Die Deutschen betrachten neue Technologien mit gemischten Gefühlen.

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TechnikRadar 2018 Das denkt Deutschland über Technik

30.05.2018

Eine Mehrheit der Deutschen ist überzeugt, dass sich technischer Fortschritt nicht aufhalten lässt, trotzdem geht nur rund ein Viertel davon aus, dass neue Technologien mehr Probleme lösen als sie schaffen. Das neue TechnikRadar der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatec) und der Körber-Stiftung hat die Einstellungen der Deutschen zu technologischen Entwicklungen untersucht. Dabei ist das jetzt vorliegende Ergebnis durchaus ambivalent.

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In Deutschland sind 89,5 Prozent der Bevölkerung davon überzeugt, dass sich der technische Fortschritt nicht aufhalten lässt. 60,2 Prozent gehen davon aus, dass mit der Entwicklung zunehmend Zwänge für den Einzelnen entstehen. Das zeigt das TechnikRadar 2018, die wissenschaftliche Auswertung einer repräsentativen Befragung von Acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und Körber-Stiftung. Wenngleich der Wandel nach Meinung fast aller Deutschen nicht gestoppt werden kann, fordern 68,7 Prozent, dass die Bürgerinnen und Bürger über die Zukunft umstrittener Techniken mitbestimmen dürfen.

Was das Potenzial von Technik als Problemlöser angeht, sind die Deutschen skeptisch: Nur 24,6 Prozent gehen davon aus, dass sie mehr Probleme löst als sie schafft. Etwa ein Drittel (32,9 Prozent) erwartet, dass Herausforderungen wie Hunger, Armut und Klimawandel mit technischer Hilfe gelöst werden können. Wenn es um den Nutzen von Technik geht, denken die Befragten zuerst an die Gesellschaft. So sagt mit 73,7 Prozent eine deutliche Mehrheit, dass Technik mit gesellschaftlichen Werten wie Umweltschutz und Gerechtigkeit im Einklang stehen soll. Knapp ein Viertel (24,9 Prozent) findet technische Neuerungen nur dann gut, wenn sich daraus persönliche Vorteile ergeben.

Auch wenn die Deutschen skeptisch sind, sehen sie durchaus positive Aspekte. „Unter allen Befragten rechnet fast jeder Zweite – und darunter Männer mehr als Frauen – damit, dass Technik die Lebensqualität für nachfolgende Generationen verbessern wird“, sagt die wissenschaftliche Projektleiterin Cordula Kropp, Soziologin am Zentrum für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung der Universität Stuttgart. „Geht es um konkrete Technologien, denken die Deutschen differenziert. Beim Einsatz von Robotern zur Entlastung von Pflegepersonal sind die Erwartungen zurückhaltend, bei der Nutzung erneuerbarer Energien zur Bekämpfung der globalen Erwärmung deutlich positiver“, so Cordula Kropp weiter.

Kontrollverlust durch digitale Technologien

Die Digitalisierung und ihre Folgen betrachten die Deutschen mit gemischten Gefühlen: Sie erwarten zum Beispiel mehrheitlich einen Komfortgewinn (54,5 Prozent), befürchten jedoch ebenso, die Hoheit über ihre eigenen Daten zu verlieren (60,6 Prozent) - ein Wert, der gerade im Kontext der aktuellen Diskussion über die DSGVO durchaus interessant ist.

Mit 80,8 Prozent rechnet eine große Mehrheit damit, dass Pflegebedürftige durch den Einsatz von Pflegerobotern weniger menschliche Zuwendung erhalten. 52,9 Prozent befürchten, dass sich dadurch künftig nur noch Wohlhabende von Menschen pflegen lassen können. Noch skeptischer sind die Deutschen beim autonomen Fahren. Nur 18 Prozent stufen selbstfahrende Fahrzeuge als zuverlässig ein. Unter denjenigen, die selbst Auto fahren, sind gerade mal 16,2 Prozent bereit, die Verantwortung vollständig an das Fahrzeug abzugeben. Eine große Mehrheit (67,4 Prozent) fürchtet, dass Hacker Unfälle verursachen könnten. Ähnlich ist die Sorge bei Smart-Home-Technologien: Hier befürchten 67,9 Prozent, dass Internetkriminelle die Wohnung kontrollieren könnten. Nur 8,1 Prozent der Befragten nutzt Lösungen für das intelligente Zuhause.

