Cyberangriffe und Klimakrise – Wer schützt die Lieferkette?

Risiken der Lebensmittelindustrie bis 2040

Die Lebensmittelindustrie sieht sich bis zum Jahr 2040 mit wachsenden und sich gegenseitig verstärkenden Risiken konfrontiert.

Bild: Gemini, publish-industry
24.06.2026

Wer Risiken isoliert betrachtet, verliert. Das Fraunhofer ISI hat im Auftrag der Funk Stiftung untersucht, warum vernetzte Risiken die Lebensmittelindustrie bis 2040 grundlegend verändern werden und was Unternehmen jetzt tun müssen.

Unternehmen der Lebensmittelbranche sehen sich zunehmend mit Risiken wie geopolitischen Verwerfungen, Klimawandel, Cyberangriffen, fragilen Lieferketten, neuen Technologien oder wachsenden Regulierungsanforderungen konfrontiert – häufig sogar gleichzeitig. In diesem Kontext hat die Funk Stiftung das Fraunhofer ISI beauftragt, in einer Studie zu analysieren, welche Risiken die Lebensmittelindustrie bis 2040 besonders prägen könnten und welche Handlungsstrategien sich für Unternehmen, Versicherer und weitere Akteure daraus ableiten lassen.

Systemrelevante Branche in der Krise

Die Lebensmittelindustrie ist eine systemrelevante Branche, deren Verwundbarkeit sich in den vergangenen Jahren deutlich gezeigt hat. Unterbrochene Lieferketten, extreme Wetterereignisse, steigende Energiepreise oder Cyberangriffe auf vernetzte Produktionsanlagen wirken zunehmend gleichzeitig und verstärken sich gegenseitig. Diese Gleichzeitigkeit unterscheidet die aktuelle Risikolage grundlegend von früheren Jahrzehnten.

Die Studie „Auf Messers Schneide – Risiken der Lebensmittelindustrie: Trends, Szenarien, Handlungsstrategien“ basiert auf einem mehrstufigen, partizipativen Foresight-Prozess. Dafür wurden mehr als 3.000 wissenschaftliche Publikationen ausgewertet, 41 zentrale Trends identifiziert und 183 Einzelrisiken zu 19 Risikocluster gebündelt. Ergänzend entwickelte das Forschungsteam des Fraunhofer ISI vier Zukunftsszenarien bis 2040, um die Dynamik und Wechselwirkungen von Risiken systematisch zu analysieren.

Verflechtung der Risiken wächst

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass nahezu alle untersuchten Risiken steigende Trends aufweisen. Noch wichtiger ist jedoch ihre wachsende Verflechtung. Risiken, die früher getrennt betrachtet wurden, wirken heute gleichzeitig über mehrere Bereiche hinweg. Ein Cyberangriff kann somit nicht nur Produktionsprozesse stören, sondern auch die Produktsicherheit und den Ruf eines Unternehmens gefährden. Geopolitische Spannungen beeinflussen gleichzeitig Lieferketten, regulatorische Anforderungen und Marktbedingungen. Klimarisiken wirken sich wiederum parallel auf die Verfügbarkeit von Rohstoffen, die Energiepreise und die Infrastruktur aus.

„Die Studie zeigt, dass klassisches Risikomanagement ohne bereichsübergreifende Perspektive an Grenzen stößt“, erklärt Dr. Ariane Voglhuber-Slavinsky vom Fraunhofer ISI. „Unternehmen müssen ihre Wertschöpfung als vernetztes System verstehen, um Kettenreaktionen frühzeitig erkennen und begrenzen zu können.“

Die Studie analysiert sechs prioritäre Risikocluster mit besonderem Handlungsbedarf vertiefend: Klimawandel und Ressourcenrisiken, Produktsicherheits- und Inhaltsstoffrisiken, Reputationsrisiken durch öffentliche Kommunikation, Cyber- und IT-Risiken, Regulierungsanforderungen sowie Störungen in Beschaffung und Logistik.

Konkrete Handlungsoptionen für Unternehmen

Für diese Bereiche zeigt die Studie konkrete Handlungsoptionen auf. Besonders wirksam sind Maßnahmen, die im direkten Einflussbereich der Unternehmen liegen, wie eine lückenlose Rückverfolgbarkeit entlang der Lieferkette, automatisierte Qualitätssicherung, robuste IT-Sicherheitsstrukturen, diversifizierte Beschaffung und ein systematisches Monitoring von Regulierung und öffentlicher Wahrnehmung.

Auf dieser Grundlage formuliert die Studie acht übergreifende Empfehlungen, darunter die Etablierung eines integrierten Risikomanagements, resilientere Lieferketten durch Diversifikation und Technologie, die stärkere Verknüpfung von Cyber- und Produktsicherheit sowie einen strategischen Umgang mit regulatorischen und klimabezogenen Risiken.

Klassische Versicherungsmodelle stoßen an Grenzen

Gleichzeitig wird deutlich, dass klassische Instrumente des Risikotransfers an ihre Grenzen stoßen. Für neuartige Risiken wie Reputationsschäden durch soziale Medien oder geopolitische Unsicherheiten existieren bislang oft keine tragfähigen Versicherungsmodelle.

„Vorausschauendes Risikomanagement ist kein bürokratischer Selbstzweck, sondern ein echter Wettbewerbsvorteil“, resümiert Voglhuber-Slavinsky. „Die wirksamste Antwort auf eine zunehmend verflochtene Risikolandschaft liegt in einem kontinuierlichen Dialog zwischen Unternehmen, Versicherern und weiteren Akteuren in der Lieferkette.“

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