Dr. Tatjana Ruhl Klimaneutralität ohne Energieeffizienz – geht das?

Dr. Tatjana Ruhl  verantwortet als Policypreneur bei der DENEFF den Themenbereich Dekarbonisierung in der Industrie. Mit Unterstützung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt hat sie an der Freien Universität Berlin zum Thema Energieeffizienzpolitik promoviert. Zudem begleitete Energieeffizienz sie zunächst im Wirtschafts- und Umweltmini­sterium von Sachsen-Anhalt und später bei einem bekannten Energiedienstleister.

Bild: DENEFF
23.10.2023

Kann man klimaneutral werden, ohne auf Energieeffizienz zu achten? Oft wird bei Klimaneutralität zuerst an die Umstellung unseres Energiesystems auf erneuerbare Energien gedacht, was zweifellos wichtig ist. Es gibt aber noch weitere ebenso wichtige Aspekte, die berücksichtigt werden müssen.

Laut einer Publikation der Vereinten Nationen werden erhebliche Teile der Erde bis zum Jahr 2070 unbewohnbar sein, wenn die globale Erwärmung nicht auf ein tragbares Maß beschränkt bleibt. Im Moment bewegen wir uns jedoch auf eine Erwärmung um die drei Grad zu, und damit wird die Situation sogar noch dramatischer.

Deshalb ist es wichtig, dass wir in Deutschland als Industrienation unseren Beitrag leisten und uns mit Klimaneutralität und Energieeffizienz auseinandersetzen. Wenn von Klimaneutralität die Rede ist, stehen Renewables im Mittelpunkt. Das ist zweifellos richtig. Es müssen aber weitere Bausteine berücksichtigt werden, um das Ziel Klimaneutralität zu erreichen. Natürlich sind wir damit vor eine große Herausforderung gestellt und stehen unter großem Erfolgsdruck.

Die Frage ist also: Was kann Deutschland tun, um seinen Beitrag zur Begrenzung der Erderwärmung auf ein erträgliches Maß zu leisten? Eine zentrale Rolle spielt hierbei die Energieversorgung. Wie sollte – gerade in einem Industrieland wie Deutschland – eine klimaneutrale Energieversorgung im Jahr 2045 aussehen?

Wenn wir eine Energieversorgung haben wollen, die letztlich auf erneuerbare Energien beruht, bedeutet das Elektrifizierung. Dadurch steigt der Stromverbrauch, während gleichzeitig der Gesamtenergieverbrauch drastisch sinkt. Alle großen deutschen Klimastudien zeigen: Der Gesamtenergieverbrauch in Deutschland muss bis 2045 um rund 40 Prozent sinken – und zwar in allen Sektoren.

Dies wird oft missverstanden, da der Strombedarf im Zuge der Dekarbonisierung steigt, der absolute Energieverbrauch jedoch sinkt. Aber nur wenn uns Effizienzverbesserungen gelingen, können wir die Erneuerbaren so ausbauen, dass diese für eine klimafreundliche Energieversorgung genügen. Andernfalls wird es unerschwinglich teuer und wir müssen an anderer Stelle schmerzhafte Einschnitte vornehmen.

Energieeffizienz ist daher eines der Hauptziele. Dabei sind verschiedene Wege empfehlenswert, denn je geringer der Energieverbrauch insgesamt ist, desto geringer sind auch die Anforderungen an das Energieversorgungssystem und die damit verbundenen Kosten. Zudem steigt die Energiesicherheit und die Akzeptanz für ein solches Großprojekt. Etwas einfacher wird es allerdings, wenn wir uns auf die Industrie konzentrieren.

Gemessen an der Gesamtwirtschaft muss die Industrie bis 2045 nur 20 Prozent weniger Energie verbrauchen. Das ist kein
Selbstläufer, denn Energie muss nicht nur effizienter genutzt, sondern auch absolut eingespart werden. Es geht also nicht nur darum, dass Energieeffizienzverbesserungen großflächig stattfinden, sondern letztlich zu erkennbar weniger Energieverbrauch führen. 20 Prozent weniger Energieverbrauch in der Industrie bis zum Jahr 2045 ist ein Ziel, das erreichbar ist und Wirtschaftswachstum ermöglicht.

Es gibt erhebliche Potenziale für Energieeffizienz, die es der Industrie ermöglichen, sowohl wirtschaftlich zu wachsen als auch weniger Energie zu verbrauchen. Eine neue Potenzialstudie der Hochschule Niederrhein zeigt auf, dass die deutsche Indus­trie rund 44 Prozent ihres gesamten Energieverbrauchs durch bereits bekannte und wirtschaftlich rentable Energieeffizienzmaßnahmen einsparen kann.

Es handelt sich hierbei um bewährte Querschnittstechnologien wie Druckluft, effizientere Motoren, LED-Beleuchtung oder Abwärmenutzung. In das Gesamtpotenzial gehen nur Maßnahmen ein, mit denen Unternehmen, mindestens eine Rendite von 8 Prozent auf ihr Kapital erzielen können. Viele Maßnahmen, gerade im Bereich Stromeffizienz, rechnen sich bereits nach drei Jahren oder weniger.

Die gute Nachricht ist also, dass die Industrie durch die konsequente Umsetzung bekannter Energieeffizienzmaßnahmen wirtschaftlich klimaneutral sein kann. Dies ist besonders ermutigend angesichts der vielen schockierenden Zahlen, mit denen wir konfrontiert sind. Es ist klar: Wir können es schaffen, aber es erfordert Anstrengungen auf verschiedenen Ebenen und besonders im Bereich der Umsetzung von Maßnahmen zur Energieeffizienz.

Um diese Potenziale anzugehen, sind Regulierungen, Förderprogramme und andere politische Maßnahmen erforderlich. Es gibt bereits verschiedene Initiativen und Gesetzesvorhaben, die darauf abzielen, Energieeffizienz zu fördern und umzusetzen. So setzt das neue Energieeffizienzgesetz erstmals verbindliche Einsparziele für Deutschland und löst Teile des Energie-Dienstleistungs-Gesetzes ab.

Zudem gibt es auch weiterhin spezielle Förderprogramme, die Unternehmen bei der Umsetzung von Energieeffizienzprojekten unterstützen. Dazu stellt die DENEFF ihren Mitgliedern eine regelmäßig aktualisierte Übersicht über die Förderprogramme von Bund und Land zur Verfügung.

Auch die DENEFF selbst treibt das Thema Energieeffizienz in der Industrie voran. Dafür habt sie das Praxisforum Industrie2.Zero ins Leben gerufen. Hier erhalten Unternehmen Praxiswissen und Lösungen zu Klimaschutz und Energieeffizienz. Es ist ein strategisches Projekt, das auf langfristigen Austausch und strukturiertes Vorgehen angelegt ist. Darüber hinaus nimmt das Forum die Prozesswärme und den Product Carbon Footprint (PCF) genauer unter die Lupe, um Unternehmen bei der Umsetzung effizienter Lösungen zu unterstützen.

Es ist klar: Energieeffizienz ist der Schlüssel zur Klimaneutralität. Durch Umsetzung bekannter Energieeffizienzmaßnahmen kann die Industrie wirtschaftlich wachsen und gleichzeitig Energie einsparen. Die Realisierung dieser Potenziale erfordert jedoch Regulierung, Förderprogramme und politische Unterstützung. Ein ganzheitlicher Ansatz und die Zusammenarbeit von Wirtschaft, Politik und Forschung ermöglichen den Weg zur Klimaneutralität.

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