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Display-Obsoleszenz in der Praxis Wenn Displays reif für die Rente sind

30.06.2017

Röhrenfernseher, Videoplayer, Walkman – was früher einmal als Spitzentechnologie galt, weckt heute Nostalgie. Denn wenn das Alter seine Spuren hinterlässt, werden viele Geräte obsolet. Was das für Displays von Industrie-PCs bedeutet, zeigen Beispiele aus der Praxis.

Beim Thema Obsoleszenz denken viele Menschen sicher als erstes an Geräte oder ganze Unternehmen, die irgendwann einfach nicht mehr in Mode waren. Andere denken an Unternehmen, denen nachgesagt wird, die sogenannte gesteuerte Obsoleszenz perfektioniert zu haben: Teile und Komponenten überleben gerade einmal den Zeitraum der Gewährleistung – ob zufällig oder gewollt – und gehen dann kaputt. Wieder andere stellt Obsoleszenz vor die Frage, wie in Geräten verbaute Komponenten verfügbar bleiben können, deren Einsatz auf mehrere Jahre ausgelegt ist.

Tatsächlich bedeutet Obsoleszenz all das und noch viel mehr: Auch Änderungen von Zulassungen, ein­zu­haltende Prüfungen und Spezifikationen oder Recycling spielen im Zusammenhang mit Obsoles­zenz eine Rolle. Welche Probleme für das Obsoleszenz-Management auftreten können, zeigen Beispiele aus der
Praxis. Zunächst ist jedoch festzuhalten, dass der Ersatz oder das Recycling eines Produkts umso kritischer werden, je älter das Produkt ist und je länger es auf dem Markt war.

Nicht immer gilt das Obsoleszenz­problem dabei für komplette Geräte. Schwierigkeiten entstehen auch dann, wenn beispielsweise eine Komponente nicht mehr bezogen werden kann, weil es seinen Hersteller nicht mehr gibt. Noch schwieriger wird es, wenn das Device sich auch noch mitten im Lebenszyklus befindet. Der Ersatz muss dann innerhalb einer etwaig erteilten Zulassung oder Spezifi­kation erfolgen und typischerweise auch im Rahmen des Budgets liegen.

Doch auch wenn der Hersteller einer Komponente noch am Markt ist, besteht keine Garantie für einen Ersatz: Nicht immer sind Hersteller auch Eigentümer der Herstellwerkzeuge und können die Komponente in diesem Fall nicht nachproduzieren lassen. Hersteller können sich auch nicht darauf verlassen, dass ein anderer Produzent ähnlicher Komponenten alle Produkteigenschaften übernimmt und die betroffene Komponente äquivalent weiter­produziert. Entsprechend werden bei Obsoleszenzproblemen dieser Art häufig entweder vorhandene Restbestände gekauft oder funktionsfähige Teile aus nicht funktionsfähigen Produkten oder Kom­ponenten innerhalb von Zulassung und Spezifikation recycelt.

Obsoleszenz vor der Nutzung

Für die meisten Industrie-Displays, die für den Einsatz in Investitionsgütern geplant sind, gilt die Pflicht einer behördlichen Zulassung für die Nutzung solcher Investitionsgüter. Eine Prozedur, die typischer­weise über ein Jahr dauert. In der Avionik oder der Schifffahrt dauern solche Zulassungen häufig sogar noch länger und auch bei zentralen Steuereinheiten, wie sie etwa im öffentlichen Nah- und Fernverkehr oder in Kraftwerken zum Einsatz kommen, sind Zulassungsperioden über mehrere Jahre keine Seltenheit.

Trotzdem müssen auch bei laufender Zulassungsprozedur Materiallisten nach bestimmten Vorgaben verabschiedet, das Design entworfen und Geräte zusammengesetzt werden. Verschiedene elektronische Komponenten müssen also zu einem Zeitpunkt aufgebaut werden, an dem noch nicht feststeht, ab wann sie tatsächlich im Feld stehen und welche Betriebsdauer sie wirklich absolvieren müssen. Nachdem auch das Budget meist noch nicht zu- und aufgeteilt ist, werden in der Regel Komponenten ausgewählt, die aktuell günstig zur Verfügung stehen, typischerweise aber nicht zwingend langlebig sind.

