Sicherheit und Sauberkeit spielen in der Lebensmittelindustrie eine ganz besonders gewichtige Rolle. Aus diesem Grund setzen viele Unternehmen auf Anlagen in einem Hygienic Design.

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Mehr als zertifizierte Komponenten Mit Hygienic Design zu einem 360-Grad-Blick

07.09.2022

Hygienic Design ist mehr als nur der Einsatz zertifizierter Komponenten. Im Gespräch mit der P&A berichten zwei Experten, warum eine ganzheitliche Betrachtung von Prozessanlagen so von Bedeutung ist.

Hygienic Design ist in der Lebensmittelindustrie ein wichtiges Thema – produzierenden Unternehmen ist dies bewusst. Inwiefern stellen Sie hier als Anlagenbauer aber doch noch Gesprächsbedarf fest?

Scheller:

In Bezug auf Hygienic Design wird viel über leicht zu reinigende Oberflächen und Rundungen statt Kanten gesprochen. Kurzum: Es wird oft nur das einzelne Aggregat, die einzelne Komponente betrachtet. Hygienic Design muss jedoch ganzheitlich gesehen werden – dazu zählen unter anderem auch entsprechende Ausführungen für Rahmen, Halterungen, Verkabelung und die Integration ins Umfeld. Produktanforderungen können vollkommen verschieden sein – beispielsweise mikrobiologisch hoch oder kaum empfindlich, der Herstellungsprozess offen oder geschlossen. Es gibt nicht die eine Lösung im Hygienic Design. Einige Großunternehmen haben diesen Ansatz schon verinnerlicht. Bei den anderen Unternehmen besteht hier noch Nachholbedarf – der Zug ist aber definitiv schon in Fahrt.

Was muss geschehen, damit wirklich alle Unternehmen diese ganzheitliche Betrachtung verinnerlicht haben?

Scheller:

Es muss das Bewusstsein für die richtigen Maßnahmen mit dem richtigen Kosten-Risiko-Nutzenverhältnis geschaffen werden. Das ist eine Frage der Zeit. Vor etwa 15 bis 20 Jahren ist das Thema Hygienic Design verstärkt in den Fokus gerückt. Je mehr in Fachzeitschriften darüber publiziert wurde, desto mehr werden die Menschen dafür sensibilisiert. Die großen Player am Markt haben für dieses Thema eigene Technikabteilungen; Mittelständlern und kleineren Unternehmen fehlen aber hierfür häufig die Zeit und die Möglichkeiten. Hier wollen wir unterstützen – wir beleuchten gemeinsam den Prozess und erarbeiten so die für den Kunden optimale Lösung. Wie in vielen Bereichen gilt auch hier: Wer erst einmal schlechte Erfahrungen mit Verunreinigungen oder mikrobiellen Kontaminationen gesammelt hat, ist dem Thema ganzheitliches Hy­gienic Design viel offener gegenüber.

Wie wird das Projekt, ganzheitliches Hygienic Design, zum Erfolg?

Spiegel:

An ein steriles Produkt werden andere Anforderungen gestellt als an ein pasteurisiertes oder keimarmes Produkt. Für ein ganzheitliches Hygienic Design bedarf es sehr guter Detailkenntnisse über den Produktionsprozess, über zu beherrschende Risiken und Eigenschaften des Endprodukts. Auf diese Kenntnisse aufbauend können wir den Kunden bezüglich des optimalen Kosten-Nutzenverhältnisses von Maßnahmen top beraten.

Aber was genau zählt denn nun alles zu einem ganzheitlichen Hygienic Design?

Spiegel:

Zu Corporate Hygienic Design, wie wir es bei Ruland bezeichnen, gehört das eben erwähnte Prozessverständnis, damit die richtigen Hygienemaßnahmen in den verschiedenen Bereichen definiert werden können. Passende Maßnahmen sind für das Gebäude (zum Beispiel Hy­gienezonierung, Klimatisierung und Belüftung, Gestaltung von Decke, Wänden, Böden, Türen), für die Personalhygiene – hier sind beispielsweise Schleusen und Kleidung zu nennen – und natürlich für die Anlagentechnik mit allem Drumhe­rum zu treffen. Also zusätzlich zur optimalen Prozessgestaltung mit CIP und hygienischen Maschinen und Komponentendesign auch die passende Art von Rohr- und Elektroinstallationen, Wand- und Deckendurchbrüchen, Positionierung und Art der Gullyanbindungen, Aufbau der Skids mit samt ihren Füßen oder Wandkonsolen, Zugänglichkeit und Reinigbarkeit hinter, ober und unter der Anlage etc. All dies umfasst ein ganzheitliches Hygienic Design.

Hygienic Design bedeutet ja auch Effizienz …

Spiegel:

Genau. Richtiges Hygienic Design minimiert den Reinigungsaufwand und verhindert Fehlproduktionen. Ein falsches Design hingegen kostet nur unnötiges Geld.

