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Kreislauf: Investitionen in Energie­effizienz finanzieren sich selbst.
Energieeffizienz

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Energieeffizienz: Stiefkind der Energiewende?

Text: Peter Eilers, Bilfinger Efficiency
Deutschland setzt zum Erreichen einer nachhaltigen Energieversorgung vor allem auf erneuerbare Energien. Inzwischen gewinnt das Thema Energieeffizienz vermehrt an Aufmerksamkeit und Bedeutung. Doch was kann Energieeffizienz im Rahmen der Energiewende eigentlich leisten?

Deutschland und die Energiewende: Seit der Fukushima-Katastrophe im Jahr 2011 und dem in der Folge beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie sorgt das Thema im Inland für kontroverse Diskussionen und im Ausland für viel Aufmerksamkeit. Die Ziele der Bundesregierung sind ambitioniert: Bis 2025 will Deutschland 40 bis 45 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energiequellen beziehen, bis 2050 soll der Anteil auf mindestens 80 Prozent steigen. Um die gesetzten Ziele zu erreichen, wird weiter am Ausbau der regenerativen Energien gearbeitet: Stromgewinnung vor allem aus Wind- und Solarenergie steht im Fokus. Doch der Weg der Energiewende ist lang und besteht aus vielen Einzelbausteinen. Wesentliche, für das Gelingen der Energiewende essentielle Bausteine wie Energieeffizienz und die damit verbundenen Optimierungspotenziale stehen bisher nicht einmal im Fokus der Öffentlichkeit. Das soll in Zukunft anders werden.

Nationale Herausforderung von internationaler Bedeutung

Das Streben nach Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern und von Atomkraft wird durch die Historie verständlich. Die Ölkrisen von 1973 sowie 1979/80 zogen für die Industrie­nationen schmerzvolle Rezessionen und Preiserhöhungen nach sich. Die lange Jahre als kostengünstige Alternative geltende Atomenergie führte weltweit zu einem forcierten Bau von Kernkraftwerken. Gravierende Störfälle wie Sellafield, Three Mile Island und vor allem die Nuklear-Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 stärkten die Anti-Atomkraft-Bewegung. Anfang der 1990er Jahre wurde im Folgebericht an den Club of Rome „Die neuen Grenzen des Wachstums“ [1] Auswirkungen des menschengemachten Treibhauseffekts beschrieben sowie die exzessive Nutzung fossiler Brennstoffe in ein zunehmend schlechteres Licht gerückt. Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends sorgten zudem (und bis heute) zahlreiche kriegerische Konflikte in den rohstoff­reichen Regionen für Zweifel an einer sicheren Versorgung mit Öl und Gas. Nach den verheerenden Ereignissen im März 2011 in Fukushima wurde nur wenige Monate später in Deutschland der Ausstieg aus der Kernenergie bis zum Jahr 2022 gesetzlich festgeschrieben und die Energiewende unumkehrbar eingeleitet. Haupttreiber der Energiewende sind also vor allem der fortschreitende Klimawandel, die Vermeidung der Nutzung von Kernenergie sowie die Reduzierung der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern mit all ihren negativen Folgen.

Die grenzunabhängige Natur der Emissionen macht Klima­schutz zu einer internationalen Aufgabe. Die Erkenntnis darüber und die Bereitschaft, einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, findet sich im 1997 beschlossenen und am 16. Februar 2005 in Kraft getretenen Kyoto-Abkommen wieder. Das internationale Klimaschutzabkommen gilt in der Energie- und Klimapolitik als Meilenstein. Die EU-Staaten haben das Abkommen ebenfalls ratifiziert. Darüber hinaus setzt die Europäische Kommission für die EU weiterführende Rahmenbedingungen.

Die 20-20-20-Ziele definieren drei Werte, die bis zum Jahr 2020 erreicht werden sollen (Basismessjahr ist 1990):

  • Minderung der Treibhausgasemissionen um 20 Prozent

  • Ausbau des Anteils erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung auf 20 Prozent, und

  • Verbesserungen der Energieeffizienz um 20 Prozent.

Diese Ziele wurden auf die EU-Mitgliedstaaten heruntergebrochen. Deutschland übernimmt nach dem sogenannten Lastenverteilungsabkommen 58 Prozent der Treibhausgasverringerung der EU. Das ist mehr als die Hälfte der gesamten vereinbarten Einsparungen (vgl. Abbildung oben).

