Mit Serialisierungslösungen lassen sich einzelne Produkte entlang der Lieferkette zurückverfolgen.

Fälschungsschutz mittels Serialisierung „Es besteht noch Aufklärungsarbeit“

05.11.2018

Marken- und Produktpiraterie sind längst internationales Big Business. Nach Angaben der Weltzollorganisation beläuft sich der Anteil an Fälschungen am Welthandel insgesamt auf etwa sieben Prozent. P&A sprach mit Romulo Leon, Head of Global Sales & Market Management bei Mettler Toledo PCE in Heppenheim, darüber, wie Unternehmen dem Thema Fälschungsschutz gegenüberstehen.

Herr Leon, Mettler Toledo hat jüngst eine Studie zum Thema Fälschungsschutz mittels Serialisierung veröffentlicht. Warum ist das Thema gerade jetzt so relevant?

Vorbild und Vorreiter ist die Pharmabranche. Überall auf der Welt gibt es bereits legislative Regelwerke zur Rückverfolgbarkeit von Arzneimitteln mittels individueller Seriennummern, sprich Serialisierung, oder sie befinden sich in Vorbereitung. Prominente Beispiele sind etwa die EU-Fälschungsschutzrichtlinie 2011/62/EU oder der Drug Supply Chain Security Act in den USA. Dies hat zum einen eine Signalfunktion, die auch auf andere Branchen ausstrahlt. Zum anderen befeuern diese Vorgaben die Entwicklung von Know-how und Technologien im Bereich Fälschungsschutz und Serialisierung.

Geben Sie uns einen kurzen Überblick: Wie sehen die Unternehmen das Thema Serialisierung?

Unsere Studie zeigt, dass sich viele Unternehmen unabhängig von ihrer Branche mit dem Thema beschäftigen oder sogar bereits Pilotprojekte gestartet haben. Die Bereitschaft ist da, sich mit Track & Trace auseinanderzusetzen. Viele der von uns befragten Unternehmen rechnen zukünftig mit neuen Serialisierungsanforderungen. Ein Drittel gab uns gegenüber sogar an, gesetzliche Vorgaben zu begrüßen.

Welche Vorteile versprechen sich die Befragten von Serialisierungslösungen?

Primär natürlich den Schutz vor Marken- und Produktpiraterie – dies äußern insgesamt 40 Prozent der von uns befragten Unternehmen. Mit einer individuellen Seriennummer auf der Verpackung oder dem Produkt selbst und einem Manipulationsschutz lassen sich Originale zweifelsfrei von raffinierten Fälschungen unterscheiden. Aber auch die höhere Transparenz der Logistikkette bietet Vorteile – knapp ein Drittel der Teilnehmer nannten uns dies als Argument pro Serialisierung.

Verbraucherschutz und Qualitätsmanagement spielen ja vor allem in der chemischen Branche eine große Rolle ...

Genau. Dabei unterstützen Serialisierungslösungen mit spezifischen Daten, die sich sammeln und an nachgelagerte Partner in der Wertschöpfungs- oder Lieferkette weitergeben lassen. Im weiteren Branchenvergleich verweisen in der Umfrage Markenartikelhersteller, vorrangig aus der Kosmetikbranche und chemischen Industrie, besonders ausgeprägt auf Serialisierung als wirksames Instrument für den Fälschungs- und Markenschutz. Die Teilnehmer aus der Lebensmittelindustrie versprechen sich die größten Vorteile im Markenschutz, in der Qualitätssicherung und in der Vereinfachung von Produktrückrufen.

Sehen die Unternehmen beim Thema Track & Trace auch eine Interaktion mit dem Kunden vor?

Denkbar ist es, den Konsumenten mit in den Track-&-Trace-Prozess einzubinden. Dieser kann beispielsweise einen aufgebrachten QR-Code einscannen und so überprüfen, ob sein Produkt ein Original ist. Loyalty-Programme für Nutzer, die ihr Produkt registriert haben, wären ein weiterer Use Case. Unsere Studie zeigt jedoch, dass eine One-to-One-Kommunikation mit dem Kunden bei den Unternehmen eher eine nachgelagerte Rolle spielt. Im Fokus stehen, wie schon gesagt, ganz klar der Fälschungs- und Markenschutz.

Sind die Unternehmen aus Ihrer Sicht schon bereit für die Serialisierung?

Ja und nein. Wie eingangs erwähnt, ist die nötige Technologie am Markt verfügbar, es besteht aber noch massiver Aufklärungsbedarf im Bereich Datenmanagement. Die Unternehmen sind sich bewusst, dass die Software wichtiger Baustein einer Serialisierungslösung ist. Aus unserer Umfrage geht jedoch hervor, dass viele den Aufwand für die Verzahnung von IT, Produktion und Qualitätsmanagement noch unterschätzen. Im Laufe der Lieferkette wandert das serialisierte Produkt durch die Hände vieler Partner und Lieferanten. Für eine effektive Ende-zu-Ende-Verifizierung müssen auch diese infrastrukturell mit eingebunden werden. Dies ist im Moment noch das größte Hindernis.

Bleiben wir bei der IT. Gibt es eine Tendenz in Bezug auf den Speicherort der Daten?

Etwas weniger als die Hälfte der von uns befragten Unternehmen bevorzugen das Speichern und Verwalten der Serialisierungsdaten über eine interne ERP-Integration. Ebenfalls beliebt ist eine Software-as-a-Service-Lösung (SaaS). Der SaaS-Anbieter stellt in dieser Variante des Cloud-Computings die IT-Infrastruktur und Anwendungssoftware bereit, auf welche das Unternehmen zugreift. Im Rahmen der Studie votierte insgesamt etwas mehr als die Hälfte der Befragten für eine Lösung in der Wolke – mit öffentlicher und privater Cloud als weitere Varianten zur Auswahl.

Der Umgang mit Daten ist ein groß diskutiertes Thema. Hat sich dies in der Umfrage widergespiegelt?

Ja, das war besonders auffällig: Insgesamt waren die Antworten in Bezug auf die Zugänglichkeit der Daten teils sehr widersprüchlich. Darin spiegelt sich die Unsicherheit, aber auch die Unkenntnis der Unternehmen wider. Hier besteht noch enormer Aufklärungsbedarf. Eine Serialisierungslösung muss zum einen zugänglich für alle Partner entlang der Lieferkette sein, andernfalls gehen der angestrebte Mehrwert und wertvolle Synergieeffekte verloren. Zum anderen müssen die Daten sicher vor unbefugten Zugriffen oder Diebstahl und datenschutzkonform sein.

Was bedeutet das für die Praxis?

Das bedeutet für uns, als Anbieter solcher Technologien, dass wir Unternehmen, die sich mit dem Einstieg in Track & Trace beschäftigen, noch intensiver beraten und Aufklärungsarbeit leisten müssen. Für viele Firmen ist ein Partner, der bereits über Umsetzungserfahrung im Bereich Serialisierung verfügt, das ​
A und O.

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