Scheller:

Alles, was nicht oder weniger häufig gereinigt werden muss, hat einen Effizienzvorteil. Eine glatte Oberfläche ist leichter und schneller zu reinigen – dies bezieht sich nicht nur auf die Komponenten in der Anlage sondern auch auf Umfeld inklusive Gebäude.

Wie lässt sich die Reinigung so effizient wie möglich gestalten?

Spiegel:

Bei der automatischen CIP kann beispielsweise durch Wiederverwendung des Reinigungsmittels Wasser, Chemie und Energie eingespart werden. Durch cleveres Anlagendesign zielen wir immer darauf ab, Mischphasen zu minimieren. In manchen Fällen macht es Sinn, die Reinigungslösung direkt an die Anlage anzuschließen. Eine andere effiziente Lösung ist die Kombination der Reinigung mit der Sterilisation. Dies spart viel Zeit, Wasser und Energie. Und noch effizienter kann sein, am Ende der CIP statt mit kaltem Wasser mit heißem, sterilem Wasser zu spülen. Oder es wird überhaupt nur mit heißem, sterilem Wasser gespült, damit die Anlage des Betreibers nicht ihren Steril-Status verliert.

Scheller:

Letzteres ist dann zwar keine vollständige chemische Reinigung, aber für viele Produkte, die nacheinander gefahren werden und für die kein Kontaminations- oder Allergenrisiko besteht, völlig ausreichend.

Der Erwerb einer Hygienic-Design-Anlage ist ja nur der Anfang. Letztlich geht es darum, die Produktionsanlage über die Jahre hinweg sauber zu halten. Wie ist dies für den Anwender ohne großen Aufwand möglich?

Scheller:

Hier sind zwei Aspekte wichtig: Zum einen die Anlagenreinigung selbst, damit das Produkt nicht kontaminiert wird; zum anderen die Außenreinigung bzw. die Instandhaltung der Anlage. Hier ist die Eigenmotivation des Betreibers gefragt – denn sonst kann auch eine gut designte, relativ junge Anlage schnell alt aussehen.

Spiegel:

Einerseits immer Schmutz vermeiden, also absaugen oder auffangen, wo er anfällt und andererseits die manuelle Reinigung erleichtern: In den eigenen vier Wänden muss auch regelmäßig unter dem Sofa Staub gesaugt werden. Das geht leicht, wenn es hoch genug steht und somit gut zugänglich ist. Dies gilt auch für die Produktionsstätte – und hier sind wir wieder bei dem Schlagwort Corporate Hygienic Design: Alles muss ein hygienisches Design aufweisen, dann können die Mitarbeiter Anlagen und Produktionshalle mit wenig Aufwand sauber halten.

Ist denn Hygienic Design in jeder Branche gleichermaßen ein Thema?

Scheller:

Jeder Branche ist bewusst, wie wichtig Hygienic Design ist. Die Pharma- und Lebensmittelbranche sind hier federführend. Farb-, Kosmetik- und Chemieindustrie, mit traditionell weniger hohen hygienischen Anforderungen, müssen teilweise umdenken. Früher wurden beispielsweise Wandfarben Lösungsmittel und Konservierungsstoffe zugesetzt. Heutzutage möchte man dies aus Gesundheitsaspekten und einem besseren ökologischen Fußabdruck vermeiden. Folglich müssen sich Hersteller von Farben und Lacken nun verstärkt um Hygienic Design bemühen, um eine Kontamination ihrer Produkte zu vermeiden.

Ruland schreibt sich ein ganzheitliches Hygienic Design groß auf die Fahne. Inwiefern unterscheiden Sie sich von Ihren Konkurrenten?

Scheller:

Hygienic Design steht bei uns schon immer im Fokus, bereits seit dem Jahr 2008 sind wir Company Member bei der European Hygienic Engineering and Design Group (EHEDG). Wir haben folglich einen sehr starken technischen Background. Wir arbeiten generell sehr lösungsorientiert, weshalb den Vorgesprächen eine sehr große Bedeutung zukommt: Bevor wir ein Angebot unterbreiten, beraten wir sehr ausführlich und detailliert.

Spiegel:

Flüssigkeiten und Hygiene sind unser Spezialgebiet: Dafür konzipieren und bauen wir maßgeschneiderte Anlagen. Wir kennen die verschiedenen Branchen-Anforderungen und Lösungen bezüglich Hygienic Design sehr gut. So können wir problemlos individuelle Lösungen anbieten, gleichzeitig einen 360-Grad-Blick auf das Projekt werfen und den Kunden umfassend, auch mit dem Fokus auf Sonderlösungen, beraten.

Bildergalerie

  • Bernhard Scheller, Geschäftsführender Gesellschafter, Ruland Engineering & Consultin betont: „Produktanforderungen können vollkommen verschieden sein – es gibt nicht die eine Lösung im Hygienic Design.“

    Bild: Ruland

  • „Richtiges Hygienic Design minimiert den Reinigungsaufwand und verhindert Fehlproduktionen“, so Dietger Spiegel, Vertriebsingenieur bei Ruland.

    Bild: Ruland

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