Im Oktober 2014 beschloss die EU-Kommission den neuen Rahmen für die europäische Klima- und Energiepolitik bis zum Jahr 2030. Für die Treibhausgasemissionen wurde ein neues Reduktionsziel von 40 Prozent und für die erneuerbaren Energien ein Anteil am Energieverbrauch von 27 Prozent verbindlich festgelegt. Darüber hinaus konnte eine Steigerung der Energieeffizienz ebenfalls um 27 Prozent durchgesetzt werden, wobei es sich hierbei nur um ein „indikatives“ Ziel handelt, das 2020 überprüft werden soll. Insbesondere das Effizienzziel, das von der EU-Kommission ursprünglich mit 30 Prozent vorgeschlagen wurde, gilt in Expertenkreisen als unzureichend.

Energieeffizienz: Ungeliebt und vernachlässigt

Obwohl die EU von der Bedeutung der Energieeffizienz und ihrem positiven Beitrag zur Klima- und Energiepolitik überzeugt ist, wurde das für 2020 definierte Ziel (Verbesserungen der Energieeffizienz um 20 Prozent) für 2030 nicht konkretisiert. Die Bemühungen, das Thema Energieeffizienz verstärkt zu fördern, sind zwar vorhanden, reichen aber bei Weitem nicht aus.

Ein wichtiger Grund für die Verfehlung der Intentionen mag darin liegen, dass das Effizienzziel als einziges der drei 20-Prozent-Bestrebungen der EU nicht verpflichtend ist. Es wurde nicht im EU-Klima- und Energiepaket formuliert, sondern im Energieeffizienzplan und in der Energieeffizienzrichtlinie (2012/27/EU). Mit der Umsetzung dieser Richtlinie hapert es allerdings noch: So hat die Europäischen Kommission am 22. Juli 2014 wegen nicht vollständiger Umsetzung gegen Deutschland sowie 23 andere Mitgliedsstaaten ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet.

Die Experten-Kommission, die die Umsetzung der Energiewende und des Energiekonzepts der Bundesregierung aus dem Jahr 2010 laufend überprüft, unterstreicht die Bedeutung der Energieeffizienz für die Energiewende. Die Kommission sieht hier ebenfalls weiteren Handlungsbedarf, auch wenn in Deutschland schon einige Maßnahmen existieren, die zur Steigerung der Energieeffizienz beitragen – vor allem standardsetzende, ordnungsrechtliche Maßnahmen, Programme zur Investitionsförderung sowie Beratungs- und Kennzeichnungsprogramme.

EU-Maßnahmen wie das Energie-Label, das Energieeffizienzklassen für Haushaltsgeräte von A bis G unterteilt und das seit 1. September 2014 selbst für kleinere Geräte wie Staubsauger gilt, oder auch das Verbot konventioneller Glühlampen sind als Kennzeichnung und Wegweiser wichtig, werden aber in der Öffentlichkeit eher als bürokratische Kuriositäten empfunden. Dabei stecken auch in alten Haushaltsgeräten wie zum Beispiel Kühlgeräten Millionen an Kilowattstunden, die mit neuen, effizienten Geräten, eingespart werden könnten. Die Masse spielt hier eine große Rolle.

In ihrem zweiten Monitoring-Bericht „Energie der Zukunft“ zum Energiekonzept der Bundesregierung aus dem Jahr 2010 macht die Experten-Kommission deutlich, dass die bisherige Ausgestaltung nicht die Wirkungen erwarten lässt, die für den Erfolg der Energiewende mit ihren ambitionierten ­Zielen erforderlich sind [2]. Energieeffizienz-Maßnahmen sind zurzeit bei Weitem nicht ausgeschöpft. Doch warum ist das so? Die Meinung der Experten ist einhellig: Die technischen Möglichkeiten sind vorhanden. Zahlreiche Studien belegen Vorteile und Wachstumspotenziale mit eindeutigen Zahlen. Energieeffizienz ist ein wirksames Mittel, Kohlendioxid-Emissionen zu reduzieren. Dennoch sind die Impulse für Energieeffizienz aus Politik und Wirtschaft zu zaghaft und vor allem auf Sonntagsreden begrenzt. Im Alltag bedarf es einer stärkeren Aufklärung und einer entsprechenden Vermarktung, um das Potenzial von Energieeffizienz herauszustellen und die enormen Möglichkeiten zu nutzen.

Großes Wirkungspotenzial

Es gibt allerdings Anzeichen, dass in Zukunft die Weichen auch in Deutschland mehr auf „Energieeffizienz“ gestellt sind. So wurde das EU-Klimapaket für 2030 neu verhandelt und die Energieeffizienz-Richtlinie überarbeitet. Das EU-Parlament hat sich für ein verbindliches 40-Prozent-Ziel ausgesprochen.

In Sachen Energieeffizienz sendet Brüssel ebenfalls deutliche Signale: Im Juli 2014 legte die EU-Kommission einen Vorschlag im Bereich Energieeffizienz vor. Nach Berechnungen der Kommission können in der EU mit Effizienzzielen zwischen 30 und 35 Prozent bis 2030 zwischen 400 und 500 Milliarden Euro für Importe von fossilen Energieträgern eingespart werden. Im Oktober 2014 hat der Europäische Rat, wie schon gesagt, den neuen Klima- und Energierahmen bis zum Jahr 2030 beschlossen.

