publish-industry Verlag GmbH SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG T-Systems Multimedia Solutions GmbH Turck – Hans Turck GmbH & Co. KG

Diskussionsteilnehmer (von links nach rechts): Ulrike Volejnik, Geschäftsbereichsleiterin bei T-Systems Multimedia Solutions; Christian Fischbach, Head of Value Manufacturing beim publish-industry Verlag; Claus Wieder, Leiter Marktmanagement bei SEW-Eurodrive; Dieter Conzelmann, Director Industry Solutions bei Bizerba Busch; Filiz Elmas, Senior Innovationsmanagerin bei DIN Deutsches Institut für Normen; Dr. Stefan Weisgerber, Leiter digitale Technologien bei DIN; Christoph Gusenleitner, Executive Vice President bei Belden; Peter Klingenburg, Geschäftsführer bei T-Systems Multimedia Solutions; Kilian Müller,
Founder & CEO, publish industry-Verlag (rechts oben).

Bild: Michael Jungblut

Roundtable Zukunftsszenarien Industrie 4.0 - wohin geht die Reise?

13.12.2016

Verbrauchsmaterialien steuern die Produktion, Produktionsanlagen gibt es kostenlos, aber Daten kosten Geld, deren Benutzung kostet Geld – Führungskräfte deutscher Industrieunternehmen haben eine Zukunftsperspektive, wie man Sie oft nur Start-Ups aus dem Silicon Valley zutraut. Im Gespräch mit A&D sehen sie aber auch große Herausforderungen auf dem Weg dorthin.

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Was verstehen Sie für sich und Ihr Unternehmen unter dem Trendthema Industrie 4.0?

Christoph Gusenleitner:

Für Belden gibt es da bei der Produktion zwei Gesichtspunkte. Zum einen sind wir als Infrastrukturanbieter von Kommunikations- und Steuerungsdaten im industriellen Umfeld gefordert, den Einsatz neuer Geschäftsmodelle und vernetzter Anwendungen in der Fertigung bei unseren Kunden zu ermöglichen. Unsere Aufgabe ist es, produktionsrelevante Daten entlang der Wertschöpfungskette möglichst dezentral und lückenlos zur Verfügung zu stellen. Zum anderen setzen wir Industrie 4.0 Applikationen konsequent in unserer eigenen Fertigung um. Dabei ist für uns die Realisierung der flexiblen Automation wichtig – also die Generierung von Produktivitätsvorteilen und von Losgröße 1, wo es sinnvoll erscheint.

Claus Wieder:

Industrie 4.0 ist bei SEW-Eurodrive erst einmal auf die Smart Factory ausgerichtet, auf den Eigennutzen für Anwender. Wir erproben solche Prozessabläufe, um Erfahrungswerte zu erhalten und Know-how aufzubauen. Prozessabläufe müssen in erster Linie optimiert und schlank sein. Der zweite Weg läuft über das Smart Product. Ein solches kann in Industrie 4.0 eingebettet werden. Immer mehr dazu kommt die Software. Informationen werden extrahiert, aber auswerten muss man sie dann noch in den nachfolgenden Prozessen. Ohne sich viel mit einem Gerät auseinanderzusetzen, soll man anhand der Auswertungen erkennen, ob etwa ungewollte Betriebsdatenänderungen vorhanden sind.

Dieter Conzelmann:

Das ist der Gedanke, die bisherige Philosophie vielleicht sogar auf den Kopf zu stellen, so dass das Verbrauchsmaterial die Produktion steuert. In der Vernetzung vom Lieferanten und Integrator bis hin zum Endkunden sehe ich viele neue Geschäftsmodelle und technische Lösungen, die viele Dinge planbarer machen.

Müsste es für die Industrie 4.0 ein einheitliches Label geben und wenn ja, wer kann dieses durchsetzen?

Wieder:

Auf der diesjährigen SPS IPC Drives wird es etliche Hersteller geben, die mit Industrie-4.0-ready werben. Es ist an der Zeit, dass zumindest eine einheitliche Klassifizierung für Industrie 4.0-Kompatibilität entsteht. Abgesehen von den Standardkomponenten gibt es weitere, die man dem Endanwender entgegenbringen kann. Für ein Label wird es vom ZVEI Empfehlungen geben. Wenn da dann „ready“ drauf steht, weiß der Anwender, wichtige Basisfunktionalitäten sind garantiert.

