Herr Dr. Kayser, Sie haben im Oktober 2025 die Rolle des CEO Factory Automation übernommen. Was war für Sie persönlich der ausschlaggebende Punkt, diese Aufgabe in einer so bewegten Zeit anzutreten?
Dr. Kayser:
Wissen Sie, für mich schließt sich hier ein ganz großer Kreis. Die Factory Automation ist eine alte Leidenschaft von mir. Mein allererster Job bei Siemens im Jahr 1995 war in der Siemens Management Consulting, und mein wirklich allererstes Projekt war ein Verbesserungsprogramm für das Simatic-Geschäft. Über die Jahrzehnte hinweg habe ich in verschiedenen Rollen, unter anderem als Konzernstratege, immer wieder diese Richtung begleitet: den Weg über die reine Automatisierung hinaus in Richtung Industriesoftware und Tech-AI-Applikationen. Ich war beispielsweise 2007 als Stratege maßgeblich an der Akquisition von UGS beteiligt. Dass ich jetzt in dieser Umbruchphase zurückkehre, um den Schritt von der klassischen Automatisierung hin zur Software-Defined Automation mitzugestalten, ist für mich extrem reizvoll. Ich habe eine absolute Hochleistungsorganisation vorgefunden, die trotz der zyklischen Herausforderungen und der harten Supply-Chain-Thematik der letzten Jahre mit enormem Elan voranmarschiert.
Frau Große Frie, Sie verantworten den Bereich Automation System, also das Herzstück der Steuerungswelt. Wie blicken Sie auf die aktuelle technologische Transformation Ihres Portfolios?
Große Frie:
Mein Bereich umfasst, salopp gesagt, die „großen und kleinen Kästchen“ – also unser gesamtes Controller-Portfolio und das dazugehörige Engineering. Wir blicken auf eine stolze Historie zurück – die erste Simatic wurde 1958 geboren. Wir haben ein mächtiges Ökosystem etabliert, aber jetzt geht es darum, dieses bestehende Paradigma in die nächste Generation zu führen. Wir bringen Künstliche Intelligenz und Software-definierte Architekturen auf Basis unserer Marktführerschaft in die reale Anwendung.
In der Branche wird viel über diese „Software-Defined Automation“ gesprochen, doch der Begriff bleibt oft vage. Wie erklären Sie einem klassischen Maschinenbauer den Kern dieses Konzepts?
Große Frie:
Ich nutze dafür gerne ein einfaches Gleichnis, das die Komplexität auf den Punkt bringt: Software-Defined Automation ist für die zukünftige autonome Fertigung das, was das Betriebssystem für das Smartphone ist. Es ist die entscheidende Plattform, auf der wir sämtliche Automatisierungsdisziplinen und Funktionen nebeneinander softwarebasiert ausrollen können. In der Vergangenheit war die Software fest mit der Hardware einer PLC-Box verbunden. Durch die Entkoppelung schaffen wir eine Plattform, die interoperabel, flexibel und massiv skalierbar ist. Es geht darum, wegzukommen von starren, rein Task-basierten Programmierungen hin zu einer Struktur, die es ermöglicht, verschiedene Funktionen wie Control, Edge-Applikationen und KI-Algorithmen parallel auf einer Plattform laufen und interagieren zu lassen. Das ist der entscheidende Hebel, um die Produktion adaptiv zu machen.
Warum ist der Zeitpunkt für diesen radikalen Architekturwechsel gerade jetzt gekommen?
