Die Erfahrungen zeigen, dass es bei der Digitalisierung gerade für mittelständische Unternehmen der Prozessindustrie noch viele Stolpersteine gibt.

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Transformation in der Prozessindustrie Darum scheitern 80 Prozent der mittelständischen Digitalisierungsprojekte

21.10.2020

In der Digitalisierung stecken gewaltige Potenziale, um die Effizienz und die Verfügbarkeit von Anlagen zu erhöhen. Dies gilt auch für die Prozessindustrie. Doch bei der Umsetzung hapert es noch häufig. Warum ist das so?

Die Corona-Krise hat der Digitalisierung zu einem großen Schub verholfen. Denn die Auswirkungen der Pandemie konnten in weitgehend digitalisierten Unternehmen deutlich besser abgefedert werden als in Fabriken und Anlagen, die noch überwiegend analog gesteuert werden und auf einen hohen Personaleinsatz vor Ort angewiesen sind. Das Interesse an Digitalisierungslösungen ist daher in den vergangenen Monaten merklich gestiegen.

Doch die Erfahrungen zeigen, dass es bei der Digitalisierung gerade für mittelständische Unternehmen der Prozessindustrie noch viele Stolpersteine gibt: So verfügen Betreiber dieser Anlagen in aller Regel nicht über die umfassenden Digitalisierungskompetenzen und -kapazitäten wie große Unternehmen. Folglich fehlt ihnen die Transparenz über geeignete Anbieter, Lösungen und Vorgehensweisen, die für ihre Anlagen individuell passen und einen Mehrwert generieren.

Darüber hinaus liegen Daten oft in verschiedenen Quellen, die ohne professionelle Data Scientists schwierig miteinander zu kombinieren sind. Daher werden Investitionen in digitale Lösungen in der mittelständischen Prozessindustrie mit höheren Unsicherheiten und Risiken verbunden. Die Folge: Es entstehen nicht skalierbare Pilotprojekte oder Insellösungen, die personelle und finanzielle Ressourcen erfordern, aber keine quantifizierbaren Vorteile bringen beziehungsweise nicht genutzt werden.

Der größte Stolperstein bei der Nutzung der Digitalisierungspotenziale aber ist, dass die Digitalisierung viel zu häufig als rein technologische Optimierung angesehen wird – und nicht als umfassender Transformationsprozess, der einen tiefgreifenden Wandel der Unternehmenskultur mit sich bringt.

Digitalisierung setzt digitales Denken voraus

Wenn die Digitalisierung mittel- bis langfristig zu Wettbewerbsvorteilen führen soll, muss sie jedoch zwingend mit einem Transformationsprozess einhergehen. Denn nur dann wird die Digitalisierung zu einer unternehmensweiten Aufgabe.

Der Transformationsprozess übernimmt dabei die Funktion, den Wandel im Rahmen eines systematischen Change Management aktiv voranzutreiben und alle Veränderungen – sowohl technischer als auch organisatorischer und kultureller Art – zu orchestrieren. Er stellt sicher, dass die Digitalisierung als ganzheitlicher Ansatz begriffen wird und konsequent am Geschäftsmodell des Unternehmens ausgerichtet ist (Business Alignment).

Und er sorgt dafür, dass eine digitale Kultur entsteht und die Digitalisierung in der Organisationsentwicklung ihren festen Platz erhält. Denn wem nützt langfristig ein teures digitales Tool, wenn die Mitarbeiter im Unternehmen es nicht nutzen können oder wollen?

Die vier Faktoren, mit denen digitale Transformation gelingt

Folgende Faktoren bedingen den Erfolg der digitalen Transformation im Mittelstand:

1. Digitalisierung ist kein Selbstzweck
Die Digitalisierung wird vom Business getrieben, nicht von der Technologie oder ihren Möglichkeiten. Daher sind die Digitalisierungsinitiativen aus den Unternehmenszielen abzuleiten. Use-Case und Business-Case müssen Hand in Hand gehen. Digitale Lösungen müssen individuell und maßgeschneidert mit Blick auf den Unternehmenszweck, die Marktposition, die Produkte und die Produktionsprozesse und -anlagen konzipiert sein.

2. Digitalisierung braucht Führung
Treiber der Digitalisierung ist das Top-Management. Es muss die Digitalisierung vorleben und Commitment zeigen („Walk the talk“). Digitalisierungsprojekte müssen übergreifend gesteuert werden und sich an einem Ziel- und Leitbild orientieren. Dabei gilt: „Communication is Key“ – über Digitalisierung kann man nicht zu viel kommunizieren.

3. Digitalisierung ist zu je 50 Prozent Technologie und Organisationsentwicklung
Die Digitalisierung braucht natürlich passende Technologien und entsprechende Lösungen. Ebenso wichtig ist aber, dass die gesamte Organisation mit der Digitalisierung wächst und sich auch die Unternehmenskultur weiterentwickelt: Neue Kompetenzen bei den Mitarbeitern müssen aufgebaut, Rollen, Verantwortlichkeiten und Arbeitsabläufe aktiv und zielorientiert angepasst werden.

4. Digitalisierung gelingt Schritt für Schritt
„Alles auf einmal“ führt nicht zum Erfolg. Stattdessen muss die Gesamttransformation in bewältigbare Arbeitspakete heruntergebrochen werden. Jedes Arbeitspaket löst ein konkretes Problem und generiert greifbaren Mehrwert. Nur dann besteht die Grundlage, das nächste Arbeitspaket anzugehen. Die frühzeitige Einbindung der Mitarbeiter erhöht dabei die Implementierungsgeschwindigkeit.

