„Sehr positive Entwicklungen für den Rollout-Prozess“, sagt Dr Peter Heuell, Geschäftsführer EMH Metering.

Bild: EMH Metering

Meilensteine für den Smart Meter Rollout „Sehr positive Entwicklungen für den Rollout-Prozess“

06.09.2021

Juristische Hürden und eine anhaltende Pandemie: Das zweite Jahr des Pflichtrollouts für das intelligente Messsystem (iMsys) stand im Zeichen größerer Hindernisse. Nichtsdestotrotz schreitet die Weiterentwicklung wichtiger technischer Standards voran. Und mancher Meilenstein für die Digitalisierung der Energiewende wurde gelegt.

Für einen Jahresrückblick ist es vielleicht noch etwas zu früh – aber eines kann man sicherlich jetzt schon festhalten: Der Eilbeschluss des Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster vom 4. März war der Aufreger des Jahres in der Energie-Branche. Im Rückblick lässt sich feststellen: Es war gut und wichtig, dass formale Defizite beim Rolloutverfahren gerichtlich aufgezeigt wurden. Durch die äußerst schnelle Reaktion von Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) und Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) konnten diese schnell behoben werden. Damit sind die gesetzlichen Voraussetzungen für den rechtssicheren Rollout des iMsys geschaffen. Und Energieunternehmen, Netzbetreiber, Behörden, Politik und Smart Meter-Hersteller können sich wieder auf das konzentrieren, was wirklich zählt: Die Einsatzbereiche der Smart Meter Gateways erweitern, die Rollout-Prozesse beschleunigen und die Digitalisierung der Energiewirtschaft vorantreiben.

Angesichts der Aufregung um den OVG-Eilbeschluss und vor dem Hintergrund der andauernden Corona-Pandemie muss man vielleicht noch einmal hervorheben, dass es in diesem Jahr eine Reihe sehr positiver Entwicklungen für den Rollout-Prozess gab. Zum einen ist da die Entscheidung der Bundesnetzagentur, der 450 Connect GmbH den Zuschlag für die Nutzungsrechte der Frequenz bei 450 MHz zu erteilen. Die Energiewirtschaft kann mit dem 450 MHz-Frequenzband jetzt ein flächendeckendes Netz aufbauen, in dem sich jeder intelligente Zähler, jede Stromtankstelle und jedes Windrad direkt erreichen lässt. Für die Digitalisierung der Energiewirtschaft ist dies ein Meilenstein. Außerdem hat in diesem Jahr mit dem Smart Meter Gateway (SMGW) CASA von EMH Metering ein weiteres Gateway die Re-Zertifizierung seiner Firmware durch das BSI erhalten. Die neuen Tarifanwendungsfälle 9, 10 und 14 vergrößern den Nutzen der SMGWs für Netzbetrieb und Endkunden.

Technische Weichenstellungen

Wichtig für die standardisierte Weiterentwicklung des SMGW ist aber vor allem das Papier mit technischen Eckpunkten, das BSI und BMWi im Mai veröffentlicht haben. Der Anspruch dieses Eckpunkte-Dokuments ist es, kurz und präzise wichtige technische Weichenstellungen für die SMGW-Infrastruktur im Dialog mit den Branchen und Partnerbehörden herbeizuführen. Auf diese Weise soll der SMGW-Rollout-Prozess beschleunigt werden. Das Papier führt fünf Kernthemen auf:

  • Fernsteuerung von Anlagen

  • WAN-Anbindung von Anlagen

  • Anbindung von Ladeinfrastruktur

  • Weiterentwicklung Metering

  • Submetering

BMWi und BSI bewerten die Themen nach ihrer Relevanz für die Energiewende und den Rollout. Im Folgenden werden die drei Themen mit der höchsten Relevanz für beide Aspekte betrachtet.

Anlagen fernsteuern

Höchste Priorität für die Energiewende und den Rollout hat laut BSI und BMWi die sichere und standardisierte Fernsteuerung von Verbrauchs- und Erzeugungsanlagen. In dem Papier heißt es, das Fernsteuern von Anlagen sei zwingende Voraussetzung, um Last und Erzeugung im Smart Grid im Gleichgewicht zu halten. Aufgrund der hohen Priorität soll bereits 2021 die SMGW-Technik einsatzfähig sein und sich mit Anlagen verbinden lassen. BSI und BMWi bewerten in dem Papier drei mögliche technische Optionen: Die Steuerung über proprietäre Technik, die Steuerung mit Verarbeitung im Smart Meter Gateway sowie die Steuerung über den CLS-Proxy-Kanal. Diese dritte Option wird aufgrund der schnellen Umsetzbarkeit und gleichzeitig hohen Sicherheitsleistung präferiert.

