Die Karriere von Prof. Dr. Friedhelm Loh begann nicht mit einem geradlinigen Aufstieg. Nach einer Ausbildung zum Starkstromelektriker und einem Studium der Betriebswirtschaftslehre übernahm er 1974, drei Jahre nach dem frühen Tod seines Vaters, die Geschäfte bei Rittal. Das Unternehmen beschäftigte damals rund 200 Mitarbeiter.
Heute ist Rittal das größte Unternehmen der Friedhelm Loh Group. Die Gruppe beschäftigt weltweit rund 12.900 Menschen, ist mit 94 Tochtergesellschaften und 13 Produktionsstätten international aufgestellt und verbindet Hardware, Software und Automatisierung für Kunden aus nahezu allen Industriebranchen.
Diese Entwicklung lässt sich nicht allein mit wirtschaftlichen Kennzahlen beschreiben. Sie steht für eine Unternehmerpersönlichkeit, die technische Entwicklungen früh erkannt und konsequent in marktfähige Lösungen übersetzt hat. „Das Erreichte ist für mich kein Wert an sich, sondern die Grundlage für den Weg in die Zukunft, die ich weiter gestalten möchte und die ich liebe“, blickt Prof. Loh nach vorne.
Eine einfache Idee verändert die Automatisierung
Der entscheidende Impuls für Rittals Wachstum lag in einer zunächst unspektakulär wirkenden Idee: Schaltschränke sollten nicht länger überwiegend als individuelle Einzelanfertigungen entstehen, sondern in Serie gefertigt werden.
Mit standardisierten Gehäusen, abgestimmten Systemkomponenten und Lösungen für Klimatisierung, Stromverteilung und IT-Infrastruktur veränderte Rittal die industrielle Wertschöpfung. Was heute als selbstverständlich gilt, war in den Anfangsjahren ein grundlegender Perspektivwechsel. Standardisierung wurde zum Schlüssel für kürzere Engineering-Zeiten, reproduzierbare Qualität und eine effizientere Montage.
Damit traf Rittal einen Bedarf, der mit der zunehmenden Automatisierung von Produktionsanlagen immer wichtiger wurde. Maschinenbauer und Anlagenbetreiber benötigten zuverlässige Komponenten, die sich schnell projektieren, sicher installieren und flexibel erweitern lassen. Aus dem Schaltschrank wurde ein System – und aus dem System ein wesentlicher Baustein moderner Industriearchitekturen.
Familiäre Wurzeln, unternehmerische Verantwortung
Die unternehmerische Prägung erhielt Friedhelm Loh bereits im Elternhaus. Seine Eltern gründeten kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die Rudolf Loh GmbH Metallwarenfabrik und legten damit den Grundstein für die spätere Unternehmensgruppe. „Sie waren für uns Kinder Vorbilder im Leben des christlichen Glaubens, in der Übernahme von Verantwortung und im unternehmerischen Handeln“, blickt Loh zurück.
Das Zitat beschreibt ein Wertefundament, das bis heute zum Selbstverständnis des Familienunternehmens gehört: wirtschaftlicher Erfolg soll mit Verantwortung für Beschäftigte, Region und Gesellschaft verbunden sein. Gerade für einen industriell geprägten Mittelständler ist dieser Anspruch von Bedeutung. Investitionen in Produktionsstandorte, Ausbildung und Innovation wirken nicht nur innerhalb eines Unternehmens. Sie prägen ganze Regionen und schaffen Perspektiven für Fachkräfte, Familien und nachfolgende Generationen.
Vom Schaltschrank zur digitalen Fabrik
Die industrielle Automatisierung hat sich seit den 1970er-Jahren grundlegend verändert. Produktionsanlagen sind heute vernetzt, Maschinen kommunizieren miteinander und Daten werden zunehmend in Echtzeit ausgewertet. Auch Rittal hat sich von der klassischen Gehäusetechnik weiterentwickelt und positioniert sich als Anbieter für industrielle Infrastruktur. Dazu gehören Lösungen für Energieverteilung, Schaltschrank-Klimatisierung, Edge Computing, Rechenzentren und die durchgängige Planung von Steuerungs- und Schaltanlagen. Die Verbindung von Hardware, Software und Engineering ist dabei ein zentraler Erfolgsfaktor. Nicht ohne Grund zählt seit 1986 auch Eplan zur Friedhelm Loh Group. Friedhelm Loh investierte in das damalige Software-Start-up und stieg als Gesellschafter ein.
Aktuelle Produktentwicklungen zeigen, wie stark sich die Anforderungen an industrielle Automatisierung verändert haben. Digitale Zwillinge können thermische Eigenschaften und Energieverbräuche von Schaltschränken abbilden. Neue Stromverteilungssysteme sollen Montagezeiten und Engineering-Aufwand reduzieren. Effiziente Kühlgeräte helfen, den Energieverbrauch industrieller Anlagen zu senken. Automatisierte Lösungen für die Drahtkonfektionierung greifen wiederum direkt in die Arbeitsabläufe der Schaltschrankfertigung ein.
Technologie wird dabei nicht als Selbstzweck verstanden. Entscheidend ist ihr konkreter Nutzen in der Praxis: weniger Planungsaufwand, geringere Betriebskosten, höhere Prozesssicherheit und eine schnellere Umsetzung individueller Kundenanforderungen.
