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Kann sich noch jemand erinnern? Deutschland wollte mal Vorreiter in Sachen Klimaschutz sein: Auf ihrer Klausur­tagung in Meseberg beschloss die Bundesregierung zu diesem Zweck im August 2008 Eckpunkte für ein „Integriertes Energie- und Klimaprogramm IEKP“. In ihren Überlegungen orientierte sie sich an den Festlegungen zur Energiepolitik, die die Regierungs- und Staatschefs der (damals) 27 EU-Länder schon im März 2007 in Brüssel vereinbart hatten.

Das alles ist schon über fünf Jahre her. Deutschland hat zwar immer noch dieselbe Kanzlerin, aber die Welt wurde mittlerweile Zeuge der Atomkatastrophe in Fukushima. Auch wenn die Japaner lieber einfach von einem Unfall sprechen, schlug der Tsunami mit den von ihm ausgelösten verheerenden Zerstörungen in den nördlich von Tokio am Meer gelegenen Atomblocks hohe Wellen in der deutschen Energiepolitik: Praktisch über Nacht war die Atomkraft politisch nicht mehr haltbar.

Den seither noch stürmischer praktizierten Ausbau der erneuerbaren Energien spüren die Bundesbürger jedoch heute im Portemonnaie: Von ehemals Bruchteilen eines Cents stieg die EEG-Umlage auf heute 6,24 Cent – was im Wahljahr 2013 im politischen Berlin zu schrillen Alarmtönen führen musste, da jeder Bürger 2014 rund 300 Euro pro Jahr dafür ausgibt. Auf 25 Milliarden Euro summiert sich die Abgabe für die gesamte Republik.

Der Ruf nach dem Tritt auf die Kosten­bremse bestimmte plötzlich die Energiewendediskussion, und die Bundesregierung musste gegensteuern: „Für mich ist das drängendste Problem die Gestaltung der Energiewende“, sagte Angela Merkel dem ZDF im Dezember 2013 kurz nach ihrer dritten Wiederwahl als Bundeskanzlerin. Und bei dieser Gestaltung geht es inzwischen vorrangig um die Finanzierbarkeit: So verwies die Bundeskanzlerin darauf, dass nun „das Argument der Kostengünstigkeit zur Erreichung unserer Klimaschutzziele und der Ziele für die erneuerbaren Energien Vorrang hat." Kein Wunder, dass dies Leitgedanke für die Regierungsvorlage des Erneuerbare-Energien-Gesetzes wurde, das Wirtschafts- und Energieminister Gabriel im April präsentierte. Noch ist es nicht in trockenen Tüchern; bis Sommer darf noch diskutiert werden, doch die Bundeskanzlerin konnte jedenfalls erst einmal aufatmen: Man habe die Kostendynamik gebremst – „durch einen berechenbaren Ausbau der erneuerbaren Energien“, ließ sie die FAZ wissen.

Wohin führt die Energiewende eigentlich?

Atom-Schock und Kosten-Diskussion haben dazu geführt, dass die ursprüngliche Motivation für die Energiewende aus dem Blickfeld geraten ist. „Klimaschutz ist der Kern der Energie­wende und das nicht nur als Lippenbekenntnis“ bekräftigt Ludwig Möhring. Der Wingas-Geschäftsführer spricht daher mit Blick darauf, was im Lande vor sich geht, lieber von der „sogenannten Energiewende“. Denn während in den ersten Jahren nach Meseberg das Land auf einem guten Kurs schien, zeige der zentrale Indikator für den Fortschritt inzwischen in die falsche Richtung: „Heute steigen die CO2-Emissionen bei der Stromerzeugung wieder an.“ Grund ist der wieder wachsende Anteil an Braunkohle. Denn der fossile Energieträger erlebt in den oftmals bereits abgeschriebenen Kraftwerken derzeit eine Renaissance als kostengünstiger Brennstoff für die Stromerzeugung, seit der Preis für CO2-Zertifikate verfallen ist – von über 30 Euro auf derzeit nur noch wenige Euro pro Tonne.

„Wir müssen hin zu einer Energie­landschaft, die durch CO2-Reduzierung effektiven Klimaschutz betreibt“, fordert dagegen Möhring: Effektiver Klimaschutz, das heißt „möglichst effizient und unter Erhaltung der Versorgungssicherheit“. Nach seiner Überzeugung müssen diese Ziele im Zusammenspiel mit traditionellen und erneuer­baren Energieträgern erreicht werden. Aber damit meint der Wingas-Vertriebschef natürlich nicht vorrangig Kohle, sondern saubereres Erdgas. „Wer CO2-Vermeidung erreichen will und auch noch jederzeit verfügbare Stromproduktion sichern will, muss auf Erdgas setzen“, sagt er.

Wer noch höhere Anforderungen an CO2-Armut stellt, kann mit derselben Technologie und Infrastruktur noch auf den regenerativen Bruder des traditionellen Energieträgers zurückgreifen: Bio-Erdgas, das beispielsweise aus organischen Reststoffen erzeugt werden kann. „Anlagen auf der Basis von Bio-Erdgas können nahezu CO2-frei und ebenfalls versorgungssicher laufen“, lautet Möhrings Argument.

Beim Blick auf die Reduktion der CO2-Emissionen dürfe es auch nach Fukushima nicht einseitig um den Ausbau der Erneuerbaren gehen. Statt­dessen müssen die Folgen für die gesamte Energie­landschaft im Blick behalten werden. „Deutlich stärker als das bisher der Fall war muss integriert gedacht werden“, lautet eine zentrale Forderung von Möhring. Zunächst einmal bedeute dies, klare Kriterien aufzustellen und anzuwenden, um die Energielandschaft als Ganzes zu optimieren. „Der Weg in eine bezahlbare CO2-arme Welt führt nicht über den einseitigen Ausbau der erneuerbaren Energien“, präzisiert der seit über 20 Jahren in der Erdöl- und Erdgas­branche tätige Manager.

Stattdessen gelte es, sich wieder auf das Kernziel des ​Klimaschutzes zu besinnen. Und wer bezahlbaren Klimaschutz ernst nimmt, für den müsse im Mittelpunkt stehen, wie zu möglichst geringen Kosten klimaschädliche Gase vermieden werden können, argumentiert Möhring. Die wichtigste Stellschraube hierfür seien die CO2-Vermeidungskosten; wir sind schon im Interesse der Bezahlbarkeit für die Bürger darauf angewiesen, dass wir die Möglichkeiten ausschöpfen, mit möglichst wenig Geld die CO2-Einsparziele zu erreichen, und das bedeutet technologieoffen nach den kostengünstigsten Lösungen zu suchen.

Ein Leuchtturm-Projekt in Düsseldorf

Während hocheffiziente Gaskraftwerke mangels Betriebsstunden nicht ins Geld kommen und Investoren sich in Deutschland daher derzeit generell abwartend verhalten, treiben die Stadtwerke Düsseldorf den Bau eines Gas- und Dampfkraftwerks voran, das ab 2016 Strom mit einem Rekord-Wirkungsgrad von über 61 Prozent produzieren soll. Der Schlüssel für seine Realisierung ist jedoch das „Abfallprodukt“ Wärme: Bis zu 300 MW Einspeisung ins Fernwärmenetz machen den Einsatz von Gas hier wirtschaftlich.

Generell erlaubt die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) Anlagen mit hohem Gesamtwirkungsgrad, also guter Nutzung der Primärenergie, so dass ja auch die Bundesregierung seit langem eine Steigerung des KWK-Anteils im Lande auf ihre Agenda geschrieben hat, um die Klimaziele zu erreichen. Doch egal ob bei Kraftwerken mit vielen hundert Megawatt, bei Kilowatt-Anlagen in Heizungskellern oder in Industrie und Gewerbe im mittleren Leistungsbereich – die Poli­tik liefert inzwischen widersprüchliche Signale in Sachen KWK. „Die Bundesregierung kann nicht auf der einen Seite
25 Prozent Anteil der Kraft-Wärme-Kopplung an der Stromerzeugung bis 2020 als Ziel vorgeben, wie sie es im Koalitionsvertrag festgeschrieben hat, auf der anderen Seite aber dann die Verbreitung von KWK-Anlagen über eine Eigenverbrauchsregelung torpedieren“, kritisiert der Wingas-Manager. „Ich erwarte, dass der Energieminister da nachbessert, sonst steht er im Widerspruch zum Koalitionsvertrag!“

Gas für den Wärmemarkt

Überhaupt erscheint Gas ja prädestiniert für die Versorgung mit Wärme. Der Wärmemarkt ist verantwortlich für etwa 40 Prozent des Endenergieverbrauchs und zwei Drittel der deutschen CO2-Emissionen und der größte Hebel, den die Bundesregierung hat: „Die Hälfte der angestrebten CO2-Verringerung soll aus diesem Sektor kommen – was im Übrigen mit minimalen staatlichen Anreizen gelingen kann, wenn auf einen Energie­träger wie Erdgas gesetzt wird, der arm an CO2-Emissionen ist“, so Möhring.

Brennwertgeräte sorgen dafür, dass immer mehr Wärme dezentral aus immer weniger Gas gewonnen werden kann – bei Sanierungen meist die wirtschaftlichere Lösung gegenüber einer nachträglichen Wärmedämmung von Gebäuden, die heute immer mehr in die Kritik gerät. Mittlerweile setzen über 75 Prozent der neu installierten Heizungen in deutschen Kellern auf Erdgas als Energiequelle, freut sich der Vertriebsvorstand der Wingas.

Versorgungssicherheit trotz Umwälzungen

Obwohl die Gazprom – nach Ausscheiden von Wintershall nunmehr dann alleinige Wingas-Mutter – nun ge­rade im Zeichen der Ukraine-Krise kritisch beäugt wurde, gibt der Wingas-Geschäftsführer Entwarnung, was die Versorgungssicherheit mit Gas von Russland betrifft: „Im Gegenteil sinkt die Abhängigkeit von großen Lieferanten, weil der Erdgasmarkt inzwischen ein sehr globaler Markt ist“, argumentiert er mit Blick auf den weltweiten Ausbau von LNG-Terminals und steigende Flexibilität im LNG-Handel.

„Das hat ja bereits zu einem erheblichen Druck auf die Preise geführt. Und die Kunden haben inzwischen die Wahl unter so vielen Anbietern wie kaum je zuvor, weil immer mehr Vorlieferanten im Wettbewerb stehen.“ Daher könne man ohne Bedenken auf Gas setzen, um den Anstieg der CO2-Emissionen zu bremsen, der in Deutschland 2013 nach Zahlen von Eurostat bei zwei Prozent lag – im Gegensatz zu einem Rückgang in den meisten anderen EU-Staaten.

Und auch als Puffer kann Gas eine wichtige Rolle spielen, wenn auch nicht sofort: „Mit Hilfe von überschüssigem Strom per Elektrolyse Wasserstoff zu erzeugen und das mit Kohlendioxid in Methan umzuwandeln ist eine interessante Option für die Zukunft“, bewertet Möhring die Power-to-Gas-Technik. Sie unterstreiche letztendlich die Attraktivität von Gas als flexibel einsetzbaren und leicht speicherbaren Energieträger. „Technisch wird ‚Power-to-Gas‘ ja in kleinem Maßstab schon gezeigt, wirtschaftlich wird dieses Verfahren aber noch auf Jahre nicht sein.“ Vielmehr muss dafür gesorgt werden, dass der erneuerbare Strom direkt verwandt werden kann – subventionierte Investitionen in Überschussstrom, der dann teuer in Methan umgewandelt oder zu Niedrigstpreisen an der Börse im In- und Ausland verkauft wird, seien volkswirtschaftlich inakzeptabel.

Beherztes Vorgehen ist nötig

Viel Zeit ist im jahrelangen Ringen um den richtigen Kurs der Energiewende inzwischen verloren gegangen, doch es ist noch nicht zu spät. In seinem jüngsten Bericht bekräftigte der Weltklimarat, dass das Ziel, den Anstieg der globalen Mitteltemperatur auf 2° Celsius zu begrenzen, noch nicht völlig unrealistisch geworden ist – ambitionierte Maßnahmen seien allerdings nötig.

„Wir müssen jetzt alles daran setzen, im Klimaschutz beherzt voranzugehen“, forderte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks bei der Vorlage des dritten und letzten Teilbandes des sogenannten 5. IPCC-Sachstandsberichtes im April, der Handlungsoptionen zur Minderung von Treibhausgasemissionen aufzeigen will und Ende Oktober in Kopenhagen mit einem übergreifenden Synthese­bericht abgerundet werden wird.

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