Die Suche nach einem ganzheitlichen Einsatz des Hygienic Design in der Prozessindustrie.

Bild: iStock, LumenSt

Umfrage Welche Fehler werden im Hygienic Design noch beobachtet?

11.10.2021

In der Theorie ist allseits bekannt: Hygienic Design kann nicht isoliert betrachtet werden. Denn falsch konzipierte Anlagen und Prozesse erhöhen das Kontaminationsrisiko. Die Folge: Die Produktqualität verschlechtert sich; die damit einhergehende Kosten über den gesamten Lebenszyklus einer Anlage steigen. Welche Fehler beziehungsweise Probleme wieder in der Praxis beobachten werden, haben wir bei den Experten nachgefragt.

Lesen Sie in unserer Bildgalerie, welche Fehler beim Hygienic Design noch beobachtet werden:

Bildergalerie

  • Ludger Hilleke, Technischer Leiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Amixon: Die Reinigungszeit ist unproduktiv und teuer. Die beste Lösung bietet eine Produktionslinie, die in der Lage ist sich automatisch restlos zu entleeren. Das ist bei Schüttgütern oft nur annähernd möglich, aber es gibt heute Lösungen, die Restentleergrade von 99,98 Prozent und besser ermöglichen. Je nach Branche, Rezeptur und Toleranzmarge erfolgen die Reinigungsprozeduren trocken oder nass. Im Falle einer Nassreinigung sind die apparatetechnischen Anforderungen grundlegend anders als für ein Trockenreinigungsregime. Dieser Zielkonflikt kann nur gelöst werden, wenn die Anlage über ausreichend viele totraumfreie Inspektionsöffnungen verfügt und insgesamt ergonomisch aufgebaut ist. Besondere Bedeutung aber kommt der Bauart der Inspektionstüren zu. Sie müssen so gestaltet sein, dass ihre Trocknung im geschlossenen Zustand zuverlässig (kapillarfrei) funktioniert.

    Bild: Amixon

  • Michael Stahl, Head of Sales, Azo Vital, Azo: Wir betrachten Hygienic Design als ganzheitlichen Ansatz: beginnend beim Anlagenkonzept, über das Detail-Design und Reinigungsfreundlichkeit bis hin zum ausgereiften Bedienkonzept. Zusätzlich müssen die Komponenten auf unterschiedlichste Rohstoffe abgestimmt sein. Schon der verwendete Werkstoff muss zum Beispiel mit den gelagerten Rohstoffen und den Reinigungsmitteln verträglich sein. Damit einher geht die Oberflächengestaltung und weitere Designaspekte, wie große Radien, Vermeiden von Hinterschneidungen oder waagerechte Flächen, um nur die Gängigsten zu nennen. Dementsprechend groß muss die Kompetenz des Anlagenbauers rund um Anlagenkonzeption und Rohstoffautomation sein. Mit dem richtigen Gesamtkonzept minimiert man Risiken und leistet einen großen Beitrag zur Sicherheit der Endprodukte der Anwender.

    Bild: Azo

  • Volker Spies, Geschäftsführer, BHS-Sonthofen Process Technology: Will ich zum Beispiel Kreuzkontaminationen im Chargenbetrieb vermeiden, ist die hygienegerechte Gestaltung einer Maschine entscheidend. Hygienic Design ist jedoch keine Aufgabe, die unabhängig von Prozess und Aufstellungsort umgesetzt werden kann. Hier treffen mitunter einander widersprechende Anforderungen aufeinander: Effizienz, Variabilität, Reinigbarkeit und Zugänglichkeit – um nur einige Aspekte zu nennen. Beispielsweise erlauben fest verschweißte Mischwerkzeuge im Ringschichtmischer bestmögliche Reinigbarkeit, schränken aber die Variabilität der Maschine gegenüber Ausführungen mit verschraubten Mischwerkzeugen ein. Hygienic Design lässt sich einer Maschine also nicht einfach überstülpen. Es muss von Anfang an in den verfahrenstechnischen Auslegungsprozess einbezogen werden.

    Bild: BHS-Sonthofen

  • Joachim Liedtke, Leiter Entwicklung, J.Engelsmann: Anlagen für Hygienebereiche sollten geeignete Bedien- und Reinigungskonzepte beinhalten, da neben unzureichendem Hygienic Design auch Bedienfehler und eine unsachgemäße Reinigung Ursachen für Produktkontaminationen sind. Je geringer der Automatisierungsgrad einer Anlage ist, umso größer ist die Gefahr, dass es durch manuelle Bedienschritte zu Verunreinigungen kommt. Neben der Anlagensteuerung kommt daher auch der Qualifizierung und Schulung des Bedien- und Wartungspersonals eine Schlüsselrolle zu. Auch die Verwendung nicht geeigneter Reinigungsmedien und –techniken kann zum Problem werden, wenn dadurch glatte, metallische Oberflächen oder Dichtungsmaterialien (zum Beispiel unzureichende Lösungsmittelbeständigkeit) beschädigt werden und ihre hygienischen Eigenschaften verlieren.

    Bild: J. Engelsmann

  • Ulrich Nanz, Global Product Manager Chemie & Schwefel, Ipco: Bei der Spezifikation von GMP-Anlagen für die Bereiche Pharma, Nahrungsmittel und Kosmetik sollten die jeweiligen hygienischen Anforderungen klar definiert werden. Zwar ist für die Ausführung von Produktionsanlagen aus technischer Sicht vieles möglich, aber letztendlich muss es der Kunde auch bezahlen können. So ist es zum Beispiel für viele Prozesse völlig ausreichend, wenn nur für produktberührende Komponenten der Anlage Sonderwerkstoffe ausgewählt werden. Die tatsächlich notwendige Anlagenausführung sollte deshalb für jeden Produktionsprozess individuell zwischen Kunde und Lieferant im Detail abgestimmt werden.