Fahrplan zeigt Stationen der Digitalisierung auf

Zu den größten Herausforderungen bei einer umfassenden Digitalisierung von Anlagen in der Prozessindustrie gehört die Koordination der vielfältigen und zumeist sehr komplexen Aktivitäten. Um hierbei nicht nur die Übersicht über alle Aspekte zu behalten, sondern auch die richtigen Schwerpunkte und Prioritäten zu setzen, hat Bilfinger gemeinsam mit 3con Management Consultants den DigitalTrack 4.0 entwickelt.

Dabei handelt es sich um einen digitalen Fahrplan, der ähnlich wie ein Netzplan der Straßenbahn sämtliche zu berücksichtigende Stationen aufführt. Denn um zum Ziel zu kommen, muss Transparenz bestehen – und zwar auf welchen Strecken und über welche Stationen der Zielpunkt erreicht werden kann.

DigitalTrack 4.0 hilft außerdem Unternehmen, die in die Digitalisierung einzelner Bereiche einsteigen wollen, aber nicht genau wissen, wo und wie. Der Fahrplan hilft ihnen bei der „Verortung“ des eigenen Unternehmens und zeigt auf, welche nächsten Schritte einen Mehrwert generieren und welche Abhängigkeiten zwischen unterschiedlichen Digitalisierungsaufgaben bestehen. Daher ist DigitalTrack 4.0 ein Gesamtplan, den Mittelständler auch in einzelnen Schritten umsetzen können, ohne die ganzheitliche Transformation aus den Augen zu verlieren.

Der hinter dem Fahrplan liegende Transformationsprozess basiert auf einem modularen Vorgehen, das nicht nur zu bedarfsgerechtem Aufwand, klar definierten Arbeitspaketen und realistischen Etappenzielen führt, sondern bereits nach wenigen Monaten einsatzfähige Lösungen und damit „Quick Wins“ gewährleistet.

Kompetenzen gewinnbringend einsetzen

Gerade für mittelständisch geprägte Anlagenbetreiber ist es wichtig, sich einen Digitalisierungspartner zu suchen, der nicht nur eine ausgewiesene Expertise mitbringt, sondern auch Change-Prozesse und die Vorgänge innerhalb der Prozessindustrie versteht. Nur dann können die digitalen Lösungen auf die Unternehmensziele maßgeschneidert und effektiv ausgerichtet werden.

Außerdem erhöht sich die Umsetzungsgeschwindigkeit um ein Vielfaches, wenn „auf Augenhöhe“ kommuniziert werden kann. Gerade mittelständische Unternehmen tun sich dabei oft schwer, ihre eigenen Prozessstrukturen zu abstrahieren und die Besonderheiten ihres Geschäftsmodells bei Digitalisierungsprojekten gegenüber Branchenfremden zu kommunizieren.

Aus diesem Grund hat Bilfinger die Digitaleinheit Bilfinger Digital Next gegründet: Sie stellt sicher, dass die Branchenkompetenz von Bilfinger als Industriedienstleister gewinnbringend bei Digitalisierungsprojekten eingebracht werden kann. Vorhandenes Prozess-Know-how kann so zeit- und damit aufwandsparend zum Nutzen des Anlagenbetreibers eingesetzt werden.

Durch die Kooperation, die Bilfinger mit 3con Management Consultants eingegangen ist, können so Branchenkompetenz mit umfassendem Digitalisierungs- und Transformations-Know-how aus einer Hand bereitgestellt werden.

Digitalisierung im Mittelstand kann definitiv gelingen

Digitalisierungsinitiativen, an denen Bilfinger beziehungsweise 3con Management Consultants in der Vergangenheit beratend und unterstützend teilgenommen haben, zeigen, dass die entwickelten Aktivitäten zu erheblichen Verbesserungen in der Effektivität und Effizienz von Anlagen, zur Steigerung der Qualität sowie zur Senkung der Produktionskosten führen können.

So sind Steigerungen der OEE (Overall Equipment Effectiveness) von bis zu 15 Prozent, reduzierte ungeplante Ausfallzeiten bis zu 25 Prozent und verringerte Instandhaltungskosten um teilweise bis zu 30 Prozent bei gleichbleibender oder sogar steigender Qualität möglich. Die Vorteile, die ein hoher Digitalisierungsgrad von Anlagen beispielsweise durch Remote-Möglichkeiten in Zeiten einer Pandemie erzielt, sind in diesen Zahlen noch gar nicht eingerechnet.

Zusammenfassend kann definitiv die Digitalisierung auch im Mittelstand gelingen. Voraussetzung dafür ist die erfolgreiche Kombination der richtigen Technologien mit dem notwendigen Kulturwandel.

Bildergalerie

  • Bei DigitalTrack 4.0 handelt es sich um einen digitalen Fahrplan, der ähnlich wie ein Netzplan der Straßenbahn sämtliche zu berücksichtigende Stationen aufführt. Mittelständler können ihn in einzelnen Schritten umsetzen, ohne die ganzheitliche Transformation aus den Augen zu verlieren.

    Bild: Bilfinger

  • Gerade für mittelständisch geprägte Anlagenbetreiber ist es wichtig, sich einen Digitalisierungspartner zu suchen, der nicht nur eine ausgewiesene Expertise mitbringt, sondern auch Change-Prozesse und die Vorgänge innerhalb der Prozessindustrie versteht.

    Bild: Ulrich Schepp, Bilfinger

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