Conzelmann:

Es gab schon so viele Labels in der Industrie, und die werden meist einfach von anderen Ländern ohne Rücksicht kopiert. Schnittstellen sind sicherlich ein Thema, aber Industrie 4.0 zu einem zertifizierten Label zu machen ist sogar gefährlich. Damit würde man die Offenheit aus der Hand geben und das Gedankengut einschränken.

Wieder:

Beim Thema Standardisieren gibt es Muss-Größen, die einheitlich sein müssen; daneben auch Kann-Größen und Freiheitsgrade. Das heißt, jeder Hersteller kann seine individuelle Linie hineinbringen. Jeder Hersteller hat besondere Fähigkeiten in einem Gerät oder System, und mit solchen Alleinstellungsmerkmalen ist man nicht direkt austauschbar.

Gusenleitner:

Wir sehen bereits in der weltweiten Fülle verschiedenster Industrie 4.0 Gremien wie schwer es fällt, nationale und internationale Definitionen und Standards festzulegen. Wichtig wären weitere Schritte zur Harmonisierung im Produktionsumfeld. Positive Beispiele sind etwa die Open Platform Communications OPC UA für die Kommunikation oder Time Sensitive Networks für Echtzeitanwendungen. Wir sind überzeugt, dass proprietäre Systeme die Weiterentwicklung und die Ausschöpfung des Potenzials der Automatisierungstechnik behindern.

Welche neuen Geschäftsmodelle entstehen in der Industrie 4.0?

Wieder:

Durch die Digitalisierung und Vernetzung der Produktionsanlagen wird es möglich sein, Prozessabläufe optimal zu steuern und Betriebsdaten kontinuierlich zu empfangen und auszuwerten. Diese Anwendervorteile werden vorrangig durch Softwarelösungen ermöglicht und bieten neben weiteren Dienstleistungsangeboten die Basis für neue Geschäftsmodelle.

Peter Klingenburg:

Pay-for-Use wäre erst einmal nur ein Verrechnungsmodell. Auch hier kann man sich die Software anschauen. Die Entwicklung ist vielleicht flexibler, fällt aber wohl kaum billiger aus, da am Ende refinanziert werden muss. Dennoch ist das ein riesiges Sparmoment für die Softwarehersteller, da sie im Gegensatz zum On-Premise-Modell nur noch eine Version pflegen müssen. Alte Versionen wie Windows98 werden nicht mehr supportet. Salesforce wartet hingegen mit einer einzigen Version. Wenn ich mir außerdem vorstelle, ein Waagenhersteller wie Bizerba verkauft keine Waagen mehr. Dafür gibt er das Versprechen, dass, solange ein Supermarkt geöffnet hat, eine Waage zur Verfügung steht. Und für jeden Wiegevorgang erhält er zwei Cent. So oder so ähnlich sähe dieses Modell aus. Wenn die Instandhaltung eines veralteten Modells zu teuer wird, tauschen sie es gegen ein neueres aus. Sie haben das Wiegen als Feature versprochen, nicht ein bestimmtes Modell.

Welche Rolle spielen Daten im Geschäftsmodell der Zukunft?

Conzelmann:

Daten sind das neue Gold der Wirtschaft. Wer sie im Griff hat und daraus Prozesse ableiten kann, ist immer einen Schritt voraus. Es ist doch so, dass viele Geschäftsmodelle aus Zufallstreffern entstehen, künftig kann ich das aber steuern.

Klingenburg:

Daten gehen nicht einfach weg, ich kann sie weitergeben und trotzdem selbst behalten. Man könnte sie selbst nutzen, aber auch seinem Zulieferer geben, damit der seine Produktverbesserung durchführen kann. Es gibt Unternehmen, die stellen ihren Nutzern Dienste umsonst zur Verfügung, die Googles und Facebooks dieser Welt. Bei der Nutzung durch Abermillionen von Usern entstehen Daten, für die es nach hinten ein Vermarktungsmodell gibt.

Gusenleitner:

Daten spielen die entscheidende Rolle bei der Generierung zusätzlicher Kundenvorteile. Dabei wird das Datenvolumen sicher signifikant steigen. Unser Fokus liegt auf der Bereitstellung und damit der Voraussetzung zur Nutzbarmachung von Daten. An den Daten selbst haben wir als Infrastrukturanbieter kein Interesse und überlassen sie dem Kunden und deren bevorzugten Analytics-Partnern.