    Bild: Ipco

  • Bernhard Scheller, Geschäftsführender Gesellschafter, Rulang Engineering & Consulting: Obwohl das Thema Hygienic Design, dank EHEDG und anderer Institutionen, immer mehr in den Fokus rückt, fehlt bei vielen Firmen noch die Erfahrung in der Umsetzung und der ganzheitliche Ansatz. Mit Anforderungen in Verträgen wie „Hygiene Design – Stand der Technik“ oder „alle EHEDG-Richtlinien müssen erfüllt werden“ glaubt man dieses Thema ausreichend gewürdigt zu haben. Da es sich um interpretierbare Richtlinien handelt und jeder Betrieb andere Anforderungen hat, sind damit aber keine konkreten Vorgaben definiert. Mit der Definition eines umfassenden, firmenspezifischen Corporate Hygienic Designs wären Anlagenangebote besser vergleichbar und der Kunde würde am Ende das bekommen, was seinen Produktionsbedürfnissen entspricht.

    Bild: Ruland Engineering & Consulting

  • Dr. Tim Steinhauer, Leiter PC Prozesstechnik, KHS Gruppe: Hygienic Design ist ein unverzichtbarer Bestandteil bei der Planung und Gestaltung moderner Anlagen in der Getränke- und Verpackungsindustrie. Häufig wird das Argument vorgebracht, dass optimale hygienische Bedingungen nur mit komplexen und teuren Lösungen realisierbar seien. Bei KHS verfolgen wir eine andere Strategie, die sich in der Praxis als äußerst erfolgreich bewährt hat: die Reduzierung mechanischer Konstruktionen auf ein Minimum an Komplexität. Wir sind überzeugt, dass sich Konstruktionen – auch aus ökonomischen Gründen – an den Anforderungen eines Hygienic Designs ausrichten sollte. Daher achten wir bereits bei der Anlagenplanung konsequent darauf, dass alle Bauteile bestmöglich gereinigt werden können. Zudem schreiben wir bei der Kundenberatung der Thematik Hygienic Design einen besonderen Stellenwert zu.

    Bild: KHS

  • Thorsten Wesselmann, Geschäftsführer, L.B. Bohle Maschinen und Verfahren: Anlagen werden nicht für eine bequeme und schnelle Reinigung konzipiert. Zur Reinigung müssen schwere oder unnötig viele Einzelkomponenten entfernt werden. Zudem ist Spezialwerkzeug notwendig. Auch der Zusammenbau gestaltet sich kompliziert. Dies sind Punkte, die den Bediener demotivieren. Ziel soll eine Reinigung ohne manuellen Eingriff sein. In der Praxis fehlen geneigte Flächen, sodass das Wasser nicht abläuft und manuell gewischt, gereinigt und getrocknet werden muss. Hinzu sind Kanten und Vertiefungen zu finden. Auch die Auswahl des Materials ist oft nicht optimal. Es werden zur Reinigung chemische Zusätze verwendet, obwohl die Materialien dafür ungeeignet sind. Auf nicht ausreichend glatten Oberflächen ist so eine Verkeimung möglich.

    Bild: L.B. Bohle Maschinen und Verfahren

  • Hennning Falck, Leiter Geschäftsbereich Trocknungs- und Partikeltechnologie, Neuhaus Neotec: Beim Hygienic Design muss sowohl Augenmerk auf die feststoffberührenden, als auch auf die flüssigkeitsberührten Teile gelegt werden. Gerade im flüssigkeitsberührten Bereich können sich sehr leicht mikrobiologische Keime ansiedeln. Dies sollte unbedingt vermieden werden. Grundsätzlich gilt, dass eine totraumarme Konstruktion erfolgt, damit sich keine Feuchtigkeitsnester bilden können. Alle Bereiche müssen gut reinigbar sein und sich danach leicht inspizieren lassen, um das Kontaminationsrisiko zu minimieren. Deshalb ist die Zugänglichkeit aller medienberührenden Teile für die Produktsicherheit mit entscheidend. Gute Zugänglichkeit sichert beste Reinigungsergebnisse und vermeidet feuchte Nester.

    Bild: Neuhaus Neotec

  • Dieter Spiegel, Vertrieb, Ruland Engineering & Consulting: Hygienic Design kann nur als durchgehendes Produktionskonzept betrachtet werden. Anspruchsvolle Aufgaben werden oft nicht konsequent genug umgesetzt. Drei Beispiele:

    • Beim Einsatz hocheffektiver, Chlor- oder PES-basierter Desinfektionsmittel werden im Detail kleine Fehler mit großer Wirkung gemacht, es kommt zu Korrosionsschäden am Edelstahl. Zu hohe Temperaturen, Klarspülen oder Säurerückstände werden unterschätzt.

    • Anlagen mit normalerweise wenig Schmutzfracht werden meist mit immer gleicher kurzer Zeit gereinigt und im Ausnahmefall (Pulverreste im Tank/Belag im Erhitzer) nicht sauber. Wichtige Anlageninformationen, zum Beispiel durch Trübungssonden, fehlen oft, auch wenn eine intelligente Prozessführung möglich wäre.

    • Das Hygienedesign für keimminimierte Produkte (zum Beispiel für Kühlkette) muss anders sein als für keimfreie Produkte (zum Beispiel UHT). Oft wird dies bei der Auswahl der optimalen Komponenten zu wenig beachtet.

    Bild: Ruland Engineering & Consulting

Verwandte Artikel