Dr. Kayser:
Da kommen zwei Stränge zusammen: Der enorme Druck auf unsere Kunden und der technologische Reifegrad. Unsere Kunden kämpfen mit massiven Produktivitätssorgen, dem Fachkräftemangel und der Notwendigkeit, globale Lieferketten in Echtzeit zu orchestrieren. Ein großer Endkunde will heute seine Produktionsdaten weltweit über sein gesamtes Fertigungsnetzwerk hinweg erfassen können. Gleichzeitig sind die technischen Voraussetzungen nun endlich da. Die Leistungsfähigkeit von Computing-Plattformen ist explodiert. Durch unsere Kooperation mit Nvidia können wir heute GPUs nutzen, um nicht nur klassische Steuerung zu betreiben, sondern gleichzeitig rechenintensive KI-Algorithmen direkt in der Produktion zu beschleunigen. Wir stehen jetzt wirklich an der Schwelle, diese Technologie massiv in die Breite zu tragen, weil sie ökonomisch sinnvoll und technisch stabil umsetzbar ist.
Überall wird derzeit über Copiloten, Agentic AI und Physical AI diskutiert. Ist SDA die zwingende Voraussetzung, damit diese KI-Systeme in der Fabrik überhaupt funktionieren können?
Große Frie:
Absolut, SDA ist die technologische Grundlage – vor allem für Physical AI. Wenn wir das Ziel einer autonomen Fertigung verfolgen, die nicht mehr starr programmiert ist, sondern zielorientiert und selbstorganisierend arbeitet, dann stößt unsere heutige Hardware-gebundene Welt an ihre Grenzen. Sie ist schlicht zu unflexibel. Ohne eine softwaredefinierte Basis habe ich gar nicht den Zugriff auf die notwendigen Echtzeitdaten, die ich benötige, um die Vorteile von KI-Agenten überhaupt auszuspielen. Aber eines ist mir wichtig: Wir reden von Software-Defined Automation, nicht von Software-only Automation. Es wird immer einen entscheidenden Hardware-Layer geben müssen, denn ein Roboter oder Aktor muss am Ende physisch in der Realität ausgesteuert werden. Die intelligente Hardware bleibt die Verankerung in der physischen Welt, aber ihre Funktion wird durch die smarte Analyse und Rückkopplung von Daten massiv aufgewertet.
Viele Kunden haben die Sorge, dass diese neue Welt ihre bestehenden Prozesse überfordert. Wie sieht Ihr konkreter „Tech-Stack“ aus, der diese Komplexität beherrschbar macht?
Große Frie:
Unser Stack besteht im Wesentlichen aus vier Ebenen, die wir vertikal integrieren, um die gewohnte Durchgängigkeit von Siemens zu gewährleisten. Ganz unten steht die intelligente Hardware als Brücke zur physischen Welt. Darüber liegt der Edge-Layer – unser Industrial Edge. Das ist die zentrale Datenverwaltungsinstanz, eine Art Orchestrierungslayer, der es erlaubt, Daten zu erfassen und Apps über die gesamte Fertigung hinweg zentral zu verwalten und zu updaten. Die dritte Ebene ist die Runtime-Plattform, auf der die eigentlichen Automatisierungsfunktionen Software-definiert ausgeführt werden. Und ganz oben kommt der Layer, der dann „richtig Spaß macht“: Die Einbindung von KI und Datenanalysen für die autonome Fertigung. Unser Versprechen ist, dass dieser Stack genauso zuverlässig zusammenspielt, wie es die Kunden von „Totally Integrated Automation“ kennen, nur eben mit viel mehr Offenheit für die IT-Welt.
Das klingt nach einem großen Umbruch. Wie verhindern Sie, dass bestehende Kunden, die auf TIA und klassische PLCs setzen, den Anschluss verlieren oder in „Parallelwelten“ landen?