Aus der Zukunft in fünf Jahren zurückgeschaut: Was wird die einschneidendste Veränderung gewesen sein, die die Industrie 4.0 mit sich gebracht hat?

Wieder:

Ich denke, die intelligente Produktion wird einen entscheidenden Schritt weiter sein. Die Vernetzung wird etwa 80 Prozent betragen, und Prozesse und Digitalisierung müssen Hand in Hand gehen. Smart Products kommen, auf Komponenten-Ebene wird Standardisierung ein Muss ein.

Filiz Elmas:

Ich glaube, wir werden es mit einer agileren Standardisierung zu tun haben, bei der etablierte Normungsinstitute zunehmend unter Einbindung und Beteiligung von Foren und Konsortien Normen und Standards erarbeiten. Nur so können wir eine übergreifende, verzahnte Bearbeitung der Normungs- und Standardisierungsthemen gewährleisten und damit den Anforderungen von Industrie 4.0 gerecht werden.

Ulrike Volejnik:

Aus Sicht eines IT-Dienstleisters ist es spannend, dass die Entwicklung weg von der Lieferung von Software oder Beratung hin zum Enablen der Digitalisierung bei unserem Kunden geht. Analytics ist ein Bindeglied. Für uns entsteht auch ein neuer Wettbewerb, da Unternehmen das Thema Industrie 4.0 selbst aufbauen. Spannend ist auch die Frage, wie viel Mensch-Maschinen-Kombination es geben wird, in welchen Bereichen der Mensch vielleicht nicht mehr gebraucht wird.

Conzelmann:

Die Menschen werden sich immer mehr mit Maschinen vernetzen. Es wird noch ein langer Weg sein bis die Maschine als Geschäftspartner akzeptiert ist und Maschinen selbstständig Aufträge vergeben können. Da gibt es noch sehr viele Fragestellungen, von der Datensicherheit bis zum Vertragswesen.

Gusenleitner:

Auf der Produktivität wird in absehbarer Zeit sicher der stärkste Fokus liegen. Einzelne Geschäftsmodelle, die messbare Produktivitätssteigerungen ermöglichen, werden sich meiner Ansicht nach am schnellsten am Markt durchsetzen. Bei Modellen, die auf Individualisierung der Produktion abzielen, sieht die Entwicklungsgeschwindigkeit womöglich stark differenziert aus. Trends zur Individualisierung von Leistungen und Produkten müssen sich auch beim Endkunden zunächst durchsetzen. Hier gibt es sicher Branchen, die schneller als andere voranschreiten. Bis eine breite Akzeptanz neuer Geschäftsmodelle und durchschlagende Fortschritte quer durch alle Industrien zu sehen sind, werden noch mehr als fünf Jahre vergehen. Aber ich glaube, der Zug hat den Bahnhof verlassen.

Bildergalerie

  • Christoph Gusenleitner, Executive Vice President, Belden:
    „Proprietäre Systeme behindern die Weiterentwicklung und die Ausschöpfung des Potenzials der Automatisierungstechnik.“

    Bild: Michael Jungblut

  • Claus Wieder, Leiter Marktmanagement, SEW-Eurodrive:
    „Durch Vernetzung der Produktionsanlagen wird es möglich, Prozessabläufe optimal zu steuern und Betriebsdaten kontinuierlich auszuwerten.“

    Bild: Michael Jungblut

  • Peter Klingenburg, Geschäftsführer,
    T-Systems Multimedia Solutions:
    „Pay-per-Use ist ein Sparmoment für Softwarehersteller, da sie im Gegensatz zum On-Premise-Modell nur noch eine Version pflegen müssen.“

    Bild: Michael Jungblut

  • Dieter Conzelmann, Director Industry Solutions, Bizerba Busch:
    „Daten sind das neue Gold der Wirtschaft. Wer sie im Griff hat, ist immer einen Schritt voraus.“

    Bild: Michael Jungblut

  • Ulrike Volejnik, Geschäftsbereichsleiterin, T-Systems Multimedia Solutions:
    „Spannend ist die Frage, wie viel Mensch-Maschinen-Kombination es geben wird.“

    Bild: Michael Jungblut

  • Filiz Elmas, Senior Innovationsmanagerin, DIN Deutsches Institut für Normen:
    „Wir werden es mit einer agileren Standardisierung zu tun haben.“

    Bild: Michael Jungblut

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