Smarte Stromnetze bieten ganz neue Chancen im Zuge der Energiewende, bedingen aber auch andere Schutzmaßnahmen. Das TechnikRadar fragt daher nach der Verantwortlichkeit dafür, die Stromnetze adäquat vor Angriffen aus dem Internet zu sichern und zeigt eine „deutliche Lücke zwischen Verantwortung und Leistung“. Während beispielsweise 70,9 Prozent Die Stromversorger für „eher“ oder „voll und ganz“ dafür in der Verantwortung sieht, bewerten gerade einmal 34,9 Prozent die Schutzleistung als “eher“ oder „sehr gut“. Dabei ergab eine im November letzten Jahres veröffentlichte sozialwissenschaftliche Studie des Potsdamer Instituts für transformative Nachhaltigkeit (IASS), dass mit 88 Prozent eine große Mehrheit der Deutschen die Energiewende befürwortet.

Im Mittelpunkt steht die soziale Einbettung von Technik

„Nicht Technik an sich steht für die Deutschen im Mittelpunkt des Interesses, sondern ihre soziale Einbettung – die Ziele, die mit ihr angestrebt werden ebenso wie die Folgen ihres Einsatzes. Zu dieser dringend notwendigen Debatte um den Stellenwert, die Gestaltung und die Regulierung technischer Innovationen will das TechnikRadar zukünftig beitragen“, sagt Lothar Dittmer, Vorstandsvorsitzender der Körber-Stiftung. „Unser jährliches Monitoring haben wir bewusst als langfristiges Frühwarnsystem angelegt, um Fehlentwicklungen des technologischen Wandels rechtzeitig erkennbar zu machen. Im Idealfall unterstützen wir Innovationsprozesse so, dass Produkte und Technologien im Einklang mit den Erwartungen derer stehen, die sie nutzen oder von ihnen betroffen sind“, ergänzt Projektleiter Ortwin Renn, Acatech Präsidiumsmitglied und wissenschaftlicher Direktor des IASS Potsdam.

Eine ähnliche Ambivalenz wie das TechnikRadar vermittelte Anfang des Jahres der aktuelle D21-Index, in dem 32 Prozent der Befragten angaben, „dass sie die Dynamik und Komplexität der Digitalisierung überfordere“. Der Index ordnete außerdem zwar 34 Prozent der Deutschen als „digitale Vorreiter“ ein, identifizierte aber auch ganze 16 Millionen Mensch als „digital abseits stehend“. Und auch die deutsche Industrie zeigte sich bisher neuen Technologien gegenüber teilweise durchaus skeptisch: Im Industrie 4.0-Index der Unternehmensberatung Staufen erklärten drei Viertel der Unternehmen, von Predictive Maintenance nicht überzeugt zu sein.

Das TechnikRadar kommt zu dem Fazit, dass „die zukünftige Akzeptabilität des Einsatzes von Technik, und gerade die Digitalisierung“ davon abhängen wird „ob es zum einen gelingt, technischen Entwicklungen eine gesellschaftliche erwünschte Richtung zu geben und zum anderen, die Sicherheitsbedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen...“. Eine erfolgreiche und sichere Energiewende könnte ein Beispiel für eine solche Entwicklung sein.

Über das TechnikRadar

Grundlage des TechnikRadars von Acatech und Körber-Stiftung ist eine regelmäßige, bundesweit repräsentative Befragung, die nach sozialwissenschaftlichen Standards entwickelt und mit den Mitteln der empirischen Sozialforschung ausgewertet wird. Erstellt wird es vom Zentrum für interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung der Universität Stuttgart (ZIRIUS). 2018 wurden 2002 Personen befragt, Schwerpunktthema war Digitalisierung. Die repräsentative Studie soll von nun an regelmäßig durchgeführt werden und mögliche Fehlentwicklungen des technologischen Wandels sichtbar machen.

Nach Material von Acatech: http://www.acatech.de/de/aktuelles-presse/presseinformationen-news/news-detail/artikel/neue-studie-zeigt-was-die-deutschen-ueber-technik-denken.html

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