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Nur noch fünf Jahre: 2020 lautet die magische Zahl, die etliche Energie- und Umweltszenarien dekoriert. Unzählige Forderungen sollen in diesem Schicksalsjahr eintreffen, etwa die einprägsamen – wenn auch diffus definierten – europäischen 20-20-20-Werte: 20 % mehr Erneuerbare, 20 % mehr Energieeffizienz und 20 % weniger Treibhausgase. Die zentrale Steuergröße auf dem verbleibenden kurzen Weg dorthin lautet in Deutschland aber 40 %: So hoch soll der Rückgang des Kohlen­dioxids im Vergleich zum Basisjahr 1990 ausfallen.

„Viele Ziele der Energiewende in Deutschland sind bis 2020 kaum noch erreichbar“, warnte jedoch McKinsey schon im Herbst 2014 [1], und nennt als erstes das Etappenziel Kohlen­dioxid-Reduzierung. Es wird verfehlt werden, wenn die seit 2000 im Mittel erreichte Senkung um jährlich 0,7 % nicht auf unwahrscheinliche 3,5 % verfünffacht werden kann. Höchste Zeit also, noch einmal darüber nachzudenken, wie CO2-Vermeidung effizient – also kostengünstig – ins Werk gesetzt werden könnte.

Wärme-Technik: Minimale CO2-Vermeidungskosten

„Wir benötigen jetzt tatsächlich technologieoffene Werkzeuge, um etwa im Wärmemarkt Sanierungsmaßnahmen bewerten und vergleichen zu können“, fordert Dr. Ludwig Möhring, Mitglied der Geschäftsführung von Wingas. Damit kann die Politik unterstützende Maßnahmen – etwa Marktanreizprogramme oder steuerliche Begünstigungen – an den Kosten für die CO2-Vermeidung festmachen, ohne einzelne Technologien zu bevorzugen. „In der Gasindustrie gehen wir davon aus, dass gerade im Bestandsbau in sehr vielen Fällen tatsächlich die erste und günstigste Art und Weise CO2 einzusparen der Austausch einer alten Therme gegen eine neue ist.“

Ungemach droht der Gasbranche im Wärmemarkt – auf den rund 40 % des Endenergieverbrauchs und etwa ein Drittel aller deutschen CO2-Emissionen entfallen und daher auch den Löwenanteil der CO2-Reduktionen tragen soll – aber von elektrischen Wärmepumpen, die sich im Neubausektor zur ernsthaften Konkurrenz mausern könnten. So beklagt die Gasbranche hier eine wenig klimaschützende und nicht kosteneffiziente Entscheidung der Politik. Denn stromgeführte Wärmepumpen seien in der EnEV 2016 gegenüber Erdgas erheblich privilegiert: Beim Einsatz von Strom werde unterstellt, dass die Wärmepumpen mit dem in Zukunft erwarteten Stromerzeugungsmix einschließlich erneuerbaren Energien laufen – und zwar berechnet nach dem Jahresmittel.

„Dieser Ansatz auf Basis einer Jahresmittelung ist nicht realitätsnah und führt zu einer Benachteiligung von Gas“, lautet die Kritik, denn: „Eine strombetriebene Wärmepumpe wird naturgemäß vor allem im Winter laufen, und dabei vor allem Strom aus Braun- und Steinkohle nutzen. Photovoltaik dagegen kann im Winter keine ernsthaften Beiträge leisten, die noch dazu keine ernsthafte CO2-Reduktion ermöglicht und für den Verbraucher auch nicht kostengünstiger als moderne Erdgastechnologie ist“, argumentiert Dr. Möhring. „Das ist für mich kein Klimaschutz. Diese Änderung in der Eneff 2016 erweckt den Anschein einer politisch motivierten Elektrifizierung des Wärmemarktes.“ Mehr Aufklärung über die Auswirkung von staatlichen Eingriffen, bei allen relevanten Akteuren – Verbraucher und Politik – sei hier erforderlich.

In der Stromerzeugung ist die Gemengelage ganz anders: Eigentlich sollte der Atomausstieg eine wachsende Nachfrage nach anderen verlässlichen Erzeugungsarten hervorrufen, von dem nicht nur die derzeit günstigeren Kohlemeiler profitieren. Doch für Gaskraftwerke wird sich bis auf weiteres keine komfortable Nische öffnen, wenn die Rahmenbedingungen nicht spürbar besser werden (siehe Interview).

