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Ernüchterung: Unternehmen aus der Erneuerbaren-Branche sind in der Realität angekommen. Sie und ihre Mitarbeiter müssen jetzt nach anderen Regeln spielen.
Energieversorgung & Energiewirtschaft

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Die große Party ist vorbei

Text: Ron-Arne Sydow, Callidus Executive
Eine schnelle Karriere für Quereinsteiger in der Solar- oder Windenergie? Das war gestern. Ernüchterung macht sich breit, denn der Wille, die Welt zu verändern, reicht heute nicht mehr. Stattdessen sind eine solide Ausbildung, Erfahrung und Flexibilität gefragter denn je.

Der Krise zum Trotz – noch weht in den Chefetagen vieler Unternehmen aus der Erneuerbaren-Branche der Idealismus aus den Pioniertagen. Wichtiger als die konkrete Aufgabe ist für manchen der Idealismus, der in der Solar-, Wind- oder Biogasbranche herrscht und damit verbunden der eigene Anspruch, mit seiner Arbeit die Welt verbessern und verändern zu wollen. Das hat PR-wirksam jüngst Matthias Willenbacher demonstriert: Der Mitbegründer des Unternehmens zur Entwicklung von Anlagen für erneuerbare Energien hatte im August 2013 angekündigt, seine Anteile an der Juwi AG zu verschenken, wenn die Energiewende bis 2020 gelingt.

Seit einigen Jahren baut Deutschland nun die erneuerbaren Energien aus und hat die Branche zu einem veritablen Wirtschaftsfaktor gemacht. Während in der klassischen Energiewirtschaft die Bruttobeschäftigung bei knapp 200.000 Beschäftigten stagniert, hat sie sich rund um Erneuerbare seit 2004 fast verdreifacht: Inzwischen sind hier über 370.000 Menschen direkt und indirekt beschäftigt. Laut Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit lag die Zahl der Beschäftigten für 2012 bei 377.000.

Um erneuerbare Energien marktfähig zu machen, war in vielen Bereichen zunächst Pionierarbeit angesagt: Offshore-​Akteure etwa betraten mit den Windenergieanlagen und ihrer Anbindung ans Netz technologisches Neuland – in anderen Feldern, etwa innovativen Batteriespeicher, Power-to-Gas oder Smart Grids und besonders bei Demand Response, ist dies noch immer so. Damit entstanden auch völlig neue Berufsbilder – vom Site Assessment Manager (Meteorologen, die Windgutachten erstellen) bis hin zum Spezialisten für Wechselrichter. Expertise konnte zunächst höchstens aus angrenzenden Branchen entliehen und genutzt werden. So finden sich in den Unternehmen der erneuerbaren Energien so viele Quereinsteiger wie in kaum einer anderen Branche. Das kreative Potenzial dieser Diversität ist somit enorm. Die aufstrebenden, eher kleinen Unternehmen brauchten flexible Mitarbeiter, die mitdenken und selbst von der Sache begeistert sind. Vielleicht haben deshalb auch nur vergleichsweise wenige Mitarbeiter aus der klassischen Energiewirtschaft den Sprung zu den erneuerbaren Energien gemacht, auch wenn dies bei einigen Funktionen naheliegt: Angefangen bei vielen gewerblichen Tätigkeiten, bis hin etwa zum Asset Manager im Netzbereich. Auch gibt es bei Stadtwerken inzwischen Mitarbeiter, die in der Projektierung für Anlagen der erneuerbaren Energien verantwortlich sind.

Die Wechselbereitschaft im Stadtwerke-Umfeld ist nach Erkenntnissen der Personalberatung Callidus Executive, die neben Stadtwerken auch viele Erneuerbare-Energien-Unternehmen zu ihren Kunden zählt, deutlich geringer als bei Unternehmen der regenerativen Energien. Das enorme Wachstum der Erneuerbaren-Branche bot in den vergangenen Jahren auch erfahrenen Spezialisten viele Karrieremöglichkeiten. Rege Personalwechsel innerhalb der Erneuerbaren sowie stetig steigende Gehaltsniveaus waren die Folge. Sechsstellige Gehälter für junge Kandidaten, die nur über wenig Expertise verfügen, waren durchaus möglich. Gerade bei der Finanzierung und im Transaktionsmanagement wurden und werden Spitzengehälter gezahlt, sei es bei Kapitalanlagegesellschaften, aber auch bei Projektierern und früher bei Anlagenherstellern. Auch Vertriebsspezialisten von Solaranlagenherstellern haben in guten Jahren schnell viel verdient.

Im Vergleich zu Unternehmen der klassischen Energiewirtschaft, die noch immer nicht ihr Erbe aus oligopolistischen Marktstrukturen gänzlich abgelegt haben, sind vor allem die Unterschiede in der Unternehmensphilosophie spürbar. Agieren Erneuerbare-Energie-Unternehmen eher chancen­orientiert und zukunftsgerichtet, geht es bei Stadtwerken häufig darum, den Bestand zu sichern und möglichen Verlusten entgegenzuwirken. Die Unternehmen versuchten, sich als besonders attraktive Arbeitgeber zu positionieren und anders zu sein. Gerade die größeren Player der Branche bieten ihren Mitarbeitern noch immer eine Arbeitswelt, die etwa der von Google oder Amazon ebenbürtig ist. Von modernen Bürokonzepten über einen Shuttleservice für Mitarbeiter bis hin zum eigenen Kräutergarten auf dem Gelände. Wer sich diesbezüglich inspirieren lassen will, besuche einmal das Juwi-Gelände in Wörrstadt.

