Wie der Smart Meter Rollout trotz Standard-Infrastruktur gelingt.

Bild: Köln Bonn Airport; Ecki Raff, EMH Metering; iStock, Guzaliia Filimonova

Rollout „Spezial“ beim Großverbraucher Smart Metering in der Leistungsmessung

29.08.2019

Industrie und Gewerbe geraten beim Smart Meter Rollout immer mehr ins Hintertreffen. Dabei war ihnen ursprünglich einmal die Vorreiterrolle zugedacht worden. Die Standard-Infrastruktur ist den Anforderungen jedoch nicht gewachsen. Mit speziellen Gerätelösungen ist der Rollout dennoch zeitnah und rechtskonform möglich.

Großverbraucher mit mehr als 10.000 kWh Jahresverbrauch sollten die ersten sein, die ein intelligentes Messsystem (iMsys) erhalten – so hatte es das BMWi in seinem Rolloutpfad 2016 festgelegt. Betroffen von dieser Rolloutphase sind Bäckereien und Imbissbuden ebenso wie Textilunternehmen, Chemiekonzerne und Flughafenbetreiber. Tatsache ist jedoch: Der im „Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende“ festgelegte Zeitplan ist nur noch Theorie. Vor allem RLM-Kunden mit einem Jahresverbrauch über 100.000 kWh verlieren immer mehr den Anschluss beim Rollout – und zwar nicht nur, weil die Branche noch immer auf drei zertifizierte Smart Meter Gateways (SMGW) wartet und auf die für den Startschuss entscheidende Markterklärung. Wichtigster Grund: Die vorgesehenen Geräte sind nicht auf ihre Anforderungen hin ausgerichtet. „Der FNN-Basiszähler ist für Energiemessung in Industrie und Gewerbe nicht immer geeignet“, betont Peter Heuell, Geschäftsführer von EMH Metering. „Dafür braucht man Funktionalitäten, wie sie spezielle Industrie- und Lastprofilzählerlösungen, die heute zum Einsatz kommen, vorweisen.“

Diese Spezialzähler erfassen nicht nur den Stromverbrauch von RLM-Kunden viertelstündlich und übermitteln die Daten per Zählerfernauslesung an den Netzbetreiber, sie erfassen auch teilweise umfangreiche Netzzustandsdaten und verfügen über eine Echtzeitanbindung an das Energiemanagementsystem der Endkunden. Da diese Kundengruppe für rund 75 Prozent des deutschen Strombezugs steht, können Fehlmessungen und fehlende Daten gravierende Folgen für die Rechnung und die Netzstabilität haben. Die elektronischen Spezial-Zähler kommen aber auch bei Nicht-RLM-Kunden zum Einsatz, wenn neben dem Energieverbrauch Blindenergie und Lastgänge bestimmt werden müssen. Eine solche Spezialinfrastruktur lässt sich nicht einfach durch die neue Smart Meter-Messwelt ersetzen.

Voraussetzungen nicht erfüllt

Auch das SMGW erfüllt nicht alle Anforderungen an die Energiemessung bei Großverbrauchern. „Das Smart Meter Gateway der ersten Generation ist nicht für alle RLM-Messung geeignet“, erläutert Heuell. „Erst die 2. Generation ist auf die dreiphasige RLM-Messung abgestimmt.“ Folgerichtig zieht das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik in der im Ende Januar veröffentlichten „Marktanalyse zur Feststellung der technischen Möglichkeit zum Einbau intelligenter Messsysteme“ das Fazit: Die Voraussetzungen für die Feststellung der technischen Möglichkeit zum Einbau intelligenter Messsysteme gemäß § 30 MsbG sind für Verbraucher mit mehr als 100.000 kWh Jahresverbrauch nicht erfüllt.

Können Messstellenbetreiber bei RLM-Kunden also derzeit nur abwarten und Nichtstun? Nicht zwingend. Peter Heuell rät: „Wer vorausschauend plant, wählt jetzt bei Neuinstallationen und Zählerwechseln einen Zähler, der sich später an das SMGW anbinden lässt. Auf diese Weise können alle jetzigen Anwendungen ohne erneuten Zählerwechsel in die neue Messwelt übertragen werden.“ Für diese Anwendung hat EMH metering den LZGJ-XC im Portfolio. Per Adapter lässt sich dieser RLM-Zähler in ein intelligentes Messsystem integrieren, sobald die G2-Gateways auf dem Markt sind. Messstellenbetreiber können den Rollout bei ihren Großkunden auf diese Weise gesetzeskonform, effizient und ohne Brüche umsetzen.