Gerade Displays entwickeln sich schnell weiter und sind deshalb oft nur für kurze Zeit in einer bestimmten Variante erhältlich. Mit veränderten, aktualisierten oder verbesserten Eigenschaften der Devices ändern sich häufig auch die Voraus­setzungen für die Zulassungen und den Verbau. Allerdings wird im Rahmen der Projektphase ein Plan darüber erstellt, welche Komponenten und Größen nötig sind, beispielsweise die Art der Stecker, die Höhe der Wärmelast oder die Art der Energieversorgung. Wenn dann die Projektierungszeit länger dauert als die Halbwertszeit der Komponenten, entsteht zwangsläufig ein Obsoleszenzproblem – noch bevor die ausgewählten Displays überhaupt zum Einsatz kommen können.

Aus diesem Grund sind beispielsweise Bahnbetreiber nicht immer an allen Verzögerungen selbst schuld: Manche Komponenten für Displays im Bahnbetrieb waren noch nicht offiziell zugelassen, bevor sie bereits nicht mehr verfügbar waren. Zu schnell ändert sich die Verfügbarkeit durch Marktanpassung, sodass immer wieder neue, adaptierte Lösungen gefunden werden müssen.

Ein weiteres Beispiel sind elektronische Mautsysteme. Abseits politischer Diskussionen über die Anlagen, waren diese damals aus technischer Sicht durchaus sinnvoll geplant. Als aus Planung, politischer Einigung und Bereitschaft zur Umsetzung dann die ersten Schritte folgen sollten, hatten sich manche Teile und Technologien weiterentwickelt. Zum Zeitpunkt der Planung war nicht zu hundert Prozent klar, welche Funktion die Geräte genau erfüllen sollen und welche Zulassungshürden für den Betrieb im öffentlichen Raum zu nehmen waren. Das hatte zur Folge, dass die Komponenten bereits nicht mehr sinnvoll beschafft werden konnten, noch bevor sie jemals im Feld waren.

Obsoleszenz während der Nutzung

Ein anderes Problem entsteht für Indus­triesteuerungen mit Displays, die in langlebigen Investitionsgütern mechanisch extrem stabil oder geschützt verbaut werden. Typische Beispiele für solche
Displays finden sich in Baukränen, Lokomotiven und großen Arbeitsmaschinen. Durch die technischen respektive mechanisch vorgegebenen Maße sind künftige Änderungen an Displays schon von vornherein nahezu unmöglich. Neuteile sind nur in wenigen Ausnahmenfällen in die bis zu 20 Jahre alten, metallischen Rahmen anpassbar.

Deshalb sollte die vorhergehende Planung entsprechend ausgelegt werden: Entweder müssen künftige Adapter berücksichtigt werden oder die Form des Rahmens muss flexibel genug sein, was zwangsläufig höhere Kosten verursacht. Eine andere Lösung kann eine hohe Bevorratung im Zusammenhang mit einer Langezeitlagerung sein. Allerdings kann kaum ein Hersteller garantieren, dass er die heute benötigten Komponenten in
20 Jahren überhaupt noch herstellt oder auf Lager hält.

Zwar zeigen einige Displays beispielsweise in Flugzeugen, dass ihre Nutzungsbetriebsdauer auf 20 bis 30 Jahre ausgelegt werden kann. Ermüdungserscheinungen und Altersschwäche sind für Komponenten in diesem Zeitraum dennoch wahrscheinlich. Dürfen dann aber im Rahmen der Zulassung keine neuartigen Komponenten integriert werden, müssen gleichartige herkömmliche Komponenten verbaut werden.

Wenn diese nicht mehr hergestellt werden, etwa weil die Stückzahlen nicht mehr benötigt wurden, entsteht ein weiteres Obsoleszenzproblem: Nutzer müssen einen Spezialisten ausfindig machen, der nach den alten Spielregeln ein neues Teil herstellen kann oder einen Dienstleister finden, der aus mehreren alten Komponenten ein funktionsfähiges zusammenstellt respektive recycelt.

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  • Bahn zu spät? Der Grund sind oft hoffnungslos veraltete Displays, die erst eine Zulassung erhalten haben, als sie schon nicht mehr am Markt verfügbar waren.

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