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Bild: Hendrik Schmidt

Branchenreport Generika und Biosimilars Kopien als Milliardenmarkt

05.07.2017

Generika helfen mit, die Kostenexplosion im Gesundheitswesen zu bremsen. Nun laufen immer mehr Patente für Biopharmazeutika aus. Die hochkomplexen Medikamente waren bisher sichere Renditebringer. Ganz so leicht lassen sie sich allerdings nicht kopieren.

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Vor zehn Jahren wurden Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Pharmaunternehmen eingeführt. Seither müssen die Apotheken im Regelfall das Medikament ausgeben, über das die zuständige Krankenkasse einen solchen Vertrag geschlossen hat. Ist der Patentschutz für einen Wirkstoff abgelaufen, bekommt den Zuschlag sehr wahrscheinlich der Anbieter eines Nachahmerpräparats – er bietet meist den günstigsten Preis. Heute betreffen 77 Prozent aller Verschreibungen ein Generikum, bei Antibiotika sind es noch mehr. Die Kassen freut es: Nach Aussage von Dr. Christopher Hermann, dem Vorstandsvorsitzenden der AOK Baden-Württemberg, konnten auf diesem Weg im letzten Jahrzehnt 20 Milliarden Euro eingespart werden.

Zugleich wandelte sich der Markt: Zuvor unbekannte, spezialisierte Hersteller wie AAA und Bluefish boten Wirkstoffe zu niedrigeren Preisen an. Etablierte Generikahersteller wie Ratiopharm, Stada oder Hexal, die ein großes Portfolio an Medikamenten anbieten, gingen bei den Vereinbarungen nicht selten leer aus. Die Margen sanken – und das machte die Herstellung mancher Arzneien uninteressant. „Wenn die Rentabilität zu niedrig ist, wird ein Produkt auch nur von wenigen Firmen hergestellt“, so Axel Wunsch von der Barmer Krankenkasse. Die großen Generikahersteller richten deshalb den Fokus auf einen lukrativeren Markt: die Biosimilars.

Was sind Biosimilars?

Biosimilars sind Nachahmerpräparate von Biopharmazeutika – etwa Impfstoffen, monoklonalen Antikörpern, Hormonprodukten, Immunmodulatoren und Enzymen. Diese Arzneimittel, auch Biologika genannt, werden in lebenden Zellen hergestellt, die gentechnisch verändert wurden. Damit wird die Sache kompliziert: Bei klassischen Generika handelt es sich um chemisch-synthetische Wirkstoffe. Wie sie herzustellen sind, lässt sich mehr oder weniger leicht nachvollziehen. Um Biosimilars zu reproduzieren, muss man alle Details der erforderlichen Prozesse kennen. Und die halten die Originalhersteller auch nach Patentablauf geheim. Durch große Fortschritte in der Analysetechnik ist es aber inzwischen möglich, die hochkomplexen Eiweißmoleküle so aufzuschlüsseln, dass sich Spezifikationen aufstellen lassen. Danach wird ein Herstellungsprozess entwickelt, an dessen Ende ein sehr ähnliches Molekül steht. Ziel ist ein Medikament, das in Wirkung, Dosierung und Sicherheit dem Original entspricht. Dennoch handelt es sich nicht um eine exakte Kopie. Das wäre allerdings auch gar nicht möglich: Selbst beim Original unterscheiden sich einzelne Produktionschargen in Details der Struktur.

Die Zulassung eines Biosimilars ist deshalb erheblich aufwendiger als bei einem Generikum. Bevor 2006 das erste Biosimilar in Europa auf den Markt kommen konnte, musste erst ein neues Prüfverfahren ausgearbeitet werden. Der Hersteller liefert dazu ein Bündel an Daten, das von der EMA (European Medicines Agency) in London geprüft wird. Darüber hinaus verfügt die Behörde über zusätzliche Informationen – anders als das antragstellende Unternehmen hat die EMA auch Einblick in die Unterlagen, die zur Zulassung des Originals nötig waren. Zudem werden die Produktionsstätten überprüft. Ist das Verfahren abgeschlossen, erteilt die Europäische Kommission die europaweite Zulassung.

Scheitern ist teuer

Das Risiko eines Fehlschlags ist hoch. So zog Sandoz Ende Januar den Zulassungsantrag für ein Biosimilar des Krebsmedikaments Neulasta zurück, weil europäische und US-Behörden die eingereichten Daten bemängelten. Andere Hersteller hatten schwerwiegende Probleme mit der Durchführung von Testreihen bei Dienstleistern in Indien. Und auch wenn alles gut läuft, müssen lange Durststrecken überbrückt werden, bis sich die Arbeit auszahlt. Während kleine Firmen rasch in den Generikamarkt einsteigen können, sind der hohe Aufwand und die Kosten für die Entwicklung und Zulassung von Biosimilars schwerer zu stemmen. Das Frankfurter Unternehmen AMP Biosimilars etwa hatte einen vielversprechenden Start, steuerte dann aber um: von der Eigenentwicklung von Biosimilars hin zu Kooperationen beim Weiterführen fortgeschrittener Projekte. Formycon setzt dagegen darauf, Biosimilars bis zu einem bestimmten Punkt selbst zu entwickeln und dann an große Pharma- und Generikafirmen auszulizenzieren.

