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Carsten Voigtländer, Vorsitzender der Geschäftsführung von Vaillant. Bild: Mike König/Vaillant
Panorama

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„Wärmepumpen ​erobern den ­Heizungsmarkt“

Text: Dr. Carsten Voigtländer, Vaillant
Vaillant-Chef Carsten Voigtländer baut die Produktion von Elektronikkomponenten deutlich aus. Er will die Entwicklung von intelligent vernetzten Geräten vorantreiben.

Energy 2.0: Welche Rolle spielen Öl und Gas künftig im Heizungskeller?

Voigtländer: Die Nutzung von Erdöl wird definitiv in den nächsten Jahren weiter zurückgehen, auch wenn es effiziente Öltechnologien gibt. Gas ist der fossile Energieträger, der am effizientesten und saubersten genutzt werden kann. Außer­dem kann Gas durch Biogas ergänzt werden und ist als Schiefergas verfügbar. Wir und alle offiziellen Prognosen gehen davon aus, dass Gas auch in den nächsten 30 Jahren eine entscheidende Rolle spielen wird. Es gibt zahlreiche neue Technolo­gien, die die Effizienz der Gastechnologie immer weiter bringen. Nichtsdestotrotz wird die Nutzung erneuerbarer Energien weiter wachsen, was auch wir über unser Produktportfolio unterstützen. Die Wärmepumpe wird hier ein wichtiges Produkt sein.

Gibt es bei Gas auf der Brennerseite substanzielle Fortschritte oder spielt die Musik heute mehr in der Ansteuerung?

Sowohl als auch. Technologisch arbeiten wir an Weiterentwicklungen wie etwa der Adaptivität, bei der sich das Gerät selbst an die entsprechende Gasart anpasst, und daran, Stand-by-Verluste so gering wie möglich zu halten.

Wie wichtig ist die Adaptionsfähigkeit für ein stationär betriebenes Gerät?

In Europa sind unterschiedliche Gas­typen im Einsatz. In Deutschland wird zum Beispiel von L- auf H-Gas umgestellt. Ein Gasbrennwert-Gerät auf die verschiedenen Gastypen umzustellen, ist ein erheblicher Aufwand. Die Europäische Union strebt außerdem an, die Gas­arten weiter zu harmonisieren, so dass es einen freien Wettbewerb zwischen allen Gasmärkten gibt. Deshalb müssen wir Geräte liefern, die adaptiv sind, die also eine größere Bandbreite an Parametern beim Gas zulassen, damit der Kunde sagen kann: „Es ist egal welches Gas bei mir ankommt. Sofern es innerhalb der zugelassenen Bandbreite ist, funktioniert mein Gerät damit.“

Werden die Geräte durch den zusätzlichen Aufwand teurer?

Wir versuchen das mit Intelligenz zu ­regeln, um Mehrkosten zu begrenzen. Auch gehen wir davon aus, dass die ­Effizienz des Geräts gewinnt, wenn es die Gasqualität erkennt und sich automatisch auf den Punkt optimiert.

Welchen Trend gibt es bei den Wärmepumpen? Haben Geräte, die Erdwärme nutzen, noch eine Chance gegenüber solchen, die die Energie aus der Umgebungsluft holen?

Rein thermodynamisch ist es die bessere Lösung, Erdwärme zu nutzen. Ein solches System ist allerdings teuer und aufwendig, da Sie dafür Bohrungen vornehmen müssen. Von daher geht der Trend bei Einfamilienhäusern klar in Richtung Luftwärmepumpe. Allerdings brauchen Sie eine zusätzliche Außeneinheit im Garten. Aber auch insbesondere bei großen Bauprojekten werden Erdwärmepumpen ihre Berechtigung behalten.

Wie gut läuft das Wärmepumpengeschäft derzeit?

Der Gesamtmarkt für Wärmepumpen ist im vergangenen Jahr in Europa gewachsen. In den ersten Monaten dieses Jahres ist er in Deutschland allerdings nach unten gegangen. Eine solche Delle in der Marktentwicklung kommt aber immer mal vor. In England, Belgien und in Osteuropa zum Beispiel wächst der Markt. Daher gehen wir in jedem Fall von einem weiteren Wachstum des Wärmepumpensegments aus.

Erwarten Sie in Deutschland einen Schub für Wärmepumpen, wenn das Energie­label für Heizungen Ende September eingeführt wird?

