Wolf D. Meier-Scheuven verlässt die Boge-Geschäftsführung und übergibt an die nächste Generation. Im Interview erklärt er, warum genau jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist.

Bild: Boge

Führungswechsel bei Druckluftanbieter „Es ist richtig, die Führung zu verjüngen“

26.02.2021

Nach 26 Jahren an der Spitze von Boge hat Wolf D. Meier-Scheuven zum Jahreswechsel die Geschäftsführung verlassen. Die strategische Unternehmensplanung wird er als Vorsitzender des Beirats aber weiterhin aktiv begleiten. Im Gespräch mit der P&A wirft der frühere Geschäftsführer noch einmal einen Blick in die Vergangenheit und die Zukunft.

Herr Meier-Scheuven, was für ein Unternehmen war Boge, als Sie die Geschäftsführung 1995 von Ihrem Vater übernommen haben?

Der Generationenwechsel fand zu einer konjunkturell nicht gerade einfachen Zeit statt. Es kam zu einem Konzentrationsprozess, in dem viele damals etablierte Marken verschwanden. Mein Kollege Rolf Struppek und ich sahen damals drei wesentliche Handlungsfelder für uns.

Welche sind das gewesen?

Boge baute seit 70 Jahren Kompressoren und war in Deutschland einer der führenden Hersteller von Kolben- und Schraubenkompressoren, im Ausland aber nur wenig aktiv. Um weiter wachsen zu können, mussten wir uns systematisch internationalisieren, denn im Ausland sahen wir große Absatzmärkte. Die für die Internationalisierung notwendige Produktentwicklung hatte mein Vater schon eingeleitet. Wir gründeten zahlreiche Tochtergesellschaften in Europa, Asien und Amerika und internationalisierten den Vertrieb. Außerdem legten wir zunächst jede Ausgabe auf den Prüfstand, um die Erträge zu steigern und Mittel für die Expansion zu schaffen. Und schließlich war ein wesentlicher Lieferant von einem Wettbewerber gekauft worden. Wir analysierten systematisch Abhängigkeiten und erhöhten die Fertigungstiefe für strategisch wichtige Teile. Das führte zum Beispiel zur Fertigung von Verdichterstufen, für die wir 2012 im sächsischen Großenhain einen neuen Standort eröffnet haben.

Und was für ein Unternehmen ist Boge heute?

Heute sind wir eines von wenigen noch unabhängigen Familienunternehmen der Druckluftbranche. Wir gehören in Deutschland zu den führenden Anbietern, erwirtschaften aber zwei Drittel unserer Umsätze im Ausland. Boge wendet sich an Kunden, für die die Sicherheit ihrer Druckluftversorgung wichtig ist. Unsere Entwicklung legt von Beginn an Wert darauf, qualitativ zuverlässige, in der Leistung hocheffiziente und unter dem Wartungsgesichtspunkt lange verfügbare Produkte zu entwickeln. Es freut mich, dass dies auch immer wieder mit Innovationspreisen und Auszeichnungen prämiert wurde. Und wenn dann trotzdem mal etwas schiefgeht, können die Kunden auf einen schnellen, exzellenten Service vertrauen. Da sei nur beispielhaft unsere 24-Stunden-Rufbereitschaft erwähnt, die wir 1998 ins Leben gerufen haben.

Was bedeutet die internationale Ausrichtung von Boge für die Arbeitsplätze in Deutschland und in der Stammregion Ostwestfalen-Lippe?

Mein Urgroßvater Otto Boge gründete das Unternehmen im Jahr 1907 in Bielefeld. In unserer Stammregion Ostwestfalen-Lippe sind wir seit mehr als 110 Jahren verwurzelt und beschäftigen hier etwa 480 Menschen. Globalisierung und regionale Verantwortung gehen für Boge Hand in Hand. Durch die internationale Ausrichtung wurden während meiner Tätigkeit allein in Bielefeld etwa 150 Arbeitsplätze neu geschaffen, die bestehenden sind sicherer geworden. In unserer Produktion in China werden unter anderem auch vormontierte Teile aus Deutschland verbaut. So sicherte die Expansion von Beginn an auch Arbeitsplätze in Deutschland. Und Verantwortung in der Region übernehme ich zum Beispiel auch als Präsident der Industrie- und Handelskammer. Darüber hinaus engagiert sich Boge aber auch mit Schul- und Universitätspartnerschaften oder in regionalen Netzwerken für den Standort.

Ihr Ausscheiden aus der Geschäftsführung ist aber kein Abschied von Boge …

Absolut nicht. Ich gönne mir ein wenig mehr Zeit für meine Hobbys, aber ich bleibe Mehrheitsgesellschafter und behalte nach wie vor einige Funktionen, auch als Geschäftsführer in der Boge-Gruppe. 2021 übernehme ich den Vorsitz des Boge-Beirats. Das Gremium berät die Geschäftsführung und hat ein Auge auf die geschäftliche und strategische Entwicklung. Mein Vater war 70 Jahre alt, als er an mich übergab, und meinte später, das sei zu spät gewesen. Bis meine Töchter so weit sind, in meine Fußstapfen zu treten, wäre ich etwa auch so alt. Aber ich bin auch überzeugt, dass es jetzt der richtige Schritt ist, die Führung des Unternehmens zu verjüngen.

Warum?

Veränderungen wie zum Beispiel die Digitalisierung erfordern neue, innovative und jüngere Konzepte. Die Unternehmensentwicklung erlaubt jetzt einen solchen Wechsel: Boge ist 2020 trotz Krise durchgehend handlungsfähig geblieben. Mit Olaf Hoppe und Michael Rommelmann als neuen Geschäftsführern und mit einem tollen wachsenden Team sind wir für die Zukunft optimal aufgestellt. Ich übergebe das Unternehmen in einem besseren Zustand, als ich es übernommen habe, und werde dafür sorgen, dass das auch so bleibt.

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