Verkehr: Sofort wirksame Reduktionen

Aus der Sicht der Gasindustrie eine echte Baustelle bleibt auch das Thema Gas als Kraftstoff, wo heute schon rund 800 Tankstellen CNG (Compressed Natural Gas) anbieten und Autokäufer unter nicht mehr so wenigen Gas-Serienmodellen wählen können – allein die heute schon umweltschonende Fortbewegung mit geringen Betriebskosten erweist sich keineswegs als Renner. „Da müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen“, gesteht Dr. Möhring und schätzt eine durchaus lukrative Marktgröße ab, denn die Faustformel lautet: Jeder Pkw kreiert einen Verbrauch an Erdgas wie ein Haus. Wenn man also eine halbe Million Pkws an den Start bringt, entspricht das dem Heizbedarf einer Großstadt.

Die Erdgasindustrie sei daher gemeinsam mit der Automobilindustrie in der Pflicht, das Thema besser zu kommunizieren. Fehlende Tankstellen seien dagegen nach Erfahrung von Wingas kein ganz großes Hindernis mehr, „aber die günstigen Kosten sind bei den Verbrauchern schlicht nicht hinreichend bekannt“. Um Elektromobile gebe es einen absoluten Hype, mit Gas betriebene Fahrzeuge fristen dagegen ein stiefmütterliches Dasein. „Die Hälfte dieses politischen Engagements würde mir für Erdgas schon völlig ausreichen. Aber schon bei der Steuerbefreiung für Erdgas nach 2018 fehlt politisch derzeit die notwendige Unterstützung.“

Neue Perspektiven ergeben sich im gewerblichem verkehr: Im Fracht- und Schiffsverkehr wird es meist nicht um CNG gehen, sondern bei Schiffen wie auch beim Lkw-Verkehr mit großen Reichweiten um LNG (Liquefied Natural Gas). „Hier gibt es eine Reihe von Unternehmen, sowohl auf der Gas-Seite als auch bei Lkw-Herstellern, die hier Innovationen vorantreiben“, ist die Beobachtung von Dr. Möhring, der daher Grund zum Optimismus sieht: „Auch und gerade in den USA ist ja aufgrund der nachhaltig sehr günstigen Gaspreise der Weg vom Öl ins Gas vorgezeichnet.“

Wie sicher ist die Versorgung?

Doch wenn mehr auf Gas gesetzt werden sollte – wie sieht es mit der Versorgungssicherheit aus? Nachdem Russland die Pläne für die Pipeline South Stream gekippt hat, könnte der weltweit florierende LNG-Handel einen Transportweg auch für Deutschland eröffnen. Dafür eigene Terminal-Kapazitäten aufzubauen hält Dr. Möhring jedoch für nicht notwendig. „Nordwesteuropa ist eine der am besten diversifizierten Regionen der Welt mit Zugriff auf LNG über Zeebrügge und Rotterdam“.

Neben Belgien und Holland dürfe man auch die Terminals in England nicht vergessen: „Großbritannien ist zwar geografisch eine Insel, aber was die Gas-Infrastruktur betrifft perfekt angebunden an Nordwesteuropa. Das sind Energiekapazitäten von insgesamt 75 Milliarden Kubikmeter LNG in diesen drei Regionen, die für zusätzlich Erdgas nach Deutschland sorgen können und heute nicht einmal zur Hälfte ausgelastet sind.“

Angesichts der Tatsache, dass die Terminals nicht einmal annähernd zu 50 Prozent ausgelastet sind und letzten Endes auch Deutschland zur Verfügung stehen, würde der diskutierte Terminal in Wilhelmshaven nach Meinung des Wingas-Geschäftsführers kaum zu spürbar mehr Versorgungssicherheit führen. Sicher sei dagegen, dass ein solches Terminal auf jeden Fall ein riesiges Investment erfordern würde.

„Auch private Investoren für ein solches Terminal werden sich kaum finden, wenn sie nicht langfristig gesicherte Einkünfte haben“, vermutet Dr. Möhring und kritisiert: „Wir führen hier wieder einmal eine national orientierte Diskussion zu einem Thema, das eigentlich auf die europäische Ebene gehört. Wer europäisch denkt, der stellt fest, dass wir in Deutschland absehbar kein neues LNG-Terminal benötigen.“

Weitere Informationen

[1] McKinsey-Studie: http://goo.gl/JTfyX3

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