Wärmepumpen erhalten durchgängig die Labels A+ und A++. Damit wird die Wärmepumpe gegenüber dem Kunden als eine der effizientesten Technologien positioniert. Dadurch werden im Neubau künftig auch immer mehr Wärmepumpen eingesetzt.

Welche Rolle spielt die Wärmepumpe im Sommer für die Kühlung?

Bei der Erdwärmepumpe gibt es schon seit vielen Jahren eine passive Kühlung. Dabei wird das Solewasser, das mit einer Temperatur um sieben, acht Grad aus dem Erdreich kommt, direkt durch die Fußbodenheizung geschickt. In diesem Jahr haben wir Wärmepumpen auf den Markt gebracht, die auch eine aktive Kühlung haben. Dazu läuft der Wärmestrom in die andere Richtung, im Prinzip also eine umgedrehte Wärmepumpe.

Könnte damit ein Klimagerät voll ersetzt werden?

Wärmepumpen haben nicht die gleiche Leistung wie ein Klimagerät, weil sie ja zum Wärmen ausgelegt sind. Aber die Kühlleistung hilft in unseren Breiten, die Raumtemperatur an heißen Tagen auf ein angenehmes Niveau zu reduzieren.

Spielt die aktive Kühlung in Verkaufsgesprächen eine Rolle?

Die passive Kühlung mit Erdwärmepumpen spielt bereits eine Rolle und wird immer mehr nachgefragt. Wir haben in diesem Sommer zudem Tage mit bis zu 40 Grad erlebt. Das heißt, es gibt nicht mehr nur kalte Wintertage, sondern auch extrem heiße Sommertage. Im Ergebnis wird für unsere Kunden auch eine aktive Kühlung attraktiv und immer mehr nachgefragt.

Heute wird viel über Power-to-Heat diskutiert. Ist diese Anwendung eine Gefahr für die Wärmepumpe?

Power-to-Heat, also die Umwandlung von Strom in Wärme, ist auch mit einer Wärmepumpe möglich. Vereinfacht gesagt ist die Wärmepumpe die beste elektrische Heizung. Sie führen zum Beispiel Solarstrom in die Wärmepumpe, speisen noch drei Viertel Umweltwärme dazu und führen das erwärmte Medium dann in den Wärmespeicher. Das heißt, Sie haben eigentlich nur ein Drittel oder ein Viertel des Aufwands, um Ihren Speicher aufzuheizen. Power-to-Heat über die Wärmepumpe ist damit die intelligen­teste Lösung.

Als Nachrüstlösung für Power-to-Heat dürfte der Tauchsieder dennoch die preisgünstigere Lösung sein.

Hinsichtlich des reinen Investitionsaufwandes ist das sicher richtig. Wenn Sie aber die Amortisationszeit beachten, bin ich mir da nicht sicher. Der elektrische Strom ist die hochwertigste Energieform, die wir haben. Die können Sie in alle anderen umwandeln. Strom einfach in die Energieform Wärme umzuwandeln, ist nicht ideal. Wärmepumpen binden dagegen möglichst viel Umweltwärme mit ein.

Dennoch scheint die Nachtspeicherheizung wieder beliebter zu werden, um Überschussstrom zu verwenden.

Es gibt tatsächlich Tendenzen Richtung Nachtspeicherheizung. Inzwischen kom­men große Energieversorger mit diesem Thema und versuchen das nega­tive Image aus der Vergangenheit zu drehen, indem sie sagen: „Wenn wir einen Überschuss an erneuerbarer Energie ­haben, Wind oder Sonne, warum sollen wir den Strom nicht nutzen?“ Und da kann es natürlich eine Lösung sein, das in eine Nachtspeicherheizung zu geben, oder direkt einen Wasserbehälter aufzuheizen, oder auch einfach einen Stromspeicher zu nutzen. Wie gesagt ist es aber ­wesentlich intelligenter, mit regenerativem Überschussstrom eine Wärmepumpe zu betreiben, statt ihn ­direkt zu verheizen.

Wie gut können unterschiedliche Technologien koexistieren? Für die Umwelt ist ja eine Unterstützung der Heizung mit ­erneuerbaren Energien sinnvoll, macht die Anlage aber aufwendiger.

Im Neubau ist eine Kombination von ­Solarthermie und Brennwerttechnologie weit verbreitet. Nicht zuletzt, weil der Gesetzgeber fordert, neben fossilen auch regenerative Energieträger zu nutzen. Im Neubau wäre prinzipiell aber auch eine Reihe anderer, noch effizienterer Technologien einsetzbar. Bei der Renovierung im Bestand sieht das Kundenverhalten häufig anders aus. Hier scheuen viele Immobilienbesitzer davor, ein Gasgerät nachträglich mit Solarthermie zu kombinieren.

