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Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin in Nordrhein-Westfalen, beim Führungstreffen Energie
Energieversorgung & Energiewirtschaft

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Energieexperten hautnah

Text: Dr. Karlhorst Klotz, Katrin Alber, Sabrina Quente; Energy 2.0
Die E-World brummt, aber die großen Themen in den Messehallen fehlen. Orientierung in Zeiten politischer Neuorientierung verschaffen da Gespräche mit Experten und ein Blick auf die großen Linien zwischen den kleinen Messe-News.

Neuer Aussteller- und Besucherrekord auf der 14. Ausgabe der E-World in Essen: 620 Aussteller aus 25 Nationen zeigten ihre Produkte und Dienstleistungen (2013: 610 Aussteller aus 22 Ländern). Der dreitägige Branchen-Treff will europäische Leitmesse der Energie- und Wasserwirtschaft sein, doch stehen traditionell persönliche Gespräche und Kundenkontakte im Vordergrund. Zur Orientierung gebenden Auftakt-Veranstaltung entwickelt sich daher immer mehr das Führungstreffen Energie der Süddeutschen Zeitung am Vortag unweit des Messegeländes, das wichtige Sprecher aufbietet.

Führungstreffen Energie

Niemand in Berlin wolle einen Stopp der Energiewende, sagte etwa NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. In den Diskussionen über das EEG derzeit in Berlin gehe es aber darum, die Energiewende mit dem Netzausbau und den Anforderungen an die Versorgungssicherheit zu synchronisieren, so Kraft. Die Planbarkeit auch von Stromtrassen müsse verbessert werden. „Wer ernsthaft die Realisierung der Nord-Süd-Trasse bezweifelt, hat nicht verstanden, wie die Stromversorgung in Zukunft in Deutschland funktioniert“, sagte die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen mit Blick nach Bayern.

Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts, betonte die europäische Perspektive. Ohne Ausbau der Grenzkuppelstellen entstehen 28 Energiemärkte statt eines Binnenmarktes, warnte er. Mit Blick auf die Transformation des Energiesystems stellte er fest: „Wir sind Vorreiter, haben aber keine Nachahmer“. Grund seien die hohen Kosten und durch das EEG ausgelöste Fehlsteuerungen. Nötig ist daher laut Mundt die verpflichtende Direktvermarktung für erneuerbare Energien; Anbieter müssen Bilanzkreisverantwortung übernehmen und Lieferverpflichtungen nachkommen. Das würde wettbewerblich geprägte Anreize setzen, während er einen Kapazitätsmarkt als sehr tiefen Eingriff mit der Gefahr von Regulierungsversagen sieht – tauglich nur als Ultima Ratio. Besser sei ein stufenweises Vorgehen mit einer Marktintegration der erneuerbaren Energien im ersten Schritt, gefolgt von der Einführung einer strategischen Reserve.

„Moll ist die Tonart der Stunde“ schlug Dr. Frank Mastiaux, der Vorstandsvorsitzende der EnBW pessimistische Töne an, denn das klassische Kraftwerksgeschäft funktioniere nicht mehr. Er versprach jedoch in Anspielung auf den IBM-Retter Louis Gerstner und dessen Buch („Wer sagt, Elefanten können nicht tanzen“) den Energieversorger aus Baden-Württemberg in nicht allzu ferner Zukunft zum Tanzen zu bringen. Dazu sei es nötig, sein Haus zu „ent-konzernen“ und den Wandel vom Anlagenbetreiber zum Anbieter von Servicedienstleistungen zu vollziehen. „Vom Kunden zum Kraftwerk denken, nicht umgekehrt“, war das dazu passende Mantra, doch strategische Schritte, die über seit längerem beschlossenen strukturellen Wandel oder punktuelle Maßnahmen wie jüngst die Eröffnung der Dialogplattform www.dialog-energie-zukunft.de hinausgingen, wurden nicht sichtbar.

Eine der gefragtesten Expertinnen in Essen war Prof. Dr. Claudia Kemfert. Referierte sie beim SZ-Führungstreffen noch über die „wirtschaftlichen Chancen einer klugen Energiewende", stand die Abteilungsleiterin Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW und Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit der Hertie School of Governance Berlin tags darauf beim „Energy 2.0-Talk über Themen die bewegen“ am Stand von Wingas mitten im Messepublikum vor laufender Videokamera.