Wirtschaftsexperten bestätigen ebenfalls das Potenzial, das in Energieeffizienz steckt. So hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) deutlich gemacht, dass gesamtwirtschaftlich zwar erhebliche zusätzliche Investitionen erforderlich seien, um die angestrebten Energieeffizienzziele zu erreichen, dass die langfristig eingesparten Energiekosten jedoch diese deutlich übersteigen würden. Darüber hinaus wirken sich die Effizienz-Maßnahmen positiv auf das Einkommen und die Beschäftigung aus [3].

Eine von der internationalen Energie-Agentur (IEA) 2014 veröffentlichte Studie bestätigt, dass der potentielle Beitrag der Energieeffizienz von der Politik stark unterschätzt wird. Die Studie unterstreicht, dass sich Investitionen in Einsparmaßnahmen lohnen – nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch für die Industrie [4]. Je weniger Energie wir verbrauchen beziehungsweise je mehr Strom gespart wird, desto niedriger ist der Bedarf an fossilen oder erneuerbaren Energien. Weniger Heizwärme in Immobilien und weniger Treibstoff im Bereich Mobilität sparen Geld und bringen den Klimaschutz voran.

Es wird geschätzt, dass 40 Prozent des End-Energieverbrauchs und damit etwa ein Drittel der gesamten CO2-Emissionen in Deutschland durch die Nutzung von Gebäuden verursacht werden. Steigende Energie- und Nebenkosten machen energetische Sanierungen beziehungsweise Modernisierungsmaßnahmen notwendig. Energiepässe helfen bei der Orientierung und ermöglichen gleichzeitig Transparenz, was sich positiv auf den Energieverbrauch auswirkt.

Energieeffizienz ist günstig, sofort realisierbar und impliziert geringere Treibhausgasemissionen. Eine Erhöhung der Energieeffizienz führt zu Primärenergieeinsparungen. Argumente wie fehlende Finanzierungsmöglichkeiten oder zu lange Amortisationszeiträume scheinen nur auf den ersten Blick gegen die Investition in Energieeffizienzmaßnahmen zu sprechen. Denn benötigtes Kapital kann mittels erprobter Contracting-Modelle zur Verfügung gestellt werden, die als Dienstleistung Energieeinsparungen und Erfolg garantieren.

Energieeffizienz rechnet sich in jedem Fall: Die erzielten Einsparungen refinanzieren sich selbst (siehe Abbildung oben). Werden diese Einsparungen in weitere Energie­effizienz-Maßnahmen investiert, entsteht auf lange Sicht ein Kreislauf, der sich selbst trägt. Eine entsprechende Unternehmenspolitik, die langfristig plant und nicht auf kurzfristig erzielbare Kostenreduzierungen aus ist, kann eine Menge zur Umsetzung beitragen. Mit verbesserten Technologien und einem bewussteren Verbrauch von Energie eröffnen sich hohe Einspar­potenziale, die dafür sorgen, den Bedarf an fossilen Energieträgern in Deutschland in Zukunft drastisch zu senken.

Eindeutige Investitionsanreize gebraucht

Die Energiewende kommt trotz aller Diskussionen vor allem über Kosten und Umsetzung gut voran. Im Jahr 2012 waren die erneuerbaren Energien bereits die zweitgrößte Stromquelle. Die Treibhausgasemissionen konnten bis zum Jahr 2012 um über 20 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 gesenkt werden. Die Herausforderung ist, eindeutige Investitionsanreize unter Berücksichtigung einer gegebenen Wirtschaftlichkeit zu schaffen, die Bürger und Unternehmen überzeugen, in Energieeffizienz zu investieren und damit zum Gelingen der Energiewende beizutragen.

Ein grünes Gewissen zu haben, reicht als Motivator nicht aus. Einfach gesagt: Es muss sich rechnen. Wirtschaftliche Lösungen und Technologien zur Umsetzung von Energieeffizienz-Maßnahmen haben sich bereits bewährt und sind verfügbar. Energieeffizienz wird sich vom Stief- zum Lieblingskind der Energiewende entwickeln und Ergebnisse liefern, die überzeugen.

Weitere Informationen

[1] Donella und Dennis Meadows: Die neuen Grenzen des Wachstums, Rowohlt, 2001 [2] Stellungnahme zum zweiten Monitoring-Bericht der Bundesregierung für das Berichtsjahr 2012, März 2014, S. 10 ff. [3] DIW Wochenbericht Nr. 4/2014, Januar 2014 [4] IEA-Studie „Capturing the Multiple Benefits of Energy Efficiency”, September 2014

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