Das eigentliche Produkt in der Heizungsbranche ist heute weniger der Brenner, son­dern zunehmend das Heizsystem. Wie stellen Sie sich auf diesen Wandel ein?

Vor etlichen Jahren haben wir gesagt, dass nicht nur das Gerät und die Verbrennung, sondern auch die gesamte Regel- und Steuerungstechnik dahinter für uns zur Kernkompetenz gehört. Deswegen haben wir in die Produktion von Elektronikkomponenten an unserem Hauptsitz in Remscheid über zehn Millionen Euro investiert. Auch bauen wir in der Elektronik- und Softwareentwicklung am meisten Personal auf. Wir sind von dem Trend hin zu immer intelligenteren, vernetzten Geräten hundertprozentig überzeugt und wollen diese Entwicklung selbst vorantreiben.

Welche Strategie verfolgen Sie?

Im Zentrum steht für uns, dass unsere Kunden ihr Heizsystem intuitiv bedienen können. Hier setzen wir auf eine intel­ligente Steuerung. Mit unserer neuen ­Serie Green iQ bieten wir unseren Kunden schon heute besonders umweltfreundliche, effiziente und digital vernetzte Produkte. Diese sind WLAN-kompatibel und besitzen integrierte Schnittstellen. Sie ermöglichen neben einer intelligenten Regelung auch eine Ferndiagnose durch den Fachhandwerker. Zudem lassen sie sich bequem und intuitiv von fast ­jedem Punkt der Welt aus über Smartphones steuern. In Zukunft wird allerdings das gesamte Haus als vernetztes System wahrgenommen werden. Wir bieten Schnittstellen zur Hausautomation und unterstützen in verschiedenen Initiativen die Verbreitung einheitlicher Standards, zum Beispiel den EEBus. Dazu gehört, dass wir unsere Systeme bewusst offen gestalten, damit sie mit anderen Technologien im Smart Home kommunizieren können. Daneben kommen Themen auf wie selbstlernende Systeme, die immer mehr verstehen, welche Bedürfnisse der Nutzer hat und Heizkurven und Speichermengen automatisch anpassen. Diese Systeme können zukünftig auch die ­Daten der Wettervorhersage nutzen, um das Verhältnis der einzelnen Energieträger zu berechnen.

Was weiß denn eine solche Heizung alles über ihren Benutzer?

Genau soviel, wie der Kunde von sich frei gibt. Über Nutzerprofile kann der Einzelne das Verhalten der Heizung an seinen eigenen Lebensrhythmus anpassen. Der nächste Schritt ist das sogenannte Geofencing. Sofern der Kunde seine Heizung per Smartphone steuert, kann das System automatisch erkennen, wenn sich ein ­Bewohner dem Haus nähert und aktiviert ein individuelles Programm. Für den Sohn ist dann etwa bereits die Küche und sein Zimmer im Dachboden auf 21 ° temperiert und das Warmwasser für die Dusche nach dem Fußballtraining bereitet. Bei all diesen Lösungen hat Datenschutz für uns eine hohe Priorität. Der Kunde entscheidet, welche Daten verwendet werden können.

Wie sieht ein Vaillant-Heizsystem im Jahr 2030 aus?

Auf dem Gebiet der hocheffizienten Gastechnologien wird es Brennstoffzellen geben. Wärmepumpen werden den Heizungsmarkt erobern. Photovoltaik wird weiterhin eine Rolle spielen. Auch Stromspeicher werden immer günstiger. Häuser werden sich dezentral immer mehr selbst versorgen, mit einer PV-Anlage auf dem Dach, mit einem Stromspeicher, um die Spitzen auszugleichen und mit einer Wärmepumpe als Heizung. Lüftungssysteme werde eine größere Rolle spielen in diesem Verbund, weil sie dann zum Passivhausstandard gehören werden. Das ­gesamte Gebäude wird über sehr intelligente Energiemanagementsysteme gesteuert, die intuitiv über digitale Endgeräte fernbedient werden. Wir werden diejenigen sein, die eben solche Gesamtlösungen anbieten - mit hocheffizienten Komponenten, einer intelligenten Steuerung und einer intuitiven Bedienung.

Das Gespräch führte Dr. Karlhorst Klotz für Energy 2.0.

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