Zu begrüßen ist, dass das Eckpunktepapier für diese dritte Option neben der direkten Anlagensteuerung mit der Steuerbox auch die Steuerung mit Hilfe von Home Energie Management-Systemen (HEMS) nennt. Diese intelligenten Systeme legen die technische Basis für die „Spitzenglättung“, mit der die E-Mobility zusätzlich in die Stromnetze integriert werden soll. Solche HEMS-Systeme ermöglichen ein netzdienliches und kundenfreundliches Regeln des Ladevorgangs bei E-Autos.

Umsetzung in der Praxis

Die Unternehmen Gisa, EMH Metering und eSystems haben eine Steuerung der Ladevorgänge über das SMGW bereits erfolgreich umgesetzt. Der Endpunkt des CLS-Kanals wurde dafür auf eine EEBUS-sprechende Wallbox von eSystems verlegt. Gesteuert werden die Ladevorgänge aus einem System der Firma Robotron heraus. Statt über die Wallbox kann die Kommunikation auch über ein HEMS erfolgen und Steuervorgaben vom Netz erhalten. Denkbar ist etwa ein Aufsteckmodul für das SMGW. In einem Haushalt mit weiteren steuerbaren Anlagen, wie PV oder Wärmepumpen, erschließen sich damit zusätzliche Möglichkeiten, Geräte intelligent zu steuern. Ergänzt man dieses System um Wallboxen, die mit einem speziellen Prio-Knopf versehen sind, erhält der Kunde zusätzlich die Freiheit, das E-Auto für einen begrenzten Zeitraum unabhängig von der Spitzenglättung zu laden. Die Spitzenglättung wird dadurch noch verbraucherfreundlicher.

Anbindung der Ladeinfrastruktur

Sehr hohe Priorität für die Energiewende und den Rollout ordnen BSI und BMWi auch der Anbindung der Ladeinfrastruktur zu. Hier schafft das Papier einen wichtigen Durchbruch, indem es die Frage nach dem Einsatz des SMGW an der Ladeinfrastruktur klärt. Zukünftig wird die SMGW-Infrastruktur nur am Netzanschlusspunkt der Ladesäule zum Netzbetreiber verlangt. Die Anbindung an das Fahrzeug oder an weitere Ladesäulen kann durch proprietäre Systeme erfolgen. Dieser Konsens macht den Weg frei für den weiteren Ausbau der Ladeinfrastruktur.

Sichere WAN-Anbindung

Hohe Relevanz hat auch die sichere Anbindung von Anlagen über das Wide Area Network (WAN). Dies ermöglicht den sicheren Austausch von energiewirtschaftlichen Daten über das iMsys. Ergänzend benötigen Anlagenbetreiber eine zusätzliche WAN-Anbindung für die Übertragung betrieblicher Daten. Aktuell besteht das Problem, dass für diesen Übertragungsweg ein Sicherheitsrisiko besteht, da er nicht von den Sicherheitsleistungen des SMGW profitiert.

Sehr zu begrüßen ist daher der Durchbruch, den das Papier hier schafft. Es hebt die exklusive Anbindung der Anlagen über SMGW auf. Ein Datenaustausch mit Wärmepumpen und anderen Verbrauchsgeräten soll auch über weitere Kommunikationskanäle erfolgen können. Der Hersteller kann auf diese Weise beispielsweise Betriebsdaten aufspielen. Diese zusätzliche Anbindung im WAN soll mit einer Firewall abgesichert werden. Auf diese Weise wird eine schnelle und sichere Lösung ermöglicht. Das BSI muss nun die genaue technische Umsetzung bald definieren. Für energiewirtschaftliche Daten gilt weiterhin, dass sie ausschließlich über das SMGW übertragen werden dürfen.

Konsens geschaffen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es der große Gewinn des Eckpunktepapiers ist, dass es neben der standardisierten Infrastruktur des SMGW auch proprietäre Markt-Lösungen aufzeigt. Es schafft einen Konsens zwischen den Interessengruppen und nimmt auch die Marktteilnehmer mit, die dem Einsatz des SMGW bisher skeptisch gegenüber standen. Der Smart Meter Rollout hat im Jahr 2021 wichtige Impulse erhalten. Jetzt muss das BSI die neuen Lösungsansätze technisch spezifizieren, damit die Hersteller Produkte für den Markt anbieten können.

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