Die Abscheidung von Kohlendioxid ist längst keine Zukunftsvision mehr. Zement-, Kalk-, Stahl- und Chemiewerke in Deutschland und Europa arbeiten bereits an entsprechenden Anlagen. Doch was passiert anschließend mit dem abgeschiedenen CO2-Molekül? Es muss irgendwohin, in ein Endprodukt oder in eine unterirdische Lagerstätte. Genau hier, beim Transport, entscheidet sich, wie schnell die sogenannte Carbon-Management-Wirtschaft in Deutschland tatsächlich Fahrt aufnimmt.
„Ohne einen gesicherten Transportweg lässt sich für keine Abscheideanlage eine Investitionsentscheidung treffen, denn Transport und Speicherung machen zusammen etwa 30 bis 50 Prozent der Gesamtkosten einer CO2-Kette aus“, betont Michael Baranowski, Experte für Carbon Management beim TÜV Nord.
Warum jetzt Bewegung in das Thema kommt
Es gibt drei Entwicklungen, die dazu führen, dass die CO2-Abscheidung, der Transport und die Speicherung (CCS) sowie die stoffliche Nutzung von CO2 (CCU) für viele Industriezweige zur Pflichtaufgabe werden.
Die EU hat mit dem Net-Zero Industry Act ein verbindliches Ziel gesetzt: Bis 2030 sollen in der EU mindestens 50 Millionen t CO2 pro Jahr dauerhaft eingespeichert werden können. 44 namentlich benannte Öl- und Gasunternehmen müssen dazu proportional zu ihrer bisherigen Förderung beitragen; dies legte die EU-Kommission im Mai 2025 fest.
Deutschland hat nachgezogen: Ende 2025 ist die Novelle des Kohlendioxid-Speicherungs- und Transportgesetzes (KSpTG) in Kraft getreten. Sie erlaubt erstmals die kommerzielle CO2-Speicherung im deutschen Festlandsockel und der Ausschließlichen Wirtschaftszone und schafft ein einheitliches Zulassungsverfahren für Transportleitungen, angelehnt an das Planfeststellungsrecht für Erdgasleitungen.
Der europäische Emissionshandel (EU-ETS) erhöht den wirtschaftlichen Druck: Zertifikate für eine Tonne CO2 kosteten Anfang 2026 rund 65 bis 75 Euro. „Wir rechnen mit einer steigenden Tendenz für die kommenden Jahre“, so Michael Baranowski
„Diese Entwicklungen zeigen deutlich: Für energieintensive Industriebranchen, wie Zement, Kalk, Stahl, Chemie oder Abfallverbrennung, wird CCS damit zunehmend zur wirtschaftlich sinnvollen Option statt zur freiwilligen Zusatzleistung“, betont CO2-Experte Baranowski.
Die Transportwege im Vergleich
Es gibt nicht den einen Weg, CO2 von der Abscheideanlage zum Speicher oder zum Verwerter zu bringen. Die Wahl hängt von Menge, Entfernung und Zielort ab.
Pipelines sind für große, kontinuierliche Mengen die günstigste Lösung. Onshore-Leitungen transportieren CO2 bei 80 bis 150 bar in überkritischem Zustand – vergleichbar mit Erdgaspipelines, aber technisch anspruchsvoller, weil CO2 bei Druckentlastung schlagartig auf bis zu minus 78 °C abkühlt und zu Trockeneis erstarren kann. Die Kosten liegen bei rund 2 bis 20 Euro pro Tonne, offshore bei 5 bis 30 Euro. Der Bau eines flächendeckenden Netzes ist allerdings ein Projekt für ein bis anderthalb Jahrzehnte: Der Netzbetreiber OGE plant ein rund 3.500 km langes CO2-Kernnetz mit Schwerpunkt Nordwestdeutschland, der Verein Deutscher Zementwerke (VDZ) schlägt darauf aufbauend ein rund 4.800 km langes Zielnetz für Zement-, Kalk- und Abfallstandorte bis 2045 vor.
Schiffe transportieren verflüssigtes CO2 bei etwa minus 50 °C und 6 bis 9 bar. Sie sind teurer (25 bis 100 Euro pro Tonne, je nach Distanz), dafür aber flexibel einsetzbar, ohne dass zuvor eine feste Leitung gebaut werden muss. Das norwegische Projekt Northern Lights nutzt diesen Weg bereits kommerziell und kann in seiner ersten Ausbaustufe 1,5 Millionen t CO2 pro Jahr aufnehmen, ab 2028 bis zu 5 Millionen t.
