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Solange es die Elektronikindustrie gibt, begleitet Roland Ackermann sie. Unter anderem als Chefredakteur, Verlagsleiter und Macher des "Technischen Reports" im Bayrischen Rundfunk prägt er die Branche seit den späten 1950er-Jahren mit.

Bild: Roland Ackermann
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Ackermanns Seitenblicke Spätzünder mit Potenzial

01.12.2015

Allen aktuellen Initiativen zum Trotz: Bei Digitalisierung und Industrie 4.0 sind deutsche Unternehmen eher Spätzünder. Doch der Autor prognostiziert eine spannende Aufholjagd. Schließlich wird längst nicht jedes Rennen von der Pole-Position aus gewonnen.

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Im Grunde ist das ja ein alter Hut: Dank der unablässigen Beschleunigung von Elektronik-/IT-Innovationen und der Digitalisierung mit ihren gravierenden Auswirkungen auf praktisch alle Branchen stehen neben den Unternehmen sowohl Ausbildungskonzepte als auch Jobsicherheit ständig auf dem Prüfstand. Zweifelsohne haben die Ausbildungsstätten die bedrohliche Situation längst erkannt, aber die Informatikausbildung in allen betroffenen Fakultäten ist noch recht weit vom theoretischen Optimum entfernt. Jeder Techniker, gleich welchen Niveaus, muss im Hinterkopf haben, dass die Informatik, ähnlich wie die Mathematik, als Schule des Denkens von zentraler Bedeutung ist. Deshalb fordern Experten eine Digitalisierungsbildungs-Offensive, andere wie der Arbeitskreis Industrie 4.0 wollen „Metakognitionskompetenzen“ (wow!) und Überblickswissen gestärkt wissen – von der Annahme ausgehend, dass sich Generalisten schneller auf neue Anforderungen einstellen können.

Denn erfolgversprechende Lösungen setzen eine Bereitschaft zum Umdenken voraus, deren Basis der Umgang mit intelligenten Systemen ist. Wer sich gegen Computer, Roboter, Algorithmen, Big Data und deren Verschmelzung mit Kreativität und innovativem Denken wehrt, sollte sich besser nach einer Alternative umsehen. Doch Obacht, nichts ist in Stein gemeißelt. Wenn, um ein simples Beispiel zu nennen, der Zahnarzt den Zahnersatz maßgenau per 3D-Druck in seiner Praxis herstellt, entzieht er dem als zukunftssicher geltenden Zahntechniker nolens volens die Existenzgrundlage. Die Auswirkungen des technologischen Wandels sind bei uns dramatischer als in den USA: Während jenseits des großen Teichs 47 Prozent aller Stellen gefährdet sind, geht der Wert für Deutschland in Richtung 59 Prozent. Dafür ist nach Meinung von Experten das größere
Gewicht der Industrie in Deutschland verantwortlich. Das Gesagte gilt natürlich auch für die freie Wirtschaft. Manche Entwicklung haben wir nicht nachdrücklich genug verfolgt, wir haben uns auf unsere Lorbeeren ausgeruht. Die Karawane aber zieht weiter, nicht nur im Kölner Karneval. Im Grunde kann man es Otto Normaldenker schwer begreiflich machen, dass Quereinsteiger wie Google oder Tesla ganz unverblümt im Begriff sind, unseren Weltklasse-Autoherstellern beim Elektromobil oder beim selbstfahrenden Auto „an den Karren zu fahren“. Hier glaube ich freilich an Nachbesserung; auf der IAA waren erfreuliche Ansätze zu bewundern.

Die Vergangenheit hat häufig gezeigt, dass wir bei der Markteroberung nicht unbedingt Schnellstarter sind, sondern möglichst alle Rahmenbedingungen (so Normen, rechtliche Fragen oder Sicherheit) geklärt und sämtliche Bedenken ausgeräumt haben möchten, ehe wir an die Anwender gehen. Die Early Adopter, die Kinderkrankheiten ausbügeln und Meinungen prägen helfen, erreichen wir so nicht, wohl aber die Massen, und zwar mit hoher Qualität zu vernünftigen Preisen (und mit kostendeckenden Margen).

Unsere Exportstärke beruht – wohl auch deswegen – nach wie vor stark auf den „alten“ Technologien und nicht auf denen des Internet-Zeitalters. Die wesentlichen Innovationen rund und Neugründungen rund um Industrie 4.0 haben zunächst außerhalb Deutschlands stattgefunden. Aber der Umbruch läuft, wir haben uns besonnen: auf unser beispielhaftes Ausbildungssystem, auf unsere wirtschaftliche Stärke und Innovationskraft sowie die Chancen, welche die vierte industrielle Revolution als eine unserer Kernkompetenzen bietet.

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