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„Es gibt keinen Strommarkt in Deutschland, sondern­ nur einen planwirtschaftlich organisierten Vertrieb­ von teurem und schlechtem Strom.“ Klaus G. Krämer, Lehrbeauftragter an der TU Berlin
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Marktdesign: Gute Nacht, Deutschland!

Text: Klaus G. Krämer, Technische Universität Berlin Fotos: Privat
Klaus G. Krämer, Lehrbeauftragte der TU Berlin, über den verkorksten deutschen Strommarkt

Ein Markt ist ein Ort, an dem sich Anbieter und Nachfrager einer Ware treffen, um den Preis der Ware zu bestimmen. Notwendige Bedingung ist dabei, dass alle Marktteilnehmer gleichberechtigt sind, das heißt dass ein diskriminierungsfreier Zugang zum Markt für jedermann möglich ist.

Das ist so einfach, dass keinerlei "Marktdesign" notwendig ist. Es ist deshalb zu vermuten, dass Leute, die ein bestimmtes Marktdesign verlangen, damit in Wahrheit eine Marktmanipulation in ihrem Interesse meinen.

"Strommarkt" in Deutschland

In der Bundesrepublik Deutschland gibt es keine gleichberechtigte Marktteilnahme. Im Gegenteil: Die Anbieter regenerativ erzeugten Stroms werden per Gesetz privilegiert. Sie brauchen sich um die Leistungsabfuhr nicht zu kümmern, noch um den Blindleistungshaushalt des Netzes, und sie müssen ihre volatile Einspeisung nicht besichern. Diese elementaren Aufgaben konventioneller Kraftwerke werden dem Betreiber des Anschlussnetzes auferlegt. Sie werden damit zu "Netzkosten", die von der Allgemeinheit zu tragen sind. Für konventionell erzeugten Strom gilt dies alles nicht.

Das ist so, wie wenn auf einem Wochenmarkt ein Bauer selbsterzeugte Äpfel anbietet und ein Händler Äpfel, die er auf dem Großmarkt gekauft hat. Die Marktaufsicht verbietet nun dem Händler, seine Ware anzubieten, bevor der Bauer seine Äpfel verkauft hat.

Fazit: Es gibt keinen Strommarkt in Deutschland, sondern nur einen planwirtschaftlich organisierten Vertrieb von teurem und schlechtem (weil volatilem und nur zeitweise verfügbarem) Strom.

"Kapazitätsmarkt"

In der "guten alten Zeit" wurden Strombezugsverträge üblicherweise mit zwei Preiskomponenten vereinbart, einem Leistungspreis (€/MW) für die Vorhaltung der Erzeugerleistung und einem Arbeitspreis (€/MWh) für den tatsächlichen Energiebezug. Das war ein weithin übliches Verfahren auch in anderen Branchen, etwa beim Telefon, bei Mietwagenverträgen und so weiter.

Im Zuge der Liberalisierung wurde ein "energy only market" etabliert. Plötzlich sollte die Vorhaltung der Leistung nichts mehr wert sein. Die Festkosten der Erzeuger mussten nun durch die Differenz zwischen Erzeugungskosten und erzieltem Marktpreis gedeckt werden.

Durch die extreme Zunahme der regenerativen Erzeugung veränderte sich die Versorgungssituation. Nach einer kurzen Morgenspitze gehen die Börsenpreise für Strom stark zurück, am Abend ziehen sie für eine kurze Spitze wieder an. Als Folge sinken Einsatzdauer und Erlöse der ehemals tagsüber zur Last-deckung eingesetzten Kraftwerke stark - sie arbeiten nicht mehr kostendeckend.

Die Aktionäre der Kraftwerksgesellschaften drängen nun ihre Vorstände, die unwirtschaftlich gewordenen Anlagen still zu legen. Diese sind aber für die Systemstabilität und für Zeiten der "Dunkelflaute" (keine Sonne, kein Wind) unverzichtbar.

Als Ergebnis wird nun über das "Design eines Kapazitätsmarktes" fabuliert. Gemeint ist, die Betriebsbereitschaft der Kraftwerke durch eine irgendwie geartete neue Subvention aufrechtzuerhalten. Auch hier wirkt die Planwirtschaft: Eine staatliche Behörde, die Bundesnetz-agentur, wird zum Richter darüber berufen, welche Kraftwerke denn notwendig sind und wie ihre Leistungsvorhaltung zu vergüten ist.

Man versucht, den durch die extreme planwirtschaftliche Übersubventionierung der regenerativen Erzeuger entstandenen Fehler durch einen neuen Subventionsmechanismus zu kompensieren. Es wird also versucht, die Symptome zu kurieren, statt die Ursache der Krankheit zu beseitigen. Man muss nämlich nur zu einer diskriminierungsfreien Behandlung aller Stromerzeuger übergehen. Das heisst, dass auch die regenerativen Erzeuger ihre Einspeiseleistung garantieren müssen.

