Ulrich Nanz, Director Sales & Marketing bei Sandvik Process Systems

Bild: KDBusch

Schokoladenherstellung „Wir sprechen über Chips und Chunks“

09.09.2016

Es klingt wie ein Kindertraum: eine Firma, die Schokoladenmaschinen baut. Sandvik hat kürzlich den niederländischen Spezialmaschinenhersteller für die Schokoladenverarbeitung SGL Technology gekauft. P&A sprach mit Ulrich Nanz, Director Sales & Marketing über die Akquisition und die Ziele, die das Unternehmen damit verfolgt.

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P&A:

Schokoladen- und Süßwarenverarbeitung – wie passt das zur Firma Sandvik, die man ja eher mit Werkzeug und Bergbau in Verbindung bringt? Welche Ziele verfolgt das Unternehmen mit der Übernahme von SGL Technology und inwiefern ergänzt diese Akquisition das Portfolio, das Sandvik Process Systems bislang hatte?

Ulrich Nanz:

Wir bieten bisher in erster Linie Lösungen für die Bereiche Raffinerie und Chemie, haben uns darüber hinaus schon immer auch mit Nahrungsmitteln und Pharmazie beschäftigt. Im Bereich der Nahrungsmittel waren das neben der Schokolade vor allem Kaffee und Kaugummi. Das Edelstahlband, mit dem wir arbeiten, ist ja auch gut geeignet, um gängige Standards wie zum Beispiel GMP (Good Manufacturing Practice) im Nahrungsmittelbereich zu erfüllen. Wir haben in der Vergangenheit schon alles Mögliche pastilliert, zum Beispiel Käse und Suppenzusätze oder andere Lebensmittelbestandteile und Additive für die Nahrungsmittelindustrie. Wenn Kunden auf uns zukommen und fragen, ob wir etwas Bestimmtes können, dann probieren wir das in unserem Productivity Center aus, von Fettalkoholen für den Backbereich bis hin zu Monochloressigsäure, die in Kleinstmengen im Joghurt vorkommt. Die Nahrungsmittelanwendungen waren für uns bisher aber immer die Nische in der Nische.

Wo sind denn die Herausforderungen, auf die Sie in diesem Zusammenhang gestoßen sind?

Wir haben einerseits Grenzen bei der Viskosität, wobei wir auch Pastillierung von Karamell anbieten können, was von der Konsistenz schon mit Schmelzkleber vergleichbar ist. Und dann gibt es noch eine ganz andere Art von Herausforderung - ob man in der Lage ist die Fachsprache zu sprechen, die in einer bestimmten Branche gesprochen wird. Wir sprechen etwa immer von Pastillen, in der Schokoladenindustrie spricht man dagegen von Chips. Wenn man erfolgreich sein will, muss man die Sprache des Kunden sprechen und die Aufgaben aus der Sicht des Kunden sehen. Es geht also eigentlich nicht um die Anlage, die Sandvik Process Systems baut, sondern ich spreche über die Schokolade, die der Kunde produziert und entsprechend geht es auch immer zunächst um den Prozess des Kunden, und nicht um die Maschine, mit der dieser verwirklicht wird.

Die Möglichkeiten in der Produktion sind in den letzten Jahren vielfältiger geworden, die Anlagen lassen sich besser umrüsten. Ist diese Vielseitigkeit ein Thema für Sie und Ihre Kunden?

Was uns im Grunde genommen die entscheidende Erweiterung bringt, ist das Angebot einer Multi-Purpose-Anlage. Das heißt, wo früher nur der Rotoformer am Werk war und je nach Schokoladentyp entweder mit Luft oder mit Wasser gekühlt wurde, können jetzt bis zu sechs verschiedene Aufgabesysteme eingesetzt werden. Der Kunde kann dann montags ein ganz anderes Produkt fertigen als dienstags: statt Chips und Chunks auch Röllchen, Herzchen, verschiedene Farben, Mischungen aus brauner und weißer Schokolade. So behalten wir die Schokoladenindustrie und die Anwendungen im Blick, und können genau das liefern, was der Kunde herstellen will. Unsere Sicht dabei war, dass man natürlich nicht überall Spezialist sein kann, wenn man so unterschiedliche Produktbereiche betrachtet. Bei Schwefel und Spezialchemikalien sind wir im Laufe der Jahre zu Spezialisten geworden, aber bei Schokolade war die Situation bisher so, dass wir mit dem Rotoform höchstens große und kleine Pastillen herstellen können – aber das war es dann auch schon.

