbringen müssen.
„Die Einführung bindet zunächst Ressourcen. Ihr Ziel muss sein, die Arbeit anschließend spürbar zu vereinfachen“, erklärt Biebl. „Deshalb sollten Unternehmen früh festlegen, welche Abläufe sie verbessern wollen und woran sie den Erfolg erkennen. So wird aus einem Softwareprojekt eine nachvollziehbare betriebliche Investition.“