Anfang November waren die deutschen Gasspeicher zu knapp 62 Prozent gefüllt. Nach vorliegenden Berechnungen reicht dies bei einem normalen Winterverlauf bis zum Ende der Heizperiode. Ein ungewöhnlich kalter Winter oder zusätzliche Angebotsstörungen würden dies jedoch verändern. Laut dem internationalen Kreditversicherer Atradius ist in diesem Winter daher vor allem der Preis entscheidend für die Margen und Liquidität vieler Unternehmen.
„Viele Unternehmen sind heute deutlich besser vorbereitet als 2022. Viele Betriebe beschaffen einen erheblichen Teil ihres Gasbedarfs über langfristige Verträge und sind den kurzfristigen Marktpreisen dadurch nur teilweise ausgesetzt. Kurzfristige Preissprünge treffen sie dadurch weniger unmittelbar“, sagt Nicole Bludau, Managerin Risk Services bei Atradius.
Ganz abfedern lässt sich der Gaspreis damit jedoch nicht. Einzelne langfristige Lieferverträge können ölpreisgebundene Komponenten enthalten. Darüber hinaus wird die Preisentwicklung unter anderem durch die geopolitische Lage, das verfügbare Angebot und den Witterungsverlauf beeinflusst. Fällt der Winter streng aus, müsste zusätzliches Gas teuer am Markt zugekauft werden. Das würde die Kosten weiter erhöhen.
Energieintensive Branchen spüren den Preis zuerst
Die höheren Kosten treffen die verschiedenen Branchen unterschiedlich stark. Laut Atradius sind die Chemiebranche, die Stahl- und Metallindustrie sowie die Glas-, Keramik-, Papier- und Baustoffindustrie am stärksten betroffen. Auch der Handel spürt höhere Heizkosten, allerdings in geringerem Umfang. Wie gut Unternehmen die Mehrkosten abfedern können, hängt vor allem von ihren Verträgen ab. Mit Preisgleitklauseln können sie die Mehrkosten schnell weitergeben. Ohne diese Klauseln passen sie ihre Preise oft nur jährlich oder halbjährlich an.
„Wer seine Preise nur einmal im Jahr anpasst, trägt die Mehrkosten zunächst selbst. Das drückt auf die Marge und kann die Liquidität belasten“, erklärt Nicole Bludau. Manche Unternehmen akzeptieren vorübergehend niedrigere Margen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Am Ende tragen die Verbraucher häufig die gestiegenen Kosten mit, wenn Unternehmen höhere Energiepreise in ihre Produktpreise einrechnen.
Zusätzlicher Kostendruck kann sich auch aus der CO2-Bepreisung ergeben. Welche Unternehmen unmittelbar oder mittelbar betroffen sind, hängt vom jeweiligen Emissionshandelssystem, den eingesetzten Brennstoffen und der jeweiligen Anlage ab. Zugleich ist Energie in Nachbarländern teils deutlich günstiger. Die Unternehmen prüfen fallweise Produktionsverlagerungen und rechnen sie gegen steigende Logistik- und Transportkosten auf.
Folgen zeigen sich in den Zahlen erst im Frühjahr 2027
Der Wachstumsausblick für die Jahre 2026 und 2027 fällt leicht positiv aus, steht allerdings unter Druck hinsichtlich der Profitabilität. Ein Umsatzwachstum ist realistischer als eine höhere Marge. Inwieweit sich die aktuellen Energiepreise auswirken, lässt sich voraussichtlich erst anhand der endgültigen Jahresabschlüsse für 2026 belastbar ablesen. Unternehmen, die schnell berichten, könnten diese im Frühjahr 2027 veröffentlichen. Operative Belastungen für Marge und Liquidität können sich jedoch bereits vorher ergeben. Bis dahin bleibt die Informationslage uneinheitlich. Erste Hinweise können verspätete Zahlungen und Meldungen innerhalb der vorgesehenen Meldefristen liefern.
„Wir sehen derzeit gegenüber 2025 eine Zunahme von verspäteten Zahlungen. Diese Entwicklungen führen wir jedoch eher auf die allgemeine wirtschaftliche Lage als unmittelbar auf die aktuellen Energiepreise zurück“, sagt Nicole Bludau. Entscheidend wird daher sein, wie gut Unternehmen steigende Energiekosten in den kommenden Monaten auffangen und weitergeben können. Langfristige Beschaffung, ausreichende Liquiditätspuffer und flexible Vertragsbedingungen können helfen, den Druck auf die Margen zu begrenzen. Unternehmen sollten ihre Kostenentwicklung und Vertragsstrukturen genau im Blick haben und frühzeitig prüfen, wann und in welchem Umfang sie Mehrkosten weitergeben können.