Sie sind ja neben dem Nahrungsmittelbereich und hier vor allem in der Süßwarentechnologie auch im Non-Foodbereich mit umweltfreundlichen Lösungen tätig. Was bieten Sie dem Kunden in diesem Zusammenhang?

Viele chemische Produkte werden auf unseren Anlagen zu einem sehr regelmäßigen Granulat mit enger Korngrößenverteilung verarbeitet. Als Feststoff haben diese Produkte nun eine hohe Schüttdichte, sind gut dosierbar und nahezu staubfrei. Letzteres spielt vor allem beim Umgang mit Gefahrstoffen eine große Rolle. Weiterhin ist unser Herstellungsprozess sehr umweltfreundlich. Wir nutzen ein Edelstahlband, das sich zwischen dem zu kühlenden Produkt und dem Kühlmedium befindet; das heißt, wir haben keine Kontamination, kein Wasser im Produkt und auch kein Produkt im Wasser. Das vom Produkt aufgewärmte Kühlwasser wird wieder rückgekühlt und im Kreis gefahren. Wasser wird also weder verbraucht noch verschmutzt.

Welche Anpassungen führen Sie durch, um die Anlagen speziell für die Nahrungsmittelindustrie tauglich zu machen?

Wir benutzen für den Bau der Nahrungsmittelanlagen deutlich mehr Edelstahl und spezielle Dichtungsmaterialien. Die eingesetzten Getriebeöle müssen ebenfalls lebensmittelecht sein. An der Maschine werden Ecken und Kanten möglichst vermieden, um Sauberkeit und einfache Reinigung zu gewährleisten. Auch die Rautiefen der Edelstahlbänder sind deutlich geringer. Alle Werkstoffe die eingesetzt werden müssen dokumentiert werden. Oft lässt der Kunde seinen ganzen Produktionsprozess nach GMP zertifizieren. Deshalb müssen wir im Vorfeld schon so ausliefern, dass dieser Zertifizierung nichts im Wege steht.

Welchen Stellenwert hat SGL Technology für Sie in wirtschaftlicher Hinsicht? Öffnet Ihnen das neue Türen in der Nahrungsmittelbranche?

Ein Ziel ist natürlich, auf dem Schokoladenmarkt weiter zu wachsen. Viele bekannte Schokoladenhersteller sind bereits bei SGL oder Sandvik Process Systems Kunde. Das Ziel, das Sandvik Process Systems mit dem Kauf von SGL verfolgt, ist jedoch, nicht nur im Schokobereich zu wachsen, sondern in der Tat im gesamten Nahrungsmittelbereich. Wir haben jetzt eine Firma mit etwa 25 Mitarbeitern, die sich ausschließlich um Lebensmittelanwendungen kümmert. Für uns hier in Deutschland war der Nahrungsmittelsektor bis jetzt ein Nebenschauplatz. Jetzt könnte man es als einen weiteren Kernbereich in unserem Unternehmen beschreiben.

Sie haben ja bereits in der Vergangenheit mit SGL bei der Rotoform-Technologie zusammengearbeitet – was ist jetzt der Unterschied?

Uns ist damals klar gewesen, dass wir SGL wegen der Überschneidung der beiden Produktportfolios nur als Wettbewerber oder als Partner haben können. Deshalb haben wir uns in der Vergangenheit darauf beschränkt, nur die Kernkomponenten in der Maschine, sprich die Stahlbänder und die Tropfenformer, an SGL zu liefern. Nach einer drei- bis vierjährigen Kooperation hat unser Management entschieden, SGL zu erwerben. Bei SGL ist unser Pastillierverfahren schon seit 20 Jahren bekannt; so können wir jetzt auch designtechnisch von den bei SGL gemachten Erfahrungen profitieren.