Natürlich kann ein Windmüller kein Reservekraftwerk für seine 2-MW-Windmühle bauen. Aber er kann über einen Ener-giehändler eine Call-Option kaufen, mit der ein Kraftwerks-betreiber die vorzuhaltende Leistung finanzieren kann.

Damit hätten wir ohne weiteres Zutun einen funktionierenden Kapazitätsmarkt - ganz ohne "Marktdesign".

ETS - der Markt für Emissionsberechtigungen

Das Emissions Trading System (ETS) der EU ist ein gut funktionierender Markt, der allerdings den Protagonisten grüner Ideologien nicht gefällt.

Worum geht es? Das ETS ist ein Cap-and-Trade-System. Dabei wird eine zulässige Menge CO2-Emissionen festgelegt, die unter dem Bedarf der emittierenden Industrie liegt. Diese Menge wird nach politischen Maßstäben auf die EU-Mitglieder verteilt und nach "nationalen Allokationsplänen" den einzelnen Unternehmen zugewiesen. Diese haben nun drei Aktionsmöglichkeiten:

– Reduktion der Emissionen durch spezifische Investitionen

– Reduktion der Produktion

– Kauf von Emissionsberechtigungen

Das Verfahren bewirkt, dass Emissionsreduktionen dort stattfinden, wo sie am kostengünstigsten realisierbar sind.

Das System hat sich bewährt und einen funktionierenden Markt etabliert. Das politisch gesetzte Ziel der Emissionsreduzierung wurde erreicht. Dass ein paar Kriminelle das ETS zum Umsatzsteuerbetrug nutzten, ist nicht dem ETS sondern der unharmonisierten Umsatzsteuergesetzgebung in der EU anzulasten.

Das System ermittelt zurzeit Marktpreise von unter 5 €/t CO2. Das zeigt, dass es einen Überschuss an Zertifikaten gibt, auf den der funktionierende Markt mit sinkenden Preisen reagiert. Nicht der Markt hat versagt, sondern die Politiker, die arrogant genug waren, den Konjunkturverlauf über die fünfjährige Handelsperiode vorhersagen zu wollen. Dies ein typisches Beispiel für das Versagen staatlicher Planwirtschaft.

Besonders heftig wird das funktionierende Marktsystem von grünen Ideologen kritisiert, die mit den Erlösen aus dem Zertifikateverkauf "klimaschonende" Projekte finanzieren wollten. Ein grotesker Trugschluss: Das ETS bewirkt die Deckelung des CO2-Ausstosses auf die vereinbarte Menge. Zusätzliche "Klimaschutz-Projekte" können also nichts bewirken, außer, ihren Protagonisten Geld in die Kassen zu spülen.

Nun greifen die Planwirtschaftler in den Markt ein - "Backloading" nennt man das. Zutreffender wäre die Bezeichnung "Marktmanipulation". Cui bono? Es nützt den Betreibern sinnloser "Klimaschutz"-Projekte, und es schadet der gesamten Volkswirtschaft. Die Stromerzeugung in konventionellen Kraftwerken, die ohnehin durch den planwirtschaftlichen Einspeisevorrang der Regenerativen massiv beeinträchtigt wird, wird ein weiteres Mal verteuert. Dadurch wird das Kraftwerkssterben auch modernster Anlagen weiter beschleunigt. Die Stabilität unserer Stromversorgung wird in zunehmendem Masse nur noch dadurch gewährleistet, dass unsere Nachbarn ausreichende Schwungmassen am Netz haben.

Investitionen - wer bezahlt das?

Im konventionellen Stromversorgungssystem Deutschlands ist für eine Jahreshöchstlast von rund 80.000 MW eine Kraftwerksleistung von etwa 105.000 MW installiert.

Unterstellt man nun , dass die Prognose der Bundesregierung zutrifft, nach der der Stromverbrauch bis 2050 um 25 Prozent auf 450 TWh/a sinkt (was allerdings kein einziger Fachmann glaubt), und dass 80 Prozent davon aus regenerativen Quellen stammen sollen, so ist in Anbetracht der Benutzungsdauern eine installierte Leistung von 280.000 bis 360.000 MW erforderlich. Das heißt, die installierte Leistung ist etwa viermal so hoch wie die Jahreshöchstlast!

Die installierte Leistung muss aber finanziert werden - von wem eigentlich? Hinzu kommt, dass die grünen Ideologen die bestehenden 105.000 MW als "Schrottkraftwerke" diffamieren, die sofort durch "moderne Gaskraftwerke" ersetzt werden müssen. In der Tat braucht man diese Kraftwerksleistung, um eine stabile Versorgung bei Dunkelflaute aufrechterhalten zu können. Das heißt, dass man einen bestehenden Kraftwerks-park wegwirft, um dann mit großem Aufwand einen neuen zu errichten. Wer finanziert das, und wie rechnet sich die Investition, wenn die neuen Anlagen nur auf Benutzungsdauern zwischen einigen hundert und null Stunden kommen?

Für Planwirtschaftler kein Problem: Eine neue Subvention muss her!

Haben wir aus 40 Jahren Planwirtschaft in der "DDR" denn gar nichts gelernt?

Gute Nacht, Deutschland!

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