Fünf Experten in den Energy 2.0-Talks

„Die Energiewende hat momentan ein Image-Problem. Sie wird permanent schlechtgeredet“ klagte Prof. Kemfert im Energy 2.0-Talk während der E-World 2014. „Niemand redet von den Vorteilen und den Chancen, die die Energiewende bringen kann.“ Zur Einführung eines Kapazitätsmarktes, der das Bereithalten von Leistung belohnt, äußerte sie sich skeptisch. „Der Wunsch nach Kapazitätsmärkten kommt daher, dass wir im Moment sehr niedrige Börsenpreise haben“, so ihre Einschätzung. Das sei jedoch nach ihren Analysen ein temporäres Phänomen. Wenn Kraftwerke abgeschaltet werden, werde es zu Preisschwankungen kommen, so dass sich Gaskraftwerke wieder rentieren können. „Diese Preisschwankungen müssen wir zulassen“, so die Expertin. „Mit den Kapazitätsmärkten würde man diese Preisschwankungen herausnehmen.“

Deutliche Kritik an der Politik äußerte Hildegard Müller. Die Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung sagte im Rahmen der Energy 2.0-Talks: „Es gibt nach wie vor eine extrem hohe Zustimmung zur Energiewende, aber in der Umsetzung Defizite, die aber weniger der Branche angelastet werden.“ Erkennbar sei ein Mangel an politischen Entscheidungen, etwa bei der Preisverantwortung. Mit dem Koalitionsvertrag hat die Politik versucht, den Weg der Energiewende zu justieren. Es gebe aber immer noch viele Baustellen: „Wir heben die CO2-Potenziale im Wärmemarkt nicht und hier ist der Koalitionsvertrag auf ganzer Linie eine Enttäuschung.“ Aber nicht nur die Politik könne helfen, die Energiewende zu schaffen, auch die Branche ist gefragt. „Wir haben bereits 85 Prozent der Windenergie in der Direktvermarktung. Ich glaube, die Erneuerbaren können schrittweise diese Marktfähigkeit übernehmen“, so Müller. Zudem müsse man die Energiewende ganzheitlich denken. „Wir reden zu wenig über einzelne CO2-Vermeidungspotenziale und zu wenig über Gas“, gab Hildegard Müller zu bedenken, „wir sollten die Potenziale von Gas in anderen Bereichen heben und müssen uns die Frage stellen, wie wir moderne und effiziente Kraftwerke anreizen.“

Um „intelligenteres“ Heizen ging es in dem Gespräch mit Jürgen Stefan Kukuk, Geschäftsführer der ASUE. „Es gibt noch gewaltige Effizienzpotenziale beim Heizen und der Haustechnik, die bei weitem nicht ausgeschöpft sind. Beispielsweise ist es sowohl wirtschaftlich als auch von der CO2-Bilanz her hoch interessant, Strom und Wärme gemeinsam zu erzeugen.“ Auch Gewerbe- und Industriekunden müssen sich künftig mehr damit auseinandersetzen, wie sie effektiver heizen können. Grundlagen dafür gibt es schon, sie müssen nur noch genutzt werden, so Kukuk: „Es ist ein technologischer Sprung, dass man mit Abwärme kühlen kann und das sollte man in die Büroetagen und Gewerbebetriebe bringen.“ Auch Technologien, die noch nicht so verbreitet sind wie BHKW und KWK sollte künftig mehr Beachtung geschenkt werden: „Mit einer Gas-Wärme-Pumpe lässt sich die Effizienz einer Heizungszentrale im Keller um 25 Prozent heben.“

Dr. Timm Kehler, Sprecher der Geschäftsführung von Erdgas Mobil, stellten wir am zweiten Messetag die Frage, ob Erdgas als Kraftstoff eine Zukunft hat. Potenzial sei allemal vorhanden: „Der Verkehrssektor hat ein Gesamtmarktpotenzial von 700 Milliarden kWh und ist damit ähnlich groß wie der Wärmemarkt und der Industrieenergieverbrauch.“ Doch obwohl Absatzmengen und Potenziale vorhanden sind, erinnerte Kehler: „Wir müssen clevere Wege finden, um sie zu heben“, und wies gleichzeitig darauf hin: „Der Informationsstand rund um Erdgas als Kraftstoff ist verbesserungswürdig.“