Datensouveränität als Voraussetzung für Industrie 4.0
Mit der Digitalisierung rückt neben der technischen Leistungsfähigkeit eine weitere Frage in den Mittelpunkt: Wem gehören die Daten, die in Fabriken, Maschinen und Anlagen entstehen? Prof. Friedhelm Loh hat diese Diskussion früh mitgeprägt. Im Umfeld von GAIA-X steht die Forderung nach einer europäischen und vertrauenswürdigen Dateninfrastruktur im Zentrum. Unternehmen sollen Daten über standardisierte Schnittstellen austauschen können, ohne die Kontrolle über sensible Produktions- und Geschäftsinformationen zu verlieren. „Es besteht ein Grundbedürfnis nach Datensouveränität. Und es ist eine Pflicht und soziale Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern, diese Daten zu sichern“, forderte Prof. Loh im Interview mit A&D bereits 2020.
Der Satz verweist auf eine Dimension, die in vielen Digitalisierungsdebatten zu kurz kommt: Datensicherheit ist nicht nur eine technische oder juristische Aufgabe. Sie betrifft auch Vertrauen, Verantwortung und die Zukunftsfähigkeit industrieller Arbeitsplätze. „Wir müssen Datensouveränität, Echtzeit und Edge Computing im Griff haben.“ Genau an dieser Schnittstelle entscheidet sich, ob Industrie 4.0 in der Praxis einen messbaren Mehrwert schafft oder bei isolierten Pilotprojekten stehen bleibt.
Zukunftsthemen mit industrieller Relevanz
Die Perspektive des Unternehmers reicht inzwischen weit über die klassische Automatisierungstechnik hinaus. Künstliche Intelligenz, digitale Zwillinge, Cloud- und Edge-Technologien sowie energieeffiziente Recheninfrastrukturen gehören zu den Themen, die den industriellen Wandel prägen werden.
Dabei geht es nicht allein um neue Softwarefunktionen. Künstliche Intelligenz muss in der Produktion robuste Entscheidungen ermöglichen, Prozesse transparenter machen und Anlagen effizienter betreiben. Daten müssen dort verarbeitet werden, wo sie entstehen – möglichst schnell, sicher und mit nachvollziehbaren Verantwortlichkeiten. „Künstliche Intelligenz ist für uns in Deutschland äußerst wichtig, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern“, war für Prof. Loh ebenfalls schon 2020 im A&D-Interview mehr als offensichtlich.
Diese Einschätzung gewinnt angesichts hoher Energiepreise, des Fachkräftemangels und des internationalen Wettbewerbs zusätzlich an Bedeutung. Automatisierung kann helfen, Produktionsprozesse stabiler und ressourcenschonender zu gestalten. Sie kann Fachkräfte entlasten und Wissen in digitalen Systemen verfügbar machen.
Bildung als Schlüssel für die industrielle Zukunft
Zur Verantwortung des Unternehmers gehört für Loh auch die Förderung junger Menschen. Mit praxisbezogenen Ausbildungsmodellen wie StudiumPlus und SchulePlus setzt er sich für eine engere Verzahnung von Ausbildung, Studium und Beruf ein. Für Prof. Loh ist „die Vergangenheit dafür da, aus ihr zu lernen und Dinge besser zu machen, als sie bislang waren.“ Der Satz passt zu einem Lebenswerk, das auf industrieller Erfahrung aufbaut, sich aber nie mit dem Erreichten zufriedengibt. Auch das Nationale Automuseum The Loh Collection in Ewersbach verbindet Technikbegeisterung mit Bildung und regionalem Engagement. Der Standort ist zugleich Hochschulcampus und verfügt über eine eigene Stiftungsprofessur. Damit wird Technikgeschichte nicht nur bewahrt, sondern als Ausgangspunkt für neue Fragen und Ideen genutzt.
Verantwortung endet nicht am Werkstor
Mit der 2011 gegründeten Rittal Foundation unterstützt Loh Projekte in den Bereichen Bildung, Soziales, Kultur, Wissenschaft und Umwelt. Die Stiftung soll dazu beitragen, Not zu lindern, Verantwortung für Schwächere zu übernehmen und das Umfeld zu stärken, in dem Menschen leben und arbeiten. Diese Aktivitäten passen zu einem Unternehmerverständnis, in dem wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung zusammengehören. Die industrielle Transformation betrifft schließlich nicht nur Produktionshallen und Geschäftsmodelle. Sie verändert Regionen, Berufsbilder und die Anforderungen an Bildung.
Von Altersmüdigkeit keine Spur
Der 80. Geburtstag von Prof. Friedhelm Loh ist für ihn Anlass für einen Rückblick – aber kein Schlusspunkt. Dafür ist der Blick des Unternehmers zu stark auf die kommenden Herausforderungen gerichtet. Welche Ideen wird Prof. Loh also als Nächstes in die industrielle Praxis überführen? Seine Antwort liegt vermutlich bereits in jenem Satz, der die offizielle Würdigung am treffendsten zusammenfasst: „Das Erreichte ist für mich kein Wert an sich, sondern die Grundlage für den Weg in die Zukunft, die ich weiter gestalten möchte und die ich liebe.“