Einheitliche Zählerinfrastruktur

Auch in der Kundengruppe mit einem Jahresverbrauch zwischen 6.000 und 100.000 kWh sollte ein solcher Industriezähler als Basis für das iMsys genutzt werden, ergänzt Heuell: „Der LZQJ-XC ist in dieser Kundengruppe bereits etabliert. Ein Zählerwechsel ist also bei späterer Aufrüstung mit einem Smart Meter Gateway nicht notwendig.“ Ein einheitlicher Zähler bei Industrie und Gewerbe hat weitere Vorteile: „Der Aufwand für Schulungen, Nachfragen, Transport und Lieferung sinkt dadurch erheblich.“

Auch für kleinere Gewerbe- und Industrie-Kunden ist der Industriezähler häufig alternativlos. Etwa wenn diese per Maximaltarif abgerechnet werden. Der Verbrauch von Unternehmen mit sehr hohen Leistungsspitzen wird auf diese Weise reguliert. Überschreitet der Kunde eine vereinbarte Leistung, wird diese zusätzlich berechnet. Der Maximum-Tarif ist im SMGW G1 nur optional hinterlegt. Die Aufgabe wird zukünftig über den Tarifanwendungsfall (TAF) 8 verankert. „Aktuell lässt sich der Maximum-Tarif nur über Spezialzähler wie den LZQJ-XC abrechnen“, erklärt Heuell. Sobald das SMGW die Tarifanwendung übernehmen kann, lässt es sich über einen Adapter an den Zähler anbinden. Auch die Lastprofilmessung wird zukünftig vom SMGW realisiert. Dafür gibt es den TAF 7 – den so genannten „Zählerstandsgang“. Da das Lastprofil allerdings in vielen Fällen heute bereits mit einem Lastgang-Zähler gemessen wird, ist ein Zählerwechsel auch hier nicht nötig, wenn dieser sich an das Gateway mit aktiviertem TAF 7 anbinden lässt.

Arealnetzbetreibern drohen hohe Verluste

In einer besonders brisanten Situation befinden sich Arealnetzbetreiber und Unternehmen mit eigenen Erzeugungsanlagen. Unabhängig vom Rollout müssen sie die Menge des Eigenstroms und den Strom, den sie an gewerbliche Mieter oder Subunternehmen abgeben, ab sofort viertelstundengenau messen. Andernfalls verlieren sie die Befreiung von der EEG-Umlage. So schreibt es das Energiesammelgesetz vor, das Anfang des Jahres in Kraft trat. Betroffen sind beispielsweise Flughafenbetreiber oder auch Industrie- und Chemieparks, in deren Anlagen der Drittverbrauch unterschiedlichster Subunternehmen abgegrenzt werden muss. Für die Abrechnung der „Verbraucher“ kommen derzeit so genannte Hutschienenzähler zum Einsatz. Deren Bauweise ist sehr kompakt, damit eine große Anzahl Zähler in den Schaltschränken montiert werden kann. Die aktuell eingesetzten Geräte messen jedoch keine Lastprofile.

„Den Arealnetzbetreibern gehen mehrere Hundert Millionen Euro verloren, wenn sie die Messung nicht wie gefordert nachweisen“, warnt Heuell. Für die Bestimmung des Stromverbrauchs der Drittverbraucher werden Zähler benötigt, die das Lastprofil eichrechtskonform messen. Ein herkömmlicher RLM-Zähler kommt dafür nur bedingt in Frage. „Lastprofilzähler sind zu groß, um sie in größeren Stückzahlen in den Schaltschränken der Arealnetzbetreiber zu montieren“, erläutert Heuell. EMH Metering hat nun einen kompakten Hutschienenzähler entwickelt, der den Zählerstandsgang eichrechtskonform misst. „Unser DIZ-H schafft die Voraussetzung sich von der EEG-Umlage befreien zu lassen – und sorgt für Investitionssicherheit: mit der integrierten LMN Schnittstelle lässt er sich an das SMGW anbinden und steht somit auch bereit für den Smart Meter Rollout.“

Großkunden, Arealnetzbetreiber und auch mittelständische Industrien und Kleingewerbe benötigen für den Rollout spezielle Zählerlösungen. Wer jetzt vorausschauend plant, kann ohne Zählerwechsel alle derzeitigen Anwendungen in die neue Messwelt übertragen und gewinnt eine einheitliche und hochsichere Mess-Infrastruktur. Die Großverbraucher werden ihrer zentralen Rolle im Rollout-Plan damit doch noch gerecht.

Bildergalerie

  • Unabhängig vom Rollout müssen Arealnetzbetreiber die Menge des Eigenstroms und den Strom, den sie an gewerbliche Mieter oder Subunternehmen abgeben, ab sofort viertelstundengenau messen.

    Bild: Köln Bonn Airport

  • Zukunftssicher: Der RLM-Zähler LZQJ-XC lässt sich in ein intelligentes Messsystem integrieren, sobald die G2-Gateways auf dem Markt sind.

    Bild: Ecki Raff, EMH Metering

Verwandte Artikel