Verbessern lässt sich auch der Informationsstand der Energieversorger hinsichtlich ihrer Kunden, wie Ralf Klöpfer, Mitglied des Vorstands von MVV Energie erklärte. „Im Massen­markt kennen viele Energieversorger ihre Kunden und ihre Bedürfnisse nicht“, beschrieb Klöpfer den Status quo und sagte voraus: „Es wird in Zukunft viel wichtiger, genau zu wissen, was welcher Kunde will und was er bereit ist, zu zahlen.“ Wo persönliche Kundenbeziehungen fehlen, sind neue Methoden gefragt: „Das Auswerten von Daten wird im Massenmarkt immer wichtiger.“ Dabei werde die Ansprache der Kunden immer komplexer: „Der Kunde will schon frühzeitig mit seinem Lieferanten interagieren und das ist intern eine ganz andere Art der Steuerung“, erklärte Klöpfer.

In Bezug auf Smart Metering äußerte sich Klöpfer eher verhalten: „Smart Metering allein ist kein Geschäftsmodell, sondern ein Baustein von etwas Größerem.“ Insgesamt drehe sich die Rolle der Energieversorger um: „Wenn der Kunde Teile der Wertschöpfung übernimmt, dann entstehen Dienstleistungsmöglichkeiten. Wir müssen das Know-how, das wir aus dem Kerngeschäft haben, in Dienstleistungen ummünzen.“

Smart Metering mit Ladehemmung

So dominierte denn auch dieses Jahr in den Messehallen Ladehemmung das Thema Smart Metering. Zwar zeigte die Kooperation aus Gateway-Lieferant Dr. Neuhaus, Sicherheits-Chip-Hersteller NXP Semiconductors und Zertifizierungs-Dienstleister Deutsche Telekom, dass man die gesamte Kommunikationskette nach BSI-Anforderungen prinzipiell im Griff hat, und andere Hersteller sind ähnlich weit. Aber was den Energieversorgern im Hinblick auf eine Verpflichtung zum Rollout stärkere Kopfschmerzen bereitet sind ganz andere Herausforderungen: Wie integriert man die irgendwann zuhauf erhobenen Daten in bisherige Prozesse? Welche müssen dazu wie neu aufgesetzt werden? Welche wie qualifizierten Mitarbeiter sollen die neuen Geräte installieren und in Betrieb nehmen?

Schon zeichnen sich Allianzen ab wie etwa die von Bittner+Krull mit Kisters, die als „Team Energy“ dafür Komplettlösungen inklusive Prozessberatung anbieten. In Zusammenarbeit mit Bosch Software Innovations wiederum realisiert e.Discom ein Komplettpaket, das für Stadtwerke den Vorteil bieten soll, Dienstleistungen wie beispielsweise Smart-Meter-Gateway-Administration und den Rollout auf technologisch hohem Niveau beziehen zu können, ohne eigene Ressourcen einsetzen zu müssen. Die neu ausgerichtete EVB Billing & Services wiederum will als Personaldienstleister beim Umsetzen der Smart-Metering-Prozesse unterstützen.

Smart Energy und Elektromobilität

Eine Lösung für den effizienten Umgang mit Energie will RWE Geschäftskunden mit „RWE SmartCompany“ bieten. Durch die Ermittlung der Verbrauchsdaten an unterschiedlichen Standorten können Kosteneinsparungen von bis zu zwanzig Prozent erreicht werden. Ein Online-Marktplatz für Energie ermögliche nun auch großen Geschäftskunden sowie regionalen Energieversorgern und Stadtwerken den Zugang zum Energiehandel mit seinen spezifischen Vorteilen.

Natürlich spielte neben Lösungen für „Smart Energy“, die sich vor allem in den Hallen 4 sowie 7 konzentrierten, insbesondere auch Elektromobilität eine sichtbare, wenn auch einstweilen untergeordnete Rolle, da noch überzeugende Geschäftsmodelle für die Ladeinfrastruktur fehlen. Neuen Schub sollen diesem Geschäftsfeld Kooperationen bringen wie die von Schneider Electric und RWE Effizienz, die planen, künftig gemeinsam Systemlösungen und Ladesäulen anzubieten.

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