SGL stammt ja ursprünglich aus den Niederlanden, Sandvik aus Schweden … Gab es da anfangs Herausforderungen in der Zusammenarbeit, im Zusammenfinden der beiden Firmenkulturen? Oder wie würden Sie die Firmenkultur beschreiben?

Ich würde es vergleichen mit der schwedischen und niederländischen Seefahrer-Kultur: Unkompliziert, und beide kommerziell ausgerichtet – die Kaufleute, könnte man sagen, während wir hier in Deutschland eher die Ingenieure sind. Wir haben über 90 Prozent Exportanteil, sind selbstverständlich offen für andere Kulturen. Ich habe in der Zusammenarbeit von Anfang an keinerlei Probleme gesehen, da eigentlich alle davon profitierten. Während SGL eine ausgereifte Technologie mitbringt, ist Sandvik Process Systems mit einer weltweiten Vertriebs- und Serviceorganisation präsent. Gemeinsam sind wir von heute auf morgen ein internationaler Spezialzulieferer für die Schokoladenindustrie geworden.

Eine der Innovationen ist die SGL MCC 1500, eine auf mehreren Ebenen arbeitende Produktionslinie. Welche Eigenschaften bietet diese Linie und welche Vorteile haben die Kunden von dieser Entwicklung?

Bei der Abkühlung von Schmelzen auf einem Stahlband gilt das Prinzip, dass entweder eine kleine Produktmenge stark oder eine große Produktmenge schwach gekühlt werden kann. Wenn man zusätzliche Austauschfläche addiert, erzielt man ebenfalls höhere Leistungen. Die SGL MCC 1500 ist eine auf mehreren Ebenen arbeitende Produktionslinie für Schokoladen-produkte, die eine dreimal höhere Kapazität bietet als andere Systeme mit gleicher Länge. Möglich wird dies durch drei übereinander „gestapelte“ Aufgabesysteme, die jeweils eine individuelle Verfestigungslinie innerhalb der Gesamtmaschine versorgen. Durch diese Bündelung ergibt sich in Abhängigkeit von der Produktgröße eine Formungskapazität von bis zu 6 t/h. Außerdem ist die gleichzeitige Produktion mehrerer unterschiedlicher Rezepturen oder Produktformen/-größen möglich.

Wichtig für die Einschätzung der Zukunft im Süßwarenbereich ist die Frage, wie sich die Nachfrage ändern wird, wenn etwa Emerging Markets wie Indien und China ihre Liebe zur Schokolade entdecken…

Ja, das ist in der Tat eine offene Frage und ein Potenzial, das wir sehen, wenn in großen Märkten wie Indien und China der Schokoladenkonsum ansteigt. Aber auch in Südamerika und im Nahen Osten stehen sehr moderne Anlagen bei Schokoladenproduzenten.

Welche Rolle spielt für Sie der chinesische Markt. Sind die dortigen reduzierten Wachstumsaussichten ein Grund für Sie, sich umzuorientieren?

Auf dem chinesischen Markt haben wir uns schon immer anders positioniert als unsere Wettbewerber. Unsere Anlagen waren stets deutlich teurer als die lokalen Produkte. Für uns stand also fest: je aktiver wir in China sind, desto mehr Wettbewerb erzeugen wir dort. Der Nachteil dabei ist, dass Kopien unserer Produkte mittelfristig auch außerhalb von China angeboten werden. Wir haben deshalb schon in der Vergangenheit unser Engagement in China mit großer Vorsicht betrieben und niemals über den Preis verkauft.

Bildergalerie

  • Die SGL MCC 1500 ist eine Schokoladenproduktionslinie, die bis zu 6 t pro Stunde verarbeitet.

    Bild: Sandvik

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