In einem Experiment ließen sich die Verbindungen zwischen Elektronen gezielt beeinflussen. Hier zu sehen ist der sichtbar gemachte Strahlengang des Vorgangs.

Bild: MPIK

Laser in der Chemie Was Elektronen dazu bringt, sich anders zu paaren

19.04.2022

Die quantenmechanische Austauschwechselwirkung zwischen Elektronen ist mit intensiven Infrarot-Lichtfeldern in wenigen Femtosekunden veränderbar. Das haben Experimente an Schwefelhexafluorid-Molekülen gezeigt. Nützlich wird diese Erkenntnis in der Chemie: Reaktionen könnten dadurch künftig mit Lasern gesteuert werden.

Elektronen bilden die Bindungen in Molekülen und spielen eine entscheidende Rolle bei chemischen Reaktionen. In Atomen und Molekülen sind sie auf einer Folge von Energieniveaus angeordnet, die durch Quantenzahlen charakterisiert sind. Bei deren Besetzung spielt die Wechselwirkung der Elektronen untereinander – quantenmechanisch als Austauschwechselwirkung bezeichnet – eine wichtige Rolle. Denn Elektronen verhalten sich wie Miniaturkreisel: Sie besitzen einen Spin, der in zwei Richtungen zeigen kann.

Da nach den Gesetzen der Quantenmechanik nie mehrere Elektronen eines Moleküls in allen Quantenzahlen übereinstimmen dürfen, gehen sich Elektronen mit gleich ausgerichtetem Spin „aus dem Weg“. Das ist das bekannte Pauli-Prinzip. Nur Elektronen mit entgegengesetztem Spin können sich näherkommen und Paare bilden.

Elektronen manipulieren

Elektronen in Atomen und Molekülen lassen sich mit Licht anregen, also von einem niedrigen Energieniveau in ein höheres anheben. Dabei bestimmt die Lage der Energieniveaus, welche Lichtfarben absorbiert werden – und die sind bezeichnend für das jeweilige Atom oder Molekül und liefern ein charakteristisches Spektrum.

Üblicherweise geben Elektronen diese Energie sehr schnell wieder ab, zum Beispiel in Form von Licht (Fluoreszenz) oder Wärme (Bewegung der Kerne). Aus dem angeregten Zustand des Moleküls heraus können aber auch direkte photochemische Reaktionen stattfinden.

Eine Gruppe um Christian Ott in der Abteilung von Thomas Pfeifer am Max-Planck-Institut für Kernphysik (MPIK) arbeitet daran, Moleküle mit Lasern gezielt so zu manipulieren, dass sie eine bestimmte – und nur diese – Reaktion eingehen. Nun gelang ihnen mit einem trickreichen Experiment und theoretischen Modell ein grundlegender Schritt in diese Richtung.

Vermessen mit Licht

Entwickelt haben die Physiker das Verfahren im Rahmen des „Structures“-Exzellenzclusters zusammen mit der Gruppe von Maurits Haverkort am Institut für theoretische Physik der Universität Heidelberg. Ihnen gelang es erstmals, mit zwei verschiedenfarbigen Laserpulsen die effektive Austauschwechselwirkung zwischen mehreren im Molekül gebundenen Elektronen zu beeinflussen und zu vermessen.

Mit weichem Röntgenlicht regten sie in einem Schwefelhexafluorid-Molekül ein tief an das Schwefelatom gebundenes Elektron an und erweiterten damit dessen Bewegungsradius für kurze Zeit auf das gesamte Molekül. Das am Schwefelatom entstandene Loch, beeinflusst durch die sogenannte Spin-Bahn-Wechselwirkung der dort verbleibenden tief-gebundenen Elektronen, erzeugt dabei eine im Röntgen-Absorptionsspektrum messbare charakteristische Doppelstruktur zweier Linien.

„Nun ist es aber so, dass durch die Austauschwechselwirkung des angeregten Elektrons mit diesem zurückbleibenden Loch diese Doppelstruktur nochmals verändert wird“, erklärt Patrick Rupprecht, Doktorand am MPIK und Erstautor der Studie.

Laser als Reagenzien

Gleichzeitig eingestrahltes intensives Infrarot-Laserlicht ermöglicht es jetzt, das angeregte Elektron in seiner Bewegung noch weiter zu treiben: Es wird „polarisiert“. Wie sich in der Studie herausstellte, führt dies zu einer geänderten effektiven Austauschwechselwirkung mit dem Loch am Schwefelatom. Das zeigte sich im Experiment an einer charakteristischen Änderung der relativen Stärke der beiden Linien und ist auf die Symmetrieeigenschaften der beteiligten elektronischen Zustände zurückzuführen.

„Um ausschließlich die Bewegung der Elektronen möglichst ohne Einfluss der darauf folgenden Kernbewegung zu untersuchen, haben wir eine ultraschnelle Technik mit kurzen Laserpulsen von wenigen Femtosekunden Dauer eingesetzt“, sagt Gruppenleiter Christian Ott. „Die Messungen zeigen, dass der Laser die effektive Austauschwechselwirkung zwischen den beteiligten Elektronen erheblich beeinflusst – und dass das Maß dieser Beeinflussung durch die Intensität des Lichts kontrollierbar ist.“ Quantentheoretische Ab-initio-Simulationen untermauern das Ergebnis.

Mit ihrem Verfahren weisen die Forschenden einen Weg zum Einsatz von Lasern als eine Art fundamentaler chemischer Reagenzien, die direkt auf der quantenmechanischen Ebene der Bindungselektronen ansetzen.

Bildergalerie

  • Austauschwechselwirkung zwischen dem durch Röntgenlicht angeregten Elektron (e-) und dem zurückgelassenen Loch im aufgespaltenen Energieniveau (h+ in Kreis beziehungsweise Oval) ohne (oben) und mit (unten) Infrarot-Laserpuls, der das Elektron weiter anregt

    Bild: MPIK

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