„Kunden können ihre Software­Applikation ohne Anpassung beliebig zwischen unseren Antrieben und Steuerungen übertragen, egal ob in einer zentralen oder dezentralen Topologie“, sagt Dr. Thomas Cord, Geschäftsführer von Lenze Automation

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Interview mit Dr. Thomas Cord, Lenze „Weg mit Systembrüchen!"

24.05.2017

Die Frage, ob modulare Maschinen zentral oder dezentral gesteuert werden, stellt sich nicht. Wichtig ist ein durchgängiges Automatisierungskonzept, bei dem sich sowohl Software- als auch Hardware-Module flexibel und unabhängig voneinander verwenden lassen, wie​ 
Dr. Thomas Cord, Geschäftsführer von Lenze Automation, im Gespräch mit A&D erläutert.

A&D:

Ist die Zeit zentraler Steuerungen bei modernen Maschinen vorbei?

Dr. Cord:

Nein, überhaupt nicht. Je nach Maschinentyp hat sowohl die zentrale als auch eine dezentrale Steuerungstopologie eine Bedeutung. Es hängt einzig und allein von der Maschinenaufgabe ab. Wir bieten beide Topologie-Varianten aus einem Guss, sodass der Maschinenbauer für seine Aufgabe das ideale System verwenden kann.

Heißt das, mit Lenze-Lösungen lässt sich sehr einfach von zentraler auf dezentrale Topologie wechseln?

Mit einer einfachen Migration zwischen beiden Konzepten differenzieren wir uns. So kann der Maschinenbauer auch die beiden Topologie-Varianten in seinen Maschinen mischen. Beispielsweise ist es vorstellbar, dass die Kernmaschine mit einer zentralen, die Materialzufuhr hingegen mit einer dezentralen Steuerung bedient wird. Die Materialzufuhr ist somit ein wirklich autarkes Modul, das alle Funktionen in sich hat und mit der Kernmaschine kombiniert werden kann und das ohne Anpassung der Software. Der Maschinenbauer hat ebenso die Möglichkeit, eine Funktionseinheit heute mit einer dezentralen Steuerung zu automatisieren und morgen mit einer zentralen. Das sind die Schlüssel für Effizienz im Engineering.

Das funktioniert doch nur, wenn die Applikationssoftware völlig unabhängig von der Steuerungs-Hardware ist?

Ja, das ist der Kernpunkt! Letztendlich geht es im Maschinenbau um Kosten und Zeitaufwand beim Engineering. Denken Sie auch an Ressourcenmangel, den unsere Kunden oftmals beklagen. Demnach ist es wichtig, dass Software, die einmal entwickelt wurde, ganz einfach über die Grenzen beider Topologien hinweg wiederverwendet werden kann. Genau das haben wir geschaffen. Unsere Kunden können ihre Software beliebig übertragen, von der zentralen in eine dezentrale Steuerung und umgekehrt, ohne Anpassungsaufwand.

Lenze hat frühzeitig die Modularisierung von Maschinen mit der Software-Lösung FAST unterstützt. Zieht jetzt die Hardware mit Maschinenmodulen nach?

Im Prinzip sehen Sie das genau richtig. Wir können eine Modularisierung einer Maschine heute im mechatronischen Sinn ganzheitlich lösen, in der Software durch FAST, aber auch im Schaltschrank, der dann wieder in autarke Einheiten zerlegt werden kann. Somit ergibt sich ein modulares mechatronisches System.

War das der Anstoß für die Entwicklung des neuen Servoantriebs i900 mit integrierter Steuerung?

Der Servoantrieb i900 eignet sich perfekt für dezentral gesteuerte Maschinenmodule. Wir müssen bei der Modularisierung aber auch das Engineering vereinfachen. Mit dem i900 kann nun auch unsere dezentrale Antriebslösung jede Applikation aus unserer FAST-Toolbox verwenden. Der Maschinenbauer realisiert also eine bestimmte Funktion wie Fliegende Säge oder Abwicklung einmal und kann sie in jeder Steuerung und Topologie beliebig wiederverwenden.

Bis zu welcher Achsenanzahl lohnt sich eigentlich ein modularer Ansatz?