Große Auswahl bei Bildungsangeboten

Auf das große Thema erneuerbare Energien setzen mittlerweile auch die Bildungsträger. Knapp 100 Universitäten und Fachhochschulen bieten Ausbildungen an, Studienführer zählen über 15 Studiengänge, vom Maschinen­baustudium mit Schwerpunkt erneuerbare Energien bis hin zum Masterstudium „Renewable Energy Finance“. In Bezug auf gewerbliche Arbeitskräfte sieht das Qualifizierungsangebot deutlich überschaubarer aus. Zwar existieren zahlreiche spezifische Weiterbildungen, eigenständige Ausbildungsberufe finden sich hingegen nicht. Dies sei aber auch gar nicht nötig, meint Asmus Franke, Personalleiter der Enertrag. Mechatroniker, Anlagen- oder Elektromonteure werden bei dem Unternehmen in bestehende Teams integriert und in den ersten sechs Monaten Schritt für Schritt an Besonderheiten der Windenergieanlagen herangeführt. Weiterbildungen übernehmen bei dem Unternehmen häufig direkt die Anlagenhersteller, um damit einen gewissen Standard in der Ausrüstung und Wartung zu gewährleisten. Bei Absolventen begrüßt Franke hingegen ein spezifisches Studium. Erste Kenntnisse, etwa in der Projektentwicklung, aber auch in der Gesetzgebung, erleichtern den Einstieg seiner Meinung nach deutlich.

Vom Start-up zum Mittelständler

Viele Unternehmen der erneuerbaren Energien sind inzwischen in der Realität angekommen. Aus kleinen, innovativen und vor Idealismus überschäumenden Firmen sind inzwischen respektable und nach allen betriebswirtschaftlichen Regeln professionell geführte Mittelständler geworden. Das hat Auswirkungen auf die Unternehmenskultur der ehemaligen Start-ups. Die Arbeitsteilung nimmt zu, Hierarchieebenen werden eingezogen. Die erhöhte Komplexität in den Unternehmen erfordert die Einführung einheitlicher Standards und Arbeitsabläufe. Zudem hat sich von 2012 bis 2013 nach einer aktuellen Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn die Beschäftigung bei deutschen Solarzellen- und Solarmodul-Herstellern fast halbiert. Auch bei der Offshore-Windkraft warten die Unternehmen zunächst ab. Die große Party für Kandidaten ist erst einmal vorbei. Immerhin: In Bereichen wie Onshore suchen viele Unternehmen händeringend nach geeigneten Mitarbeitern. Dazu zählen Ingenieurberatungen wie Fichtner, Lahmeyer oder 8.2 Consulting, die auf technische Expertise angewiesen sind. Vor allem bei neuen Themen wie Betriebsführung und Wartung stehen Unternehmen vor personellen Herausforderungen. Selbst im Offshore-Umfeld wird teilweise noch verstärkt gesucht, aber eher in Nischen wie Health and Safety Executive (HSE), Maritimlogistik oder bei der Netzanbindung.

Große Gehaltssteigerungen sind bei einem Wechsel derzeit nur in Ausnahmefällen möglich, weil Betriebe heute eher Personal abbauen oder genau prüfen, ob Bewerber zu ihnen passen. Dieser Prozess läuft parallel zu einer zunehmenden Professionalisierung der oft jungen Unternehmen, die sich im Markt behaupten müssen. Die Möglichkeit des Quereinstiegs ist dadurch deutlich geringer als noch vor einigen Jahren. Paradoxerweise haben es aber Arbeitgeber nicht einfacher, qualifiziertes Personal zu finden. Die Bewerber wissen, dass die Branche vor allem von politischen Rahmenbedingungen abhängig ist, die sich rasch ändern können. Die Welt zu retten klingt erstrebenswert, am Ende zählt aber die Arbeitsplatzsicherheit. Somit hat auch die Attraktivität der Arbeitgeber in den erneuerbaren Energien deutlich abgenommen. Bewerber sind heute deutlich vorsichtiger, gerade bei Funktionen, die nicht notwendigerweise einen Branchenhintergrund benötigen, etwa bei IT, Finanzen oder auch Human Resources.

Schwarzmalen ist dennoch unnötig. Das Bundes­umweltministerium kommt in einer aktuellen Studie zur langfristigen Beschäftigungsentwicklung bei den Erneuerbaren zu optimistischen Ergebnissen: Im überwiegenden Teil der untersuchten Szenarien ist bis 2030 mit deutlichen Nettobeschäftigungseffekten zu rechnen. Waren die Chancen für Unternehmen früher breit gestreut, ist die richtige Positionierung für Unternehmen heute entscheidend. Das gilt auch für die Mitarbeiter, denn die Sicherheit, lebenslang bei einem Arbeitgeber dieselbe Tätigkeit ausüben zu können, existiert nicht mehr. Weiterbildung und Bereitschaft zur Flexibilität sind daher wichtiger denn je.

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