Klimaneutral tanken mit Gülle und Mist aus der Region: Die erste Bio-LNG-Kompaktanlage zur Herstellung von Biokraftstoff für LKWs wurde eingeweiht.

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Erste Bio-LNG-Kompaktanlage Klimaneutraler Kraftstoff für Lastkraftwagen

10.08.2022

Gülle und Mist aus der Region wird zu klimaneutralerem Bio-Treibstoff für den Schwerlastverkehr. Mit einer neuen Bio-LNG-Anlage soll das nun gelingen. Die kompakte 500-Kilowatt-Anlage hat Modellcharakter für viele Agrarbetriebe in ganz Deutschland.

Wurde Biogas bisher meist zur Stromerzeugung genutzt, so produziert die Anlage im Landkreis Lüneburg nahe der Elbe stattdessen flüssiges Bio-LNG („Bio Liquefied Natural Gas“). Damit können dann LKW und Busse angetrieben werden – klimaneutral. Biokraftstoff aus landwirtschaftlichen Reststoffen stellt für Bauern ein neues Geschäftsmodell dar. Die Bio-LNG-Anlage in Darchau soll mit mehr Raffinesse als mit Superlativen auffahren.

Ihre Tagesproduktion von bis zu drei Tonnen wirkt zunächst vergleichsweise klein – vor allem angesichts der großen Aufgabe, die Energieversorgung der Republik in allen Sektoren unabhängig von Russland zu machen. Gerade in der Kompaktheit liegt jedoch das enorme Potenzial als Blaupause für einen bundesweiten Roll-Out.

„Wir können jetzt in Deutschland viele kleine dezentrale Bio-LNG-Anlagen gut gebrauchen“, sagt Kunibert Ruhe, Vorstand der Agrarvereinigung Darchau und Gesellschafter der Ruhe Biogas Service. „Landwirtschaftliche Betriebe können autark in Form einer Kreislaufwirtschaft mit Reststoffen vom eigenen Hof und von Betrieben aus ihrer Region Biogas produzieren und zu Bio-LNG veredeln.“

Bio-Tankstelle für LKW

Ruhe ist einer der Pioniere der Biogasanlagen-Branche im Land und Gründer der Ruhe Biogas Service aus Lüsche bei Vechta, die die Anlage weiterentwickelt und mit aufgebaut hat. Die kompakte Einheit in Darchau allein ersetzt pro Jahr etwa 1,3 Millionen l fossilen Diesel und spart bis zu 7.000 Tonnen CO2 ein. „Grundsätzlich kann jeder Agrarbetrieb zu einer Bio-LNG-Produktionsstätte werden. Das neue Verflüssigungsmodul können Betreiber bestehender Biogasanlagen nachrüsten, die ein Nachfolgekonzept zur EEG-Förderung für die Verstromung von Biogas suchen“, erläutert Ruhe. Bio-LNG ist deshalb attraktiv für Bauern, weil der Schwerlastverkehr händeringend nach einer klimafreundlichen Alternative sucht.

Großes Potenzial für Verkehrswende

LKW machen zwar nur sechs Prozent aller Fahrzeuge auf deutschen Straßen aus, verursachen aber 30 Prozent des gesamten CO2. Fossiles Flüssiggas, wie es heute schon häufig zum Einsatz kommt, kann Diesel zwar ebenfalls ersetzen, senkt die Emissionen allerdings nur um bis zu 20 Prozent. Die CO2-Bilanz von Bio-LNG ist dagegen sogar negativ, wenn der Treibstoff aus landwirtschaftlichen Abfallprodukten hergestellt wird.

Ruhe rechnet das Potenzial hoch: „Nur etwa 30 Prozent des Wirtschaftsdüngers werden derzeit in herkömmlichen Biogasanlagen eingesetzt. Würden wir künftig 100 Prozent davon zu Bio-LNG verarbeiten, könnten wir rund 37 Prozent der LKW-Flotte versorgen.“ Dabei sind weitere Reststoffe aus der Landwirtschaft, wie zum Beispiel Stroh und Futterreste noch nicht eingerechnet. Die Jahresproduktion an CO2-freiem Treibstoff der Darchauer Anlage hat sich bereits die Q1 Energie vertraglich gesichert, ein Energie- und Tankstellenunternehmen aus Osnabrück.

Standardisiertes Modul

Mithilfe der Blaupause aus Darchau könnte die Bio-LNG-Produktion zügig ausgebaut werden. Die durchschnittliche Größe von Biogasanlagen hierzulande beträgt 500 kW. Auf diesen Standard haben die Projektverantwortlichen, darunter Ruhe Biogas-Geschäftsführer Maximilian Ruhe, Sohn des Gründers, auch ihr Konzept ausgerichtet. Zu den Services des Familienunternehmens gehören Beratung, Planung und der Bau schlüsselfertiger Verflüssigungsanlagen. Der norditalienische Kooperationspartner Ecospray Technologies ist technischer Entwicklungspartner, um Biogas in Bio-LNG umzuwandeln und den Transport des Flüssiggases zur Tankstelle zu ermöglichen.

Das Modul können Betreiber von Biogasanlagen verwenden, es ist auch nachrüstbar. Von der Skalierbarkeit der Technologie zeigen sich auch die EU und das Land Niedersachsen angetan: Die Agrarvereinigung Darchau hat für das Projekt Zuschüsse in Höhe von 55 Prozent der Investitionskosten aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) im Rahmen der Richtlinie für die Gewährung von Zuwendungen bekommen, die die Versorgung mit alternativen Treibstoffen in Niedersachsen verbessern sollen.

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