Bahn und Lkw schließen die Lücke dort, wo weder Pipeline noch Schiff verfügbar sind. Kesselwagen und Tankfahrzeuge sind sofort einsetzbar, aber auf kleine Mengen (unter 2 Millionen t pro Jahr) und begrenzte Distanzen beschränkt – und mit 15 bis 100 Euro pro Tonne die teuerste Option. Sie sind vor allem für die stoffliche Nutzung von CO2 relevant, etwa in der Getränkeindustrie, in Gewächshäusern oder bei der Herstellung von e-Fuels, wo ohnehin nur kurze Strecken zwischen Quelle und Abnehmer liegen und hohe Reinheitsanforderungen von teils über 99,9 Prozent gelten.
Hürden für den Ausbau
So klar die technischen Optionen sind, so groß bleiben die Hemmnisse für einen schnellen Hochlauf:
Regulatorisch fehlt insbesondere bei der grenzüberschreitenden Nutzung von Schiffstransporten noch eine belastbare Grundlage. Das London-Protokoll erlaubt zwar seit einer Änderung von 2009 grundsätzlich den Export von CO2 zur Speicherung im Ausland, doch nicht alle EU-Staaten haben diese Änderung ratifiziert. Für einen deutschen Export etwa nach Norwegen oder in die Nordsee-Speicher der Niederlande fehlen zudem noch bilaterale Abkommen. Auch die geplante EU-Regulierung für grenzüberschreitende CO2-Infrastruktur, mit Regeln zu Netzzugang und Tarifen ähnlich dem Gasmarkt, steht noch aus.
Technisch und wirtschaftlich bremst vor allem die Zeit: Ein neues Pipelinenetz aufzubauen dauert erfahrungsgemäß zehn bis fünfzehn Jahre, während viele Industriestandorte abgelegen liegen und zunächst gar keinen Anschluss haben. Hinzu kommt, dass das CO2 aus Rauchgasen nie rein ist. Wasser, Schwefelverbindungen, Sauerstoff oder Aminreste aus dem Abscheideprozess müssen zuverlässig entfernt werden, weil sie sonst Leitungen korrodieren, Speicherstätten schädigen oder mikrobielles Wachstum im Untergrund begünstigen können. Ohne Förderung ist das Gesamtsystem aus Abscheidung, Transport und Speicherung nach heutigem Stand zudem noch teurer als der aktuelle CO2-Preis im Emissionshandel.
Gesellschaftlich bleibt vor allem die Speicherung von CO2 an Land umstritten; mehrere norddeutsche Bundesländer stehen ihr bislang zurückhaltend bis ablehnend gegenüber, während der Süden Deutschlands offener reagiert.
Hinzu kommt das klassische Henne-Ei-Problem: Solange keine Leitung gebaut ist, gibt es keine Nachfrage. Solange keine Nachfrage feststeht, wird keine Leitung finanziert.
CO2 ist zudem kein harmloses Gas, sobald es in großen Mengen unter Druck transportiert wird. Es ist geruch- und farblos, schwerer als Luft und kann sich in Senken, Kellern oder Kabelschächten sammeln. Bereits ab einem Anteil von etwa fünf Volumenprozent in der Atemluft drohen innerhalb von Minuten Bewusstlosigkeit und Erstickung. Deshalb sind für Leckagen oder Rohrbrüche Evakuierungsradien von mindestens 500 Metern vorgesehen. „CO2-Leitungen setzen ein Sicherheitsniveau voraus, das eigene Prüf- und Genehmigungsverfahren erfordert“, sagt Michael Baranowski.
Anlagen prüfen, Risiken analysieren und Personal qualifizieren
Die Gesellschaften der TÜV Nord Group unterstützen den Aufbau einer sicheren CO2-Infrastruktur mit wiederkehrenden Prüfungen von Druckgeräten, Hochdruckleitungen sowie Verdichter- und Konditionierungsanlagen gemäß der EU-Druckgeräterichtlinie und der deutschen Betriebssicherheitsverordnung. Hinzu kommen Sicherheitskonzepte und HAZOP-Studien für Transport- und Einspeiseanlagen sowie unabhängige Prüfungen der Messung, Berichterstattung und Verifizierung (MRV) für abgeschiedene, transportierte und gespeicherte CO2-Mengen. Diese Leistungen sind für jedes Unternehmen verpflichtend, das seine gespeicherten Mengen im EU-Emissionshandel geltend machen will. Zusätzlich gibt es Schulungs- und Beratungsangebote für Betriebspersonal zu Notfallszenarien, dem sicheren Umgang mit CO2-Anlagen und neuen Zulassungspflichten nach Gefahrgutrecht (ADR/RID) und KSpTG.