Dr. Kayser:
Wir muten niemandem einen disruptiven „Big Bang“ zu. Wir ermöglichen ein schrittweises Vorgehen, das jeder Kunde nach seinem eigenen Bedarf steuern kann. Ein Beispiel ist unser Engineering: Mit Simatic AX bieten wir ein IT-artiges Tool für die junge Generation von Ingenieuren an, aber damit können sie heute schon ganz klassische S7-1500 Controller projektieren. Gleichzeitig setzen wir KI-Engineering-Agenten wie unseren neuen „Eigen Engineering Agent“ auf das bestehende TIA Portal auf – wir nennen das „Automate Automation“, um die Produktivität sofort zu steigern, ohne die vertraute Umgebung verlassen zu müssen. Und wer in die Virtualisierung einsteigen will, wie Audi das gerade in Ingolstadt für den Produktionsmainstream entschieden hat, kann seine PLC-Rechenleistung auf Factory Servern zentralisieren. Das Geniale daran: Die Ingenieure können weiterhin mit ihren gewohnten Funktionsblöcken arbeiten, während die IT die Vorteile der zentralen Verwaltung genießt. Wir bauen Brücken, keine Mauern.
Besteht in dieser neuen, softwarezentrierten Welt nicht die Gefahr von Systeminstabilitäten, wie wir sie aus der klassischen IT kennen?
Dr. Kayser:
Das ist ein ganz wichtiger Punkt für unsere Kunden. SDA bedeutet bei Siemens immer noch Automation. Wir wissen, wie eine Fabrik laufen muss, damit sie profitabel ist. Wir bringen die Grundwerte – Zuverlässigkeit, Failsafe-Integration, Deterministik und geringen Jitter – eins zu eins in die Software-Welt mit. Bei uns wird es keine „Bluescreens“ geben, die plötzlich eine ganze Fertigung stilllegen. Wir entkoppeln zwar die Software von einer spezifischen Box, aber der Automatisierungskern selbst erfüllt dieselben High-Performance-Ansprüche wie eine klassische Simatic. Wir verbinden die reale und die virtuelle Welt, ohne die industrielle Stabilität zu opfern.
Wenn Sie auf die Implementierung schauen: Was sind aus Ihrer Sicht die kritischsten Stolpersteine bei der Einführung von SDA?
Große Frie:
Wir stehen am Beginn einer großen Reise. Der größte Fehler wäre es, ohne klaren Fokus alles auf einmal verändern zu wollen. Mein Rat ist: Identifizieren Sie die ein bis zwei brennendsten Pain Points in Ihrer Fertigung, bei denen Software-Flexibilität oder besserer Datenzugriff sofort einen wirtschaftlichen Nutzen stiftet. Es geht um messbaren Impact. Die Ziele der Produktion – mehr Output, weniger Zeit, höhere Varianz – haben sich ja nicht geändert; wir haben jetzt nur fundamental mächtigere Technologien, um diese Ziele zu erreichen. Man muss die technologischen Notwendigkeiten wie die Edge-Integration verstehen und dann Schritt für Schritt wertorientiert vorangehen.
Was sind die nächsten großen Meilensteine auf der Reise hin zur Software-Defined Automation?
Große Frie:
Unser Anspruch ist es, ein Automatisierungssystem auf den Markt zu bringen, das der neue Standard für die Industrie sein wird – ein Gravitationszentrum, so wie es TIA und Simatic seit Jahrzehnten sind. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, alle Teile unseres Tech-Stacks in volle Produktreife zu bringen und den Migrationspfad für unsere Kunden so einfach wie möglich zu gestalten. Auf der SPS-Messe im Herbst werden wir die nächsten konkreten Schritte dazu veröffentlichen.
Warum ist Siemens der richtige Partner für diesen Wandel?
Dr. Kayser:
Wir sind der Partner, der die Industrie seit Jahrzehnten in neue Dimensionen der Produktivität führt. Siemens ist das einzige Unternehmen, das wirklich glaubhaft sagen kann: Wir verbinden die physische Welt der Maschinen mit der digitalen Welt der Software. Das Vertrauen unserer Kunden und unser mächtiges Ökosystem sind das Fundament, auf dem wir jetzt die autonome Fertigung der Zukunft bauen. Wir laden jeden ein, diesen Weg mit uns gemeinsam zu gehen.