Biopharmazeutika sind lukrativ

Nur noch ein Viertel der derzeit verschriebenen Medikamente steht unter Patentschutz. Nicht zuletzt deshalb sind die Biologika für die Pharmaunternehmen wirtschaftlich besonders wichtig. Denn diese Medikamente werden immer häufiger verschrieben – und sie sind teuer: Sie verursachen heute über 20 Prozent der gesamten Arzneimittelkosten. Zu den Krankheiten, die mit Biopharmazeutika behandelt werden, gehören unter anderem Diabetes (Insulin lispro), Brustkrebs (Trastuzumab), Asthma (Omalizumab), Multiple Sklerose (Beta-Interferon) und Rheumatoide Arthritis (Etanercept).

Biosimilars sind billiger als die Originale. Durch die konsequente Verschreibung von Biosimilars könnten die gesetzlichen Krankenkassen in den nächsten fünf Jahren mehr als vier Milliarden Euro einsparen, heißt es im Barmer GEK Arzneimittelreport 2016 – die Barmer allein käme auf rund 500 Millionen. Die Kassen drängen deshalb auf einen vermehrten Einsatz, um dieses Potential auszuschöpfen. Ob es genutzt wird, unterscheidet sich derzeit sich je nach Medikament und Region. Bei Infliximab etwa (wird bei Autoimmunerkrankungen eingesetzt) liegt der Anteil der Biosimilars laut Inga Draeger von der Pro Biosimilars zwischen 13,4 und 50,5 Prozent. „Generell gilt, dass alle Biosimilars der neueren Generation, vor allem die monoklonalen Antikörper, immer noch ein großes Potenzial für Verordnungssteigerungen und damit Spareffekte haben“, sagte ein Sprecher der DAK.

Der Markt ist in Bewegung

Einsparungen bei den Krankenkassen bedeuten Umsatz­einbußen bei den Originalherstellern und Druck auf deren Preise – das kann man etwa den Geschäftsberichten von Roche und Novartis entnehmen. Folgerichtig sind auch große Pharmaunternehmen im Markt für Nachahmerprodukte aktiv. Die Novartis-Tochter Sandoz etwa stellt Generika und Biosimilars her (Hexal und Aeropharm sind deutsche Filialen). Sanofi erschließt sich mit einem Biosimilar von Insulin lispro soeben einen neuen lukrativen Markt. Bei Roche dagegen hat man sich entschieden, nicht ins Thema Biosimilars einzusteigen. Aktuell ist ein Konsolidierungsprozess zu beobachten. Nur einige Beispiele: Teva, der weltweite Marktführer im Bereich Generika (deutsche Tochter: Ratiopharm) schluckte das Generikageschäft von Allergan. Zudem baut Teva den Standort Ulm zu einem Biotech- und Technik-Zentrum aus und will dort Proteine und monoklonale Antikörper herstellen. Der Health-Konzern Fresenius kaufte nicht nur Mercks Biosimilarsparte, sondern übernahm auch den Generikahersteller Akorn. Sanofi will sich eventuell von seinem europäischen Generikageschäft trennen – Novartis hat Interesse. Um Stada entbrannte ein regelrechter Bieterkampf, den wohl die Finanzinvestoren Bain und Cinven für sich entschieden haben. Das Unternehmen setzt bei der „Entwicklung (…) auf die Kooperation mit erfahrenen Partnern“, so Patrick Schlebrowski, Director Global Biosimilars. Stada hat bereits zwei Biosimilars im Markt, fünf weitere einlizenziert.

Boom durch ablaufende Patente

Nach Informationen von Insight Health werden im Jahr 2017 die Patente für 31 pharmazeutische Substanzen frei. Der Umsatz damit belief sich im vergangenen Jahr auf 617 Millionen Euro. Davon entfielen mit knapp 240 Millionen Euro 39 Prozent auf sechs Biopharmazeutika. 2018 wird ein Boom an neuen Präparaten erwartet. Das ist jedoch nur der Anfang. „Vor allem ab 2020 werden zahlreiche biopharmazeutische Arzneimittel ihren Patentschutz verlieren. Damit tut sich ein enormes Marktpotenzial für Biosimilars auf“, sagt Thorsten Schüller, Kommunikationschef von Formycon. Bei den Krankenkassen erwartet man unter anderem mit Spannung den Patentablauf „von sehr umsatzstarken und wichtigen“ Krebsmedikamenten, so ein Sprecher der DAK.

Von diesem Wachstumsmarkt dürften auch Pharma- und Laborzulieferer profitieren, etwa der Göttinger Konzern Sartorius, der mit seinem Portfolio viele Aspekte der Produktionsprozesse abdeckt – von den Medien für die Anzucht der Zellen über Bioreaktoren und Filter bis zu Systemen für Lagerung und Transport.

Europa hat übrigens bisher bei der Zahl der Zulassungen die Nase vorn: Hier kam 2006 das erste Biosimilar auf den Markt. In den USA wurde erst 2010 mit Obamas Gesundheitsreform der Weg freigemacht. Der Brexit wird nun allerdings zum Problem: Wenn Großbritannien die EU verlässt, dürfte die EMA London verlassen. Vieles muss dann wohl neu organisiert werden, es droht ein Verlust von Personal und Know-how. Neuzulassungen könnten sich so möglicherweise verzögern – den Siegeszug der Biosimilars dürfte das jedoch nicht aufhalten.

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