Die Achsenanzahl allein ist es nicht, die Maschinenaufgabe entscheidet. Bei Robotern und Verpackungsmaschinen, bei denen synchronisierte Bewegungen realisiert werden müssen, liegt die Tendenz bei zentralen Steuerungen. In der Druckindustrie, in der die einzelnen Druckaggregate synchron laufen, lässt sich beispielsweise jedes Druckwerk einfacher dezentral aufzubauen. Hier kommt unsere Kernkompetenz zum Tragen, den Kunden schon in der Konzeptionsphase zu beraten und mit ihm genau diese Fragestellung zu diskutieren. Wir wissen, wo die Vor- und Nachteile jeweils liegen.

Ist der Servoantrieb i900 durch die integrierte Steuerung völlig flexibel in der Anwendung?

Absolut! Auf dem i900 laufen nicht nur unsere FAST-Module für Motion Control und Bewegungssynchronisationen, über IEC 61131-3 lassen sich beliebige SPS-Funktionalitäten programmieren.

Bleiben wir bei Flexibilität. Lenze treibt für Antriebe auch bei den Geberschnittstellen einen einheitlichen Standard voran. Was steckt dahinter?

Für die Übertragung von Gebersignalen in den Antrieb gibt es heute eine Vielzahl proprietärer Protokolle, aber keinen Standard. Wir haben uns jetzt mit anderen Antriebs- und Geberherstellern zusammengesetzt und überlegt, ob wir nicht einen Nutzen für unsere Kunden schaffen können, indem wir alle ein einheitliches Geberprotokoll implementieren. Die Gespräche laufen gerade auf Hochtouren. Lassen Sie sich überraschen. Ich hoffe, dass wir Ihnen auf der diesjährigen SPS IPC Drives in Nürnberg einen Standard präsentieren können. Lenze hat immer die Strategie verfolgt, dort, wo es Standards gibt, diese auch in ihrer Reinform umzusetzen. Am Ende ist es ein Kundennutzen, wenn sich auch Motoren anderer Hersteller ohne Anpassung einsetzen lassen.

Darum unterstützen Ihre Automatisierungskomponenten über Standards wie OPC UA oder MQTT auch etablierte Cloud-Lösungen?

Eine eigene Lenze-Cloud wäre nicht sinnvoll. Man muss das aus Sicht der Betreiber von Maschinen betrachten, die ihre eigene Infrastruktur definieren. Demnach ist es unser Ziel, diese am Markt verbreiteten Infrastrukturen in unsere Lösungen zu integrieren. Wir beschäftigen uns mit Microsoft Azure oder Siemens Mindsphere, um auch eine einfache Integrierbarkeit unserer Systeme zu gewährleisten.

Denken Sie auch über eigene Servicemodelle nach, die in diesen Infrastrukturen laufen?

Selbstverständlich! Lenze hat mit der Firma Logicline kürzlich ein Softwarehaus akquiriert, das genau solche Anwendungen macht. Demnach haben wir uns auch im Bereich der Applikationen für Industrie 4.0 verstärkt. Digital Services werden in der Lenze-Strategie eine immer größer werdende Bedeutung bekommen.

Und was macht Lenze derzeit besser als seine Konkurrenten?

Lenze fokussiert sich zu 100 Prozent auf die Maschinenautomatisierung. Und dieses Know-how, das wir seit vielen Jahren in unzähligen Projekten gesammelt haben, differenziert uns. Auf Basis dieser Anwendungserfahrung schaffen wir es, marktgerechte und innovative Automatisierungsprodukte zu entwickeln. Dabei bleibt der Fokus immer auf einfachem Engineering für die Kunden sowie die Unterstützung offener Standards, egal ob Geberschnittstellen, Feldbusse oder Kommunikation in die Cloud.

Wo liegt der Fokus von Lenze in der nächsten Zeit?

Es geht ganz klar in Richtung eines virtuellen Engineeringprozesses. Unser Ziel ist es, das Engineering unserer Kunden noch mehr zu vereinfachen, weil wir der festen Überzeugung sind, Maschinenbauern damit zu helfen, Kosten einzusparen und für eine schnellere Marktreife von Produkten zu sorgen.

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