Interview Dezentrale Energieversorgung ist Trumpf

Bild: Siemens
11.06.2016

John Kovach, bei Siemens Leiter Distributed Energy Systems (DES), steht Energy 2.0 Rede und Antwort zu Themen wie Energiewende, DES und gibt einen Ausblick in die Zukunft der Energieversorgung.

Energy 2.0:

Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptanforderungen, welche die Energiewende mit sich zieht?

John Kovach:

Da gibt es eine ganze Reihe von Auswirkungen. Wir sprechen im Wesentlichen über das Ziel, bis 2050 einen Anteil der erneuerbaren Energien von achtzig Prozent zu erreichen, sowie die damit zusammenhängende staatliche Förderung, welche Folgen das für die Versorgungsunternehmen hat und wie sich das auf den Markt in Deutschland auswirkt.

Ist Deutschland das Zugpferd?

Deutschland ist ein gutes Beispiel dafür, was in zahlreichen anderen Regionen geschieht, nachdem vergleichbare Ziele bezüglich der erneuerbaren Energien gesetzt wurden. Zunächst hat deren Einführung ein hohes Maß an Instabilität im Netz zur Folge. Die Lösung ist das Smart Grid. Ein DES-System kann zum Management von Spitzenlasten beitragen und außerdem können dadurch wesentliche Investitionen ins Netz zeitlich vernünftiger geplant und vorgenommen werden. Meines Erachtens wird die Energiewende durch zahlreiche erneuerbare Energien vorangetrieben, und die Selbsterzeuger stellen eine Ergänzung dar.

Beschreiben Sie die Aufgaben des DES?

Gerne. Das verteilte Energiesystem umfasst viele Lösungen: verteilte Erzeugung, Überwachung und Regelung von Verbrauch und Erzeugung und - wenn sinnvoll - auch den Einsatz von Energiespeichern. Siemens hat mit DES eine Reihe von Angeboten zusammengefasst. Energiespeicherung kann Batterien, Wasserstoff, Druckluftsysteme oder thermische Speicher umfassen. Bei der Energieerzeugung haben wir ein ganzes Spektrum von Lösungen, von der KWK über Brennstoffzellen, Wasserkraft, Photovoltaik, Wind, Motoren bis hin zu Gas- und Dampfturbinen. Schließlich, aus Sicht des Energiemanagements, alles von Maßnahmen zur Energiekonservierung, dem Bau von Energiemanagement-Systemen, Micro Grids oder virtuellen Kraftwerken.

Wie sehen Sie das Problem der Versorgungssicherheit?

Nun, wir haben Technik, die sich mit Sicherheit und Belastbarkeit befasst und die zu einer Verbesserung der Netzwerkstabilität beiträgt. Das gilt nicht nur für Deutschland, wo traditionell ein stabiles Netz vorhanden ist, sondern überall auf der Welt. Wenn all die erneuerbaren Energien eingespeist werden, dann ist die damit verbundene Volatilität eines der Schlüsselprobleme. Unter Einbindung von IT können wir intelligent unter den unterschiedlichen Formen der Energieerzeugung, des Lastmanagements, oder der Energiespeicherung zur richtigen Zeit umschalten und somit die Versorgung sicherstellen.

Versorgungsbetriebe wachsen und die Speicherung ist von hoher Wichtigkeit. Wie möchte Siemens diese Entwicklung vorantreiben?

Im Moment ist der Einkaufspreis für Energie so niedrig, dass es schwierig ist, Energiespeicher profitabel zu betreiben. Nur in netzfernen Anwendungen ist dies derzeit sinnvoll. Erst wenn Preise für Speichertechnik deutlich sinken oder eine Regulierung eingreift, werden wir hier eine Änderung erleben.

Liegen Prosumer voll im Trend?

Betrachtet man die Trends bei den erneuerbaren Energien, dann war deren Preis vor ungefähr fünf Jahren durchschnittlich doppelt so hoch wie heute. Das wird sich in den kommen fünf Jahre wiederholen. Deshalb glauben wir, dass neue Geschäftsideen entstehen werden, die sich in Richtung Selbsterzeugung bewegen.

Wagen Sie einen Blick in die Zukunft. Wie sehen Sie die Energieversorgung in fünf bis zehn Jahren?

Aufgrund des EEG hat Deutschland bereits jetzt eine gewisse Versorgung durch erneuerbare Energien erreicht, obwohl die Preise für EE hoch waren. Heutzutage sind jedoch die Preise der EE deutlich gesunken und in vielen Ländern sind die Wind- und Solarressourcen deutlich besser als in Deutschland. Wir werden daher in diesen Ländern eine rasante ökonomisch getriebene Energiewende erleben, weil es sich dort einfach rentiert. Der Investitionsbedarf mag zwar riesig scheinen, aber durch geschickte Finanzierungsmodelle kann das benötigte Geld aus dem